Schröder über Kohl "Sein Vermächtnis bleibt eine Verpflichtung"

Er schlug im Bundestagswahlkampf 1998 Helmut Kohl als SPD-Herausforderer - und beendete damit die 16-jährige Kanzlerschaft des Christdemokraten. Ein Gastbeitrag von Gerhard Schröder zum Tod seines Vorgängers.

Gerhard Schröder applaudiert Helmut Kohl nach Schröders Wahl zum Bundeskanzler, 27. Oktober 1998
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Gerhard Schröder applaudiert Helmut Kohl nach Schröders Wahl zum Bundeskanzler, 27. Oktober 1998


Mit dem Tod von Helmut Kohl hat unser Land einen großen Patrioten und Europäer verloren. Als sein Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland hatte ich stets für seine historische Leistung größten Respekt - auch wenn wir einen Wahlkampf gegeneinander geführt haben und in vielen politischen Fragen auseinanderlagen. Die Einigung unseres Landes und unseres ganzen Kontinents bleiben auf alle Zeit auch mit dem Namen von Helmut Kohl verbunden. Und die berechtigte Kritik an Verfehlungen und Verstößen gegen das Gesetz sollten dieses historische Verdienst nicht verdecken.

Wir haben im Bundestagswahlkampf 1998 hart miteinander gefochten; aber mir war immer wichtig, dass sein politisches Lebenswerk dabei nicht beschädigt wird. Der SPD-Slogan "Danke, Helmut Kohl, es reicht" sollte ja zweierlei zum Ausdruck bringen: Wir respektierten über Parteigrenzen hinweg die Leistungen dieses Mannes, aber es war nun die Zeit für einen Wechsel gekommen. Denn in der Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik war - auch bedingt durch die Folgen des Einigungsprozesses - der Reformdruck groß, zu groß geworden. Das Wahlergebnis, das für ihn den Machtverlust zur Folge hatte, bestätigte diese Sichtweise.

Nachdem ich das Amt des Bundeskanzlers übernommen hatte, stand daher im Inneren eine Politik der Reformen und der Öffnung im Mittelpunkt: In Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt, bei Rente und Gesundheit, in der Kultur- und Integrationspolitik. Hier musste Deutschland sich auf die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts einstellen. In der Europa- und Außenpolitik jedoch konnte und wollte ich in der Kontinuität von Helmut Kohl weiterarbeiten, denn es galt mit der Erweiterung der Europäischen Union um die osteuropäischen Staaten die unheilvolle Spaltung des Kontinents endgültig zu überwinden.

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Helmut Kohl: Der ewige Kanzler

Die Beitrittsverhandlungen, die während seiner Kanzlerschaft im Jahr 1997 begonnen hatten, wurden von mir auf dem Kopenhagener EU-Gipfel im Jahr 2002 zum Abschluss gebracht. Am 1. Mai 2004 kehrten die osteuropäischen Staaten - für uns Deutsche besonders wichtig: Polen - in die europäische Familie zurück. Ein Tag, an dem nicht nur ich als Bundeskanzler stolz war, sondern an dem auch Helmut Kohl von einer Glücksstunde sprach und sich wünschte, dass wir Europäer trotz aller Probleme nicht die politischen Visionen vergessen.

Dieses gemeinsame Europa als ein Ort des Friedens, der Stabilität und des Wohlstandes war ihm ein Herzensanliegen. Und deswegen waren für ihn - auf der Grundlage der transatlantischen Partnerschaft - die Beziehungen zu zwei Völkern von besonderer Bedeutung: zu Franzosen und Russen. Ihm war immer bewusst, dass die deutsch-französische Freundschaft und die deutsch-russische Partnerschaft die Basis für Frieden auf unserem ganzen Kontinent sind. Eine Lehre der Geschichte aus Jahrhunderten gegenseitiger Rivalitäten und Kriege. Eine Lehre, die wir auch heute nicht vergessen sollten.

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Helmut Kohls Beziehungen zu Russland und Frankreich war zudem geprägt durch seine Freundschaften zu Michail Gorbatschow, Boris Jelzin und François Mitterrand. Und hier wird deutlich, welchen Wert Freundschaften in der Politik haben können. Auch ich kenne dies aus meiner Amtszeit, denn mit den Präsidenten Jacques Chirac und Wladimir Putin habe ich gerade in der Zeit des Irakkriegs eng zusammengearbeitet. Auch die Osterweiterungen der Nato und der EU waren dadurch leichter zu erreichen. Helmut Kohl konnte in der schwierigen Phase 1989/1990, als es Widerstände gegen die Deutsche Einheit zu überwinden galt, auf die durch persönliche Freundschaften entstandene Vertrauensbasis setzen. Dieses Vertrauen war nicht Voraussetzung für die Einheit, aber es erleichterte das Finden von Kompromissen und Lösungen.

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Was Deutschlands Verhältnis zu Frankreich betraf, gab Helmut Kohl mir auf den Weg, "die Trikolore immer zweimal zu grüßen"; also besonderen Respekt vor der Geschichte und der Bedeutung unseres wichtigsten Nachbarn im Westen zu zeigen. Und im Verhältnis zu Russland mahnte er, nie die Gefühle und Ängste dieses im Zweiten Weltkrieg überfallenen und im Kalten Krieg geschlagenen Landes zu vergessen.

Seine Vision eines geeinten Europas hat sich noch lange nicht erfüllt. Als Helmut Kohl zusammen mit Mitterrand die gemeinsame Währung schuf, hatte er die politische Einheit als nächste Etappe vor Augen. Sie endgültig zu schaffen, ist bis heute nicht gelungen. Viele Europäer schauen mit Skepsis auf die Zukunft unseres Kontinents. Aber der Weg zur europäischen Einigung war immer von Rückschlägen gekennzeichnet. Helmut Kohl hat in den letzten Monaten seines Lebens öffentlich aufgerufen, das Ziel eines vereinten Europas aller Völker nie aufzugeben. Sein Vermächtnis bleibt eine Verpflichtung für die Handelnden von heute und morgen.

