Geschasste Amnesty-Chefin "Mein Ruf ist maximal geschädigt"

Die geschasste Geschäftsführerin von Amnesty International schlägt zurück: Monika Lüke wirft der deutschen Vereinsführung im Interview schwere Rufschädigung vor. Der Vorstand hatte ihr wegen "gravierender Differenzen" die Verantwortung entzogen - der Kampf ums Amt ist entbrannt.

Geschasste Amnesty-Chefin Monika Lüke: "Zusammenarbeit war nicht immer problemfrei"
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Geschasste Amnesty-Chefin Monika Lüke: "Zusammenarbeit war nicht immer problemfrei"


SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie von Ihrer Suspendierung erfahren?

Lüke: Mir wurde die Nachricht über meine Freistellung am 1. Juni um 21.55 Uhr per Briefbote überbracht. Als ich die Zeilen las, fiel ich aus allen Wolken. Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet. Schon gar nicht drei Wochen nach der Geburt meiner Tochter.

SPIEGEL ONLINE: Die Mitglieder des Vorstands haben sich geschlossen gegen Sie ausgesprochen, Amnesty führt einen "irreparablen Vertrauensbruch" und eine seit Monaten kriselnde Zusammenarbeit an. Gab es denn im Vorfeld gar keine Anzeichen für einen Bruch?

Lüke: Natürlich gab es Differenzen, wie in jedem Unternehmen und Verein. Die hatten aber nie ein Ausmaß erreicht, bei dem klar geworden wäre: Ich bin hier unerwünscht. Im Gegenteil, ich habe immer den Kontakt gesucht, jede Woche mit dem Vorstand telefoniert.

SPIEGEL ONLINE: Wo gingen die Vorstellungen auseinander?

Lüke: Das Thema Schwangerschaft war schon vor meiner Freistellung ein Thema. Es gab Unstimmigkeiten darüber, wie Mutterschutz auszulegen sei. Ich wollte auf der Feier zum 50. Gründungsjahr von Amnesty International auftreten und beim Höhepunkt - der Verleihung des Menschenrechtspreises - durch ein Grußwort präsent sein. Am Ende durfte ich zwar zur Preisverleihung kommen, allerdings ohne eine Rede zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Was führte letztenendlich zum Zerwürfnis?

Lüke: Ich habe bis heute, trotz mehrfacher Nachfragen meines Anwalts, keine konkrete Begründung bekommen, warum mein Arbeitsverhältnis aufgelöst werden soll. Im vergangenen Herbst gab es Streit über die Umstrukturierungen einzelner Abteilungen. Ich habe das Projekt aber nach den Vorstellungen des Vorstands umgesetzt, alles wurde abgesegnet. Das Thema, dachte ich, wäre längst erledigt.

SPIEGEL ONLINE: Amnesty kritisiert unter anderem, es habe Probleme mit einer externen Beratungsfirma und einer von Ihnen eingestellten Mitarbeiterin gegeben. Was ist dran an den Vorwürfen?

Lüke: Wie gesagt, die Zusammenarbeit war nicht immer problemfrei. Beide Fälle habe ich den Mitgliedern in einer Rundmail erklärt. Aber es gab keinen einzigen Vorfall, den man als grobe Zerstörung des Vertrauensverhältnis definieren könnte - geschweige denn eine Freistellung mitten im Mutterschutz rechtfertigt. Mein Ruf ist maximal geschädigt. Auch der Verein trägt einen Schaden davon.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Verdacht geäußert, der wahre Grund für Ihren Rauswurf sei Ihre Mutterschaft.

Lüke: Wenn ich nicht im Mutterschutz gewesen wäre, dann wäre ich nicht von meinen Aufgaben entbunden worden, davon bin ich überzeugt. Allein der Zeitpunkt der Entscheidung beweist doch, dass der Vorstand den Mutterschutz überhaupt nicht ernst nimmt - im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann beim weltweiten Flaggschiff der Menschenrechtsorganisation ein Streit derart eskalieren?

