Toter Piraten-Politiker Gerwald Claus-Brunner Fall gelöst, Fragen offen

Der Pirat Gerwald Claus-Brunner tötete einen jungen Mann und sich selbst. Die Ermittlungen werden wohl eingestellt. Vieles in dem Fall ist erwiesen, einige Schauergeschichten bestätigten die Behörden bislang nicht.

Gerwald Claus-Brunner
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Gerwald Claus-Brunner


Vor vier Tagen wurde der Tod des Piraten-Politikers Gerwald Claus-Brunner bekannt. Am Montag dieser Woche war er im Alter von 44 Jahren in seiner Wohnung in Berlin-Steglitz tot aufgefunden worden, zusammen mit einer zweiten männlichen Leiche. In ersten öffentlichen Reaktionen mischte sich Schock mit Trauer. Ausgerechnet der "Latzhosenpirat", der "Kopftuchpirat", der zwar ungelenk, aber harmlos wirkte, soll sich umgebracht haben?

Über ein Gewalt- oder Tötungsdelikt wurde in den ersten Stunden nach Bekanntwerden kaum spekuliert, über den zweiten Toten war nichts bekannt. So lässt sich erklären, dass frühe Nachrufe auf Claus-Brunner fast wehmütig klingen. "Der sensible Riese", schrieb die "Bild", ein Abschiedstext im "Tagesspiegel" war nachdenklich gehalten.

Die Nachrufe wurden inzwischen aus dem Netz gelöscht.

Denn in den vergangenen Tagen ist viel passiert, ständig drangen neue Details nach draußen. Sie haben das Bild des gutmütigen Piraten schlagartig und gravierend verändert. Alles deutet darauf hin, dass Claus-Brunner den 29-jährigen Jan Mirko L. mit "stumpfer Gewalt", wie es im Polizeibericht heißt, tötete. Erst Tage später brachte er sich selbst um. Die Behörden gehen nicht von anderen Beteiligten aus. Deshalb werden die Ermittlungen wohl zeitnah eingestellt.

Was wir über den Fall wissen, und was nicht - ein Überblick.

1. Worüber haben die Behörden bislang informiert?

Die Leichen des Piraten-Politikers und seines Opfers waren am Montag in Claus-Brunners Wohnung im Stadtteil Steglitz entdeckt worden. Anlass für die Untersuchung war ein Abschiedsschreiben. Den Beamten bot sich nach Polizeiangaben "ein schauriges Bild". Der zweite Mann war laut Staatsanwaltschaft schon Tage zuvor in seiner Wohnung nahe dem S-Bahnhof Gesundbrunnen getötet worden. Claus-Brunner habe die Leiche in seine Wohnung transportiert und sich später selbst umgebracht. Die Leichen lagen in verschiedenen Zimmern.

Die Polizei geht davon aus, dass Claus-Brunner seinen Bekannten am Abend des 15. September durch Schläge auf den Oberkörper getötet habe. Vor seinem Suizid schickte er ein Paket mit persönlichen Gegenständen und einem Brief an einen früheren Lebensgefährten. Darin räumte er die Tötung eines 29-jährigen Mannes ein. Das Paket hatte den früheren Lebensgefährten allerdings nicht erreicht und wurde schließlich am Montag von Nachbarn der Polizei übergeben. Ob in dem Brief stand, wann und wie das Opfer starb, sagte die Staatsanwaltschaft bislang nicht.

Nach dem schriftlichen Geständnis ist der Fall für die Staatsanwaltschaft nun geklärt. Es gebe keine Hinweise auf eine Tatbeteiligung anderer. Deshalb werde die Staatsanwaltschaft den Fall nicht weiterverfolgen, hieß es am Donnerstag. Schließlich werde gegen Tote "nicht ermittelt".

2. Was weiß man über das Opfer?

Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich bei Claus-Brunners Todesopfer um Jan Mirko L., 29 Jahre alt. Im Parteiumfeld bestätigt man, dass es sich bei L. um dieselbe Person handelt, die Claus-Brunner jahrelang in sozialen Netzwerken als "Wuschelkopf" bezeichnete, dem er nahegestanden haben will. Offiziell geben die Behörden aus Datenschutzgründen aktuell keine Details zu Personalien bekannt.