Zur Person
  • DPA
    Gerhard Schröder, Jahrgang 1944, wurde am 27. Oktober 1998 vom Bundestag zum siebten Kanzler der Bundesrepublik gewählt - und löste damit Helmut Kohl ab. Die Kanzlerschaft des Sozialdemokraten endete 2005. Vor seiner Zeit als deutscher Regierungschef war Schröder acht Jahre lang Ministerpräsident von Niedersachsen. Der SPD-Politiker lebt heute in Hannover als Rechtsanwalt.


insgesamt 52 Beiträge
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maxis.papa 16.06.2017
1.
Mir fällt es sehr schwer über seinen Tod zu trauern, dass ein Mensch gestorben ist, ist traurig, ja, aber der "Kanzler der Einheit" hat auch viele dunkle Seiten: Die Spendenaffäre mit seinen Versprechen den Spendern zur Verschwiegenheit, die "blühenden Landschaften" im Osten der Republik, auf die heute noch viele vergeblich warten, ... Möge er in Frieden ruhen, sein Vermächtnis ist für mich jedoch nicht halb so groß, wie es jetzt überall dargestellt wird, er war wohl nur zur rechten Zeit am rechten Ort.
Metternich 16.06.2017
2. Sein Vermächtnis
Sein Vermächtnis ist wirklich Verpflichtung, auch bei aller Kritik an seinem Fehlverhalten bezügl. der Spendenaffäre. Angela Merkel führt dieses Vermächtnis nicht in Kohls Weise fort, und nur durch dessen Affäre konnte sie überhaupt die politische Position erreichen, die sie heute hat. Sie hatte damals die Situation eiskalt ausgenutzt! Wir und die derzeitigen Politiker sollten uns an Kohls Einstellung zu Europa viel mehr erinnern. Es wird Zeit das zu tun!
velence 16.06.2017
3. Ein großer Europäer verlässt die Bühne.
Als Helmut Kohl 1982 diesen grandiosen Helmut Schmidt ablöste, haben wir ihn nicht nur belächelt, wir haben ihn mit Häme geradezu überschüttet. Er konnte am Ende seiner Karriere auf die längste Kanzlerschaft dieser Bundesrepublik zurückblicken. Er war durch und durch Europäer und hat für diesen europäischen Zusammenhalt geradezu alles getan. Seine enge Verbindung zu Frankreich, zu Mitterand, waren wegweisend für eine gelungene Weiterentwicklung des europäischen Gedankens. Die Wiedervereinigung Deutschlands, mit seinem Namen unmittelbar verbunden, war nicht die größte Leistung dieses Riesen. Das Zusammenhalten unseres Europas war seine große politische Leistung. Ich würde mir heute wünschen, dass seine konservative Nachfolgerung im Amt mehr Herz für dieses europäische Gebilde entwickeln könnte und dass nicht alles einem deutschen Spardiktat zum Opfer fällt. Kohl hatte früh erkannt, dass diese wiederveinte Deutschland die größten Profite aus diesm Zusammenschuluß zieht, dass es Wohlstand bringt und Frieden sichert. Das ich Helmut Kohl als traditioneller Linkswähler einmal vermissen würde, hätte ich 1982 nicht geglaubt. Trotz aller Affären war er ein ganz großer Mitgestalter dieses heute bestehenden Europas. Chapeau Helmut.
testuser2 16.06.2017
4. Früher war Kohl für mich "die Birne", heute erkenne ich Kohls Politik an
Meine Eltern SPD, daher war Kohl eher Feindbild - die Birne. Heutzutage denke, ich dass ich viele Ansichten und politische Entscheidungen Kohls unterstützt hätte und erkenne seine geradlinigen direkten Gespräche und Verhandlungen mit Politikern anderer Länder an. Seine Ansichten von einem geeinten Kern-Europa, das den Frieden in Europa sichern soll finde ich sehr gut, viel besser als die Europa-Politik von Angela Merkel. Anders als Merkel hat Kohl seine Politik nicht auf der Basis von Meinungsumfragen aufgebaut. Gregor Gysi hat zum Tode Kohls frei seine Gedanken geäußert, Merkel liest einen vorbereiteten Zettel vor.
carlitom 16.06.2017
5.
Zitat von maxis.papaMir fällt es sehr schwer über seinen Tod zu trauern, dass ein Mensch gestorben ist, ist traurig, ja, aber der "Kanzler der Einheit" hat auch viele dunkle Seiten: Die Spendenaffäre mit seinen Versprechen den Spendern zur Verschwiegenheit, die "blühenden Landschaften" im Osten der Republik, auf die heute noch viele vergeblich warten, ... Möge er in Frieden ruhen, sein Vermächtnis ist für mich jedoch nicht halb so groß, wie es jetzt überall dargestellt wird, er war wohl nur zur rechten Zeit am rechten Ort.
Ich weiß nicht, wie oft und wo Sie schon im Osten waren und vor allem, ob Sie vor der Wende auch dort unterwegs waren. Ich denke aber, dass Sie weder die eine noch die andere Erfahrung gemacht haben, sonst würden Sie sowas nicht behaupten. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, von der Restaurierung ganzer geradezu kriegsähnlich zugerichteter Städte und Landschaften über den Gegensatz zur Umweltverschmutzung damals bis hin zu Infrastruktur, Tourismus und Industrieansiedlung. Da ist so vieles passiert, dass es wirklich absurd ist, das zu leugnen.
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