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27. März 2008, 17:31 Uhr

Gescheiterter Transrapid

"Das ist ein gigantischer Scherbenhaufen"

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude hat jahrelang gegen den Flughafen-Transrapid gekämpft. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE freut sich der SPD-Politiker über den Stopp des "Stoiber-Express" - und verspricht einen neuen Anlauf für eine umweltschonende Alternative.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten eine Wette laufen, dass Sie in Ihrer neuen Amtszeit bis 2014 den Transrapid nicht einweihen würden, weil er nicht fertig werden würde. Was haben Sie gewonnen?

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), 60: Erleichtert über das Transrapid-Aus
AP

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), 60: Erleichtert über das Transrapid-Aus

Ude: Leider nur eine Flasche Sekt. Aber dass ich die Wette so schnell gewinnen würde, habe ich auch nicht gedacht. Das Tempo, mit dem der Transrapid in sich zusammengekracht ist, hat selbst mich überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Sie standen über Jahre an der Spitze des Kampfes gegen den "Stoiber-Express". Verspüren Sie Genugtuung?

Ude: Zunächst einmal verspüre ich Erleichterung, weil eine akute Bedrohung von mehreren Münchner Stadtteilen abgewendet worden ist, die durch den Transrapid schwer geschädigt worden wären - von der Borstei über die Olympia-Pressestadt bis Feldmoching.

SPIEGEL ONLINE: In der CSU macht man lange Gesichter. Was bedeutet das Transrapid-Debakel für die bayerische Staatsregierung?

Ude: Aus ihrem Leuchtturmprojekt wurde ein gigantischer Scherbenhaufen. Da ist nicht nur finanzpolitische, sondern auch verkehrspolitische Kompetenz kaputtgegangen. Und dann musste der Ministerpräsident auch noch zugeben, dass er keinen Plan B hat, weil er sich vollkommen in die Hand des Industriekonsortiums begab, von dem er jetzt mit der Kostenexplosion ins Abseits gestellt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Es gab allerdings eine Zeit, da waren auch Sie dem Transrapid in München gegenüber nicht abgeneigt …

Ude: Das ist eine schamlose Verdrehung. Im Jahr 2001 hatte mich der frühere CSU-Wirtschaftsminister Otto Wiesheu wegen der Verteilung von Transrapid-Milliarden zwischen Nordrhein-Westfalen und Bayern angesprochen. Weil ich die Metrorapid-Planungen in NRW für noch hirnrissiger hielt, habe ich damals in der Tat gefordert, München nicht von vornherein auszuschließen. Damals gab es aber über den Transrapid mehrere falsche Behauptungen: Erstens hieß es, das Ganze würde Bayern nichts kosten. Zweitens, der Transrapid sei ein Flüsterzug - was ich erst in Shanghai überprüfen konnte - das Ergebnis war niederschmetternd. Und drittens stand damals ein Transrapid über die Messe zur Debatte, also eine vollkommen andere Trasse. Jetzt wird ein sieben Jahre altes Zitat, das auf Täuschungen der Transrapid-Befürworter zurückgeht, völlig aus dem Zusammenhang gerissen.

SPIEGEL ONLINE: Der Transrapid war großes Wahlkampfthema. Sind Sie froh, dass das Prestigeobjekt der CSU erst nach der Kommunalwahl gescheitert ist?

Ude: In der Tat hatte die CSU in den betroffenen Stadtteilen erdrutschartige Verluste, denen entsprechende Gewinne der SPD gegenüberstanden. Auf der anderen Seite hat die CSU den gesamten Kommunalwahlkampf mit falschen Zahlen bestritten, während die wirklichen Kosten nun fast doppelt so hoch liegen. Die Stunde der Wahrheit sollte über die Wahl hinweggeschleppt werden, damit man im Wahlkampf den Oberbürgermeister noch als Technikmuffel hinstellen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Die 1,85 Milliarden haben Sie und alle anderen Kritiker ja immer angezweifelt, aber dass die Kosten nun derart explodiert sind …

Ude: … das hat mich allerdings auch sehr überrascht. Ich habe immer mit 2,5 Milliarden gerechnet. Aber wir haben zuletzt gerade bei Kupfer und im Bauwesen allgemein gewaltige Preissteigerungen zu verzeichnen, die die Staatsregierung einfach negiert hat.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Kosten: Für Mitte April ist ein Bürgerentscheid zum Transrapid angesetzt, der rund 500.000 Euro kosten wird. Findet die Abstimmung trotz des Scheiterns statt?

SPIEGEL ONLINE; Google Earth

Ude: Bisher sind für Papier und Druck 400.000 Euro angefallen. Findet der Bürgerentscheid statt, erhöhen sich die Kosten auf etwa eine halbe Million. Aber die will ich in Relation stellen zu den 1,4 Milliarden Euro öffentlicher Gelder, die bereits in die Transrapid-Technik investiert worden sind, und zu den mehr als 40 Millionen, die für die Münchner Fehlplanung verheizt worden sind. Da wird man uns die halbe Million zur Verhinderung dieser Verschwendung von Steuergeldern nicht ernsthaft vorwerfen wollen. Über einen Stopp des Bürgerentscheids kann nur der Stadtrat entscheiden. Die Befürworter des Bürgerentscheid werden am Montag beraten. Aber allein auf der Grundlage politischer Erklärungen wäre ich vorsichtig - wir haben schon viele Täuschungsmanöver erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Die Transrapid-Technik selbst haben Sie einmal als "faszinierend" bezeichnet. Hat die Faszination sich nun endgültig erledigt?

Ude: Die Technik ist in der Tat faszinierend gewesen - allerdings zu einer Zeit, als sie doppelt so schnell war wie der Eisenbahnverkehr. Inzwischen gibt es bereits viele transeuropäische Strecken, die die gleichen Geschwindigkeiten erreichen und dabei erheblich preisgünstiger sind. Die große Zeit der Chancen des Transrapids neigt sich dem Ende.

SPIEGEL ONLINE: Die Verbindung zwischen Münchner Innenstadt und Flughafen ist wirklich nicht die beste. Kommt nun die Express-S-Bahn?

Ude: Die Express-S-Bahn ist jetzt in der Tat die überzeugendste Zukunftslösung. Sie würde nicht nur die Flughafenanbindung beschleunigen, sondern brächte auch die Tieferlegung der S-Bahn mit sich. So werden Umweltprobleme beseitigt, während der Transrapid neue geschaffen hätte.

SPIEGEL ONLINE: Die CSU spricht von einer "Phantom-Alternative". Wie konkret sind die Planungen und vor allem was würde diese Bahn kosten?

Ude: Am Projekt Express-S-Bahn wurde schon gearbeitet, ehe der Transrapid überhaupt erfunden wurde. Dann verschwanden die Pläne blitzschnell in der Schublade. Wir haben eine Machbarkeitsstudie vorgelegt, wonach die S-Bahn-Linie so beschleunigt werden könnte, dass man mit ihr von vielen Orten in der Innenstadt genauso schnell am Flughafen wäre wie man es mit dem Transrapid gewesen wäre. Die Kosten liegen zwischen 600 und 800 Millionen Euro - also früher ein Drittel, jetzt sogar nur noch ein Sechstel dessen, was der Transrapid verschlungen hätte.

Das Interview führte Philipp Wittrock

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