Geschwänzter Pressetermin Gebeutelter Linke-Chef Ernst taucht ab

Luxusleben, hohe Einkünfte, Vermischung privater und dienstlicher Flüge: Die Kritik an Klaus Ernst wird immer schärfer. Eigentlich wollte der Linke-Chef zu den Vorwürfen Stellung nehmen - doch dann erschien auf der Pressekonferenz nur sein Vize. Sogar Parteifreunde sind irritiert.

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Berlin - Wo ist Klaus Ernst? Diese Frage muss man sich normalerweise nicht stellen. Denn Linken-Chef Ernst gilt als einer, der keine Kamera, kein Mikrofon auslässt und sich fröhlich polternd in jede Talkshow setzt. Doch an diesem Montag ist er plötzlich von der Berliner Bildfläche verschwunden - wegen "unaufschiebbarer Termine", wie eine Sprecherin der Linkspartei erklärt. Statt wie angekündigt Parteichef Ernst steht zur Mittagszeit sein Stellvertreter Heinz Bierbaum vor der roten Medienwand im Karl-Liebknecht-Haus.

Dabei hatte man sich an diesem Tag ein bisschen Aufklärung von der Ernst-Pressekonferenz versprochen. Und zwar in eigener Sache: Was ist mit der Vermischung von privaten und dienstlichen Flügen, denen inzwischen die Staatsanwaltschaft nachgeht? Was entgegnet der Linken-Chef jenen Kritikern - auch aus der eigenen Partei -, die dem Vorsitzenden der Hartz-IV-Partei seinen Porsche und den gepachteten Bauernhof in Österreich missgönnen? Und wie rechtfertigt Ernst gegenüber den Genossen die Extra-Bezüge für den Parteivorsitz, während seine Co-Chefin Gesine Lötzsch