Lüke: Ich bin unglücklich darüber, dass der Streit in der Öffentlichkeit ausgefochten wird. Aber der Vorstand hat den ersten Stein geworfen. Eigentlich hatten sich die Anwälte beider Seiten bereits darauf geeinigt, die Freistellung zumindest für den Zeitraum des Mutterschutzes wieder zurückzunehmen. Kurz darauf teilte der Vorstand der Presse auf Anfrage mit, man habe mich freigestellt. Damit torpedierte er die Teillösung und schädigte mich nachhaltig.

SPIEGEL ONLINE: Auch Sie haben die Öffentlichkeit gesucht - und eine wütende Rundmail an alle Mitarbeiter geschrieben.

Lüke: Ich musste zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Seitens des Vorstands wird suggeriert, dass etwas ganz Gravierendes passiert sein muss. Das ist für mich nicht hinnehmbar.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie manchmal überfordert mit Ihrer Aufgabe?

Lüke: Jeder von uns macht Fehler. Gerade wenn grundlegende Veränderungen anstehen. Aber ich habe den Job gut gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn Sie sich mit dem Amnesty-Vorstand einigen sollten - wollen Sie überhaupt noch zurück?

Lüke: Ich mag meinen Job, mir liegt die Arbeit für Amnesty am Herzen. Von daher möchte ich Geschäftsführerin bleiben. Allerdings würde es schwierig sein, die Arbeit mit dem jetzigen Vorstand fortzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie im Moment privat mit der Situation um?

Lüke: Freunde haben mir geraten, nicht auf die Straße zu gehen, aber das lässt sich mit einem kleinen Kind kaum umsetzen. Allerdings gehe ich lieber nicht ans Telefon, wenn die Nummer unterdrückt ist. Eigentlich hatte ich mich auf einen Sommer mit meinem Baby gefreut - jetzt lese ich E-Mails, telefoniere, und versuche, den Schaden zu begrenzen. Ich fühle mich um meinen Mutterschutz betrogen, ich bin verletzt.

Das Interview führte Annett Meiritz

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Hajime, 10.06.2011
1. Lächerlicher Verein
Der ganze Verein gehört aufgelöst...ist doch sowieso nur ne Schwatzbude die Spendengelder versickern lässt. Praktischen Nutzen hat der Laden kaum
Glasperlenspiel, 10.06.2011
2. Ich habe irgendwo einmal gelesen, ...
... dass die Führung Amnesty International Deutschland 800.000 EUR per annum erhalten. Mein Mitleid hält sich bei solchen Leute in engen Grenzen.
badsch 10.06.2011
3. Hier gibt es wohl viele Anwärter(-innen)
Zitat von sysopDie geschasste Geschäftsführerin*von Amnesty International schlägt zurück:*Monika Lüke wirft der*deutschen Vereinsführung im Interview schwere Rufschädigung vor.*Der Vorstand*hatte*ihr wegen "gravierender Differenzen" die Verantwortung entzogen - der Kampf ums Amt ist entbrannt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,767929,00.html
Auf diesen Posten gibt es sicherlich viele Anwärter. Es ist fast schon beruhigend zu erfahren, dass der Kampf um solche "moralischen" Ämter genauso hart geführt wird, wie um andere politische Posten und Pöstchen.
derlabbecker 10.06.2011
4. Super...
... wegen alles und jedem gleich aufschreien, aber im eigenen Haus kann man mit Mitarbeitern nicht umgehen.
dla255 10.06.2011
5.
Geht es nur mir so oder bringt die Frau tatsächlich bei jedem 2. Satz ihr Kind ins Spiel, bzw. verweist auf ihren Mutterschutz? Ich bin zwar nicht mit der Qualität ihrer geleisteten Arbeit vertraut, aber das weckt bei mir dann doch den Verdacht, als würde sie nach ihrem Rauswurf(?) ganz massiv den Emanzipationsjoker ausspielen wollen, so nach dem Motto: "Ach, ich habs in der patriarchistischen Chefebene ja so schwer, keiner nimmt Rücksicht auf mein Kind und nachdem ich wegen meinem Mutterschutz rausgeworfen wurde, traue ich mich nicht auch mehr auf die Straße.. ;__;".
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