Geschockte Genossen "Das ist politischer Selbstmord"

Von blankem Entsetzen bis zur Euphorie reichte die Bandbreite der Reaktionen bei den im Willy-Brandt-Haus versammelten Sozialdemokraten, als Parteichef Müntefering vorgezogene Neuwahlen ankündigte. Einig sind sie sich nur in einem: dass sie vollkommen überrascht wurden.

Von Yassin Musharbash


SPD-Anhänger in NRW: "Das geht doch total in die Hose"
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SPD-Anhänger in NRW: "Das geht doch total in die Hose"

Berlin - Groß war das enttäuschte Raunen, als die ersten Hochrechnungen der NRW-Wahl über die an jeder Ecke aufgestellten Bildschirme im Willy-Brandt-Haus flackerten. Doch als wenig später der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering in der Berliner Parteizentrale vor die Kameras trat und verkündete, er und Bundeskanzler Gerhard Schröder hätten sich entschieden, noch in diesem Herbst vorgezogene Bundestagsneuwahlen durchzuführen - da fuhr den versammelten Sozialdemokraten deutlich sichtbar der Schock in alle Glieder.

"Auf jeden Fall ist das besser, als sich jetzt noch über ein Jahr lang von der Oppoition vorführen zu lassen", sagte eine Berliner Sozialdemokratin. Es sei "eine kluge und gescheite Entscheidung", die die Parteiführung da völlig überraschend ausgeheckt habe.

"Ich arbeite noch daran, das zu verarbeiten", sagte ein anderes SPD-Mitglied, der kopfschüttelnd mit einer Flasche Warsteiner und einer Portion "Düsseldorfer Senfsuppe" am Buffett stand. "Wir werden aus dem Stand einen Wahlkampf organisieren müssen, das ist auf jeden Fall klar", seufzte er. Ob die Chancen denn besser seien, wenn schon 2005 gewählt würde? "Prost", lautet die Antwort. "Jetzt trinken wir erst einmal einen auf den Schock!"

"Ich bin entsetzt"

"Das ist politischer Selbstmord", fürchtet dagegen ein Sozialdemokrat aus dem Süden Deutschlands. "Ich bin entsetzt." Die politische Führung, vermutet er, wolle jetzt wohl wissen, "was Sache ist". Große Chancen für den Machterhalt rechnet er sich aber nicht aus.

Etwa 200 Menschen hatten sich heute Abend ab Viertel nach Fünf in der Berliner SPD-Zentrale versammelt, um an der "Wahlparty" der SPD teilzunehmen, die allerdings wegen der harschen Niederlage der Sozialdemokraten zwischen Rhein und Ruhr ins Wasser fiel. Doch Münteferings Ankündigung verdrängte das NRW-Wahlergebnis vollkommen. "Es ist an der Zeit, dass in Deutschland die Verhältnisse geklärt werden", hatte Müntefering gesagt. Fortan gab es an den Stehtischen, zwischen Apfelsaft und Rotwein, kein anderes Gesprächsthema mehr.

"Das geht doch total in die Hose", sagte ein junger Mann, der in Berlin als Mitarbeiter eines SPD-Abgeordneten arbeitet. Nicht einmal "im Ansatz" habe er geahnt, dass solch ein drastischer Schritt erwogen wurde. Seine Gesprächspartnerin, ebenfalls SPD-Mitglied, freute sich dagegen: "Ich glaube, dass das Volk das versteht und unterstützt", sagte sie. Auch auf den Wahlkampf freue sie sich schon. "Jetzt zeigen wir es denen noch mal", kündigte sie euphorisch an und freute sich darüber, dass ihre Partei immer noch dazu in der Lage sei, "alle zu überraschen".

SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter, der kurz vor sieben Uhr das Foyer betrat, erklärte SPIEGEL ONLINE, die Entscheidung, Neuwahlen zu suchen, sei richtig. "Sie haben doch gesehen, wie die Union alles blockiert", erklärte er. Auf die Frage, ob er in das Manöver eingeweiht worden war, antwortet er vieldeutig: "Jetzt wissen es alle." Mittlerweile machen indes bereits Gerüchte die Runde, dass der Überraschungsangriff der SPD-Spitze erst heute im Laufe des Tages in Absprache mit der Grünen-Führung beschlossen wurde.



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