Vor seinem eigenen Tod veröffentlichte Claus-Brunner ein Foto eines jüngeren Mannes auf Twitter. Nach SPIEGEL-Informationen zeigt das Motiv L. Der Eintrag stammt vom 16. September und ist unterschrieben mit den Worten: "Meine Liebe, mein Leben, für dich, lieber Wuschelkopf, für immer und ewig!" Das war Claus-Brunners letzte Nachricht auf Twitter.

Sehr wahrscheinlich hat L. kurzzeitig für Claus-Brunner gearbeitet. Der Abgeordnete hatte 2014 ein Kiezbüro in seinem Wahlkreis eröffnet. Frühe Tweets des Büros sind mit dem Kürzel "ml" gekennzeichnet. Schriftliche Hinweise auf eine aktive Mitarbeit gibt es momentan nicht, doch übereinstimmende Angaben aus dem Parteiumfeld bestätigen das frühere Angestelltenverhältnis.

3. Was weiß man über mögliche Motive Claus-Brunners?

Das Motiv "unerwiderte Liebe" liegt zumindest nahe. Laut Staatsanwaltschaft gab es wohl einen Stalkinghintergrund der Tat. L. könnte demnach von Claus-Brunner verfolgt und belästigt worden sein. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft hatte L. schon vor mehreren Wochen Claus-Brunner wegen Stalkings angezeigt. Einstige Weggefährten berichteten dem SPIEGEL, dass Claus-Brunner einem weiteren Mann nachgestellt haben soll.

Ob Jan Mirko L. alias "Wuschelkopf" und Claus-Brunner tatsächlich, zumindest für eine Zeit lang, eine Beziehung führten oder nicht, ist unklar. Sein Umfeld erzählt, dass Claus-Brunner 2011 und 2012 mehrfach mit Jan Mirko L. im Abgeordnetenhaus auftauchte. Ob die Beziehung über Freundschaft hinaus ging, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Nach einem Bericht des Berliner "Tagesspiegels" war L. zuletzt mit einer Frau liiert - zum Missfallen Claus-Brunners.

4. Welche Fragen sind offen?

Aus Ermittlersicht ist die Tat weitgehend aufgeklärt, einige Einzelheiten sind offiziell aber nicht abschließend geklärt. Dazu gehören Berichte, wonach Claus-Brunner sein totes Opfer mit einer Sackkarre durch Berlin gefahren haben soll. Die Staatsanwaltschaft sagt dazu: "Die Leiche muss transportiert worden sein - wie auch immer." Zum Thema schriftliches Geständnis kursierten mehrere Versionen: zunächst sollte ein Brief im Wahlkreisbüro hinterlegt, oder an ein Fraktionsmitglied geschickt, schließlich wiederum dem Paket an den Ex-Freund beigelegt worden sein.

Auch dafür, dass sich Claus-Brunner mit einem Stromschlag das Leben nahm, gibt es keine offizielle Bestätigung. Berichte, nach denen L. missbraucht worden sei, verifizierten die Ermittler ausdrücklich nicht. Das Ausmaß des mutmaßlichen Stalkingverhaltens ist unklar, ebenso, welche konkreten Folgen die Anzeige hatte.

Auch die mögliche persönliche Vorgeschichte, die zur Tat führte, lässt einige Fragen offen. Hatte er seinen Tod unbemerkt schon länger geplant? Hatte er Hilfsangebote nach einer beunruhigenden Parlamentsrede Ende Juni angenommen? Warum erfand er Monate vor seinem Tod eine unheilbare Krankheit, die in der Obduktion nicht festgestellt werden konnte?

Claus-Brunner war 2011 als Pirat der bundesweit ersten Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus bekannt geworden. Bei der Wahl zum neuen Landesparlament waren die Piraten am Sonntag an der Fünfprozenthürde gescheitert.

mit Material von dpa

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