Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler Die Legende von der Kanzlerberaterin

Kanzlerberater - ein Titel mit Klang. Auch Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler wird in den Medien gerne als Ex-Beraterin von Helmut Kohl vorgestellt. Aber was macht eigentlich ein Kanzlerberater? Und hat sie diesen Titel verdient?

DPA

Ein Debattenbeitrag von Gerd Langguth


In der Geschichte der deutschen Bundeskanzler gab es immer wieder "Berater". Einen fast mythischen Nimbus erwarb sich der Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs, dem Adenauer sehr vertraute. Unter dem Bundeskanzler Willy Brandt war es vor allem der Journalist Klaus Harpprecht, der sogar im Kanzleramt über ein eigenes Büro verfügte. Kanzler Schröder hatte weitgehend nur Berater aus seiner administrativen Umgebung - so vor allem seinen damaligen Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier und zahlreiche Beratungskreise, wie die Hartz-Kommission.

Auch Angela Merkel setzt stark auf die von ihr ausgesuchten offiziellen Berater wie den Kanzleramtsminister Ronald Pofalla oder die Abteilungsleiter im Kanzleramt, Nikolaus Meyer-Landrut (Europa), Christoph Heusgen (Außenpolitik) und Lars-Hendrik Röller, vormals Jens Weidmann (Wirtschaftspolitik) sowie Regierungssprecher Steffen Seibert und ihre Büroleiterin Beate Baumann. Sie hat im engeren Sinne keinen Berater außerhalb des administrativen Apparats.

Dennoch berät sie sich gelegentlich mit einzelnen Personen, etwa mit dem früheren Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Aber ist man dadurch schon "Berater"? Gelegentlich wird noch Hans Joachim Schellnhuber genannt, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Aber er wird sich auch der Tatsache bewusst sein, dass Aussagen von ihm leicht der Kanzlerin zugeordnet werden. Was ihr möglicherweise nicht immer gefällt.

Überhaupt haben Kanzler es nicht gern, wenn ihre "Berater" unter diesem Label in der Öffentlichkeit auftauchen. Das war vor allem bei Helmut Kohl der Fall. Da gab es den Walberberger Dominikanerpater Basilius Streithofen, der sich gerne als Kanzlerberater titulieren ließ, was das Kanzleramt zu einem Dementi bewegte; von dem Historiker Michael Stürmer distanzierte sich Kohl sogar öffentlich in einem Interview. Als "Berater" hatte sich einige Zeit hingegen der Münchner Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld profiliert, der dann immerhin für zehn Jahre Koordinator des Auswärtigen Amtes für die deutsch-amerikanischen Beziehungen wurde.

Wann und wie hat Höhler Kohl denn beraten?

Und Gertrud Höhler? Für die deutschen Medien zählt sie unwidersprochen zum exklusiven Zirkel der Kanzler-Flüsterer. Mal ist sie die "Unternehmens- und Kanzlerberaterin", häufig auch die "Autorin und einstige Kohl-Vertraute".

Liest man die Pressearchive jener Zeit, kommt sie als Beraterin allerdings überhaupt nicht vor, es wurde lediglich im Zusammenhang mit einer Rede Höhlers von einem Telefonat Kohls mit der Literaturwissenschaftlerin berichtet. Es fällt auf, dass Höhler eher schmallippig reagiert, wenn sie sich zu ihrer Kohl-Beratung äußern soll. Wann und wie lange und in welcher Form diese "Beratung" stattgefunden haben soll - darüber gibt es praktisch kaum Informationen.

Jedenfalls kann sich keiner aus der ehemaligen Kanzlerumgebung an eine Beratung Höhlers erinnern. Auszuschließen sind einzelne Gespräche von Höhler mit Kohl nicht, aber eine systematische und grundlegende Beratung wäre im Kanzleramt bekannt gewesen. Sie hatte "wahrscheinlich nicht einmal den Fuß bis zur Schwelle von Juliane" gesetzt, sagt heute ein Weggefährte Kohls. Juliane Weber war die damalige Büroleiterin, Chefsekretärin und Vertraute von Helmut Kohl.

Allerdings wurde in der Presse von politischen Ambitionen Höhlers berichtet. Sie soll als Nachfolgerin von Rita Süssmuth als Familienministerin gehandelt worden sein - und im Bundeskanzleramt antichambriert haben. Ein enger Berater des Bundeskanzlers trug diese Idee Helmut Kohl vor, der diese brüsk zurückwies und für abwegig erklärte. Höhler selbst macht Rita Süssmuth für den ablehnenden Bescheid verantwortlich. Doch Helmut Kohl besaß damals eine solche Machtfülle, dass Süssmuth Höhler gar nicht hätte verhindern können.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
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Seite 1
jalu-2008 25.08.2012
1. Frau Merkel
Ich habe nie CDU gewählt, ich werde es nie tun. Aber Frau Merkel hat durchaus meine Symphatie. Sie schein mir bescheiden, ehrlich und zielstrebig, Eigenschaften die andere Politiker vermissen lassen. CDU-CSU, das stand und seht doch für Seilschaften und Lobbyisten. Vorn angeführt von Leuten wie Kohl oder Strauß. Dass Merkel ihr unbequeme Mitbewerber aus dem Weg schafft, ist nicht zu übersehen. Wenn es sich dabei aber um Figuren wie Wulff handelt, dann tut sie diesem Land nur einen Gefallen. Vermutlich gibt es viel Neider in der CDU, anders kann ich mir diese recht primitiven Unterstellungen nicht erkären.
hubertrudnick1 25.08.2012
2. Frau Höhler
Zitat von sysopdapdKanzlerberater - ein Titel mit Klang. Auch Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler wird in den Medien gerne als Ex-Beraterin von Helmut Kohl vorgestellt. Aber was macht eigentlich ein Kanzler-Berater? Und hat sie diesen Titel verdient? Gertrud Höhler: Zweifel an ihrer Tätigkeit als Kohls Kanzlerberaterin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851820,00.html)
Diese Frau muss man nicht unbedingt ernst nehmen, wobei ich nicht damit gesagt haben will, dass ich mit der Arbeit und dem politischen, sowie Führungsstil der Frau Merkel einverstanden bin. HR
Christiane Schneider 25.08.2012
3. Eigentlich..
Zitat von sysopdapdKanzlerberater - ein Titel mit Klang. Auch Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler wird in den Medien gerne als Ex-Beraterin von Helmut Kohl vorgestellt. Aber was macht eigentlich ein Kanzler-Berater? Und hat sie diesen Titel verdient? Gertrud Höhler: Zweifel an ihrer Tätigkeit als Kohls Kanzlerberaterin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851820,00.html)
...schätze ich Herrn Langguths Beiträge. Hier konnte er sich nicht entscheiden, ob es eine Rezension des neuen Höhler Buches werden sollte oder ob Frau Höhler persönlich relativiert werden soll. Also startet man die Buchrezension mit einer persönl. Herabwürdigung um dann in der Folge das Buch gleich mit zu diskreditieren. Nur weil Herrn Langguth das Buch nicht gefällt, muß er nicht auch gleich die Person angreifen.
peterpahn 25.08.2012
4.
Ich habe Gertrud Höhler in erster Linie immer als Unternehmensberaterin wahrgenommen, so wurde sie bei ihren vielfachen Aufritten in Talk-Sendungen auch vorgestellt. Es stimmt zwar auch, dass ihr zumeist noch das Etikett der "Kanzlerberaterin" umgehängt wurde, aber das scheint mir im Zusammenhang der Vorstellung ihres neuen Buches überhaupt nicht wichtig. Denken wir z.B. an den Journalisten Michael Spreng. Auch bei ihm wird bei jeder Gelegenheit immer noch an seine Wahlkampf-Unterstützung für Stoiber erinert, obwohl das viele Jahre zurückliegt und er zuvor sein Leben lang bereits mit seiner journalistischen Arbeit auf sich aufmerksam gemacht hat und sogar Chefredakteur war. Kurzum: Es sind m.E. oft auch Reflexe in einer Redaktion, den Talk-Gästen ein Etikett aufzuprägen ("Wer war das nochmal, was schreiben wir in den Untertitel"). Was die Thesen von Frau Höhler angeht, da wird es wohl so sein, wie sie schreiben, dass sie in einigen Punkten übertrieben und zugespitzt hat, aber das ist eine bekannte Technik um Aufmerksamkeit zu erheischen. Dennoch beobachtet sie sehr viel Richtiges, was sie ja selbst zugegebn, und das Phänomen Merkel wird auch die Historiker in vielen Jahren noch brennend interssieren. Ich finden es nicht gut, wenn nun von interessierter Seite auf die Autorin eingedroschen wird und ihre persönlichen Motive für das Buch den Inhalt des Buches verwischen sollen.
mkpr 25.08.2012
5. Ladenhüter.
Wer nicht in der Politik tätig ist, kann nicht über Politik schreiben. Meiner Meinung und Erfahrung nach - ich arbeite als Arzt - bedingen Praxis und Denken einander, um richtig zu denken. Wenn jemand vom Schreibtisch im Elfenbeinturm über Politik schwadroniert, produziert er lästige Vorteile, meistens werden die Ladenhüter angeboten.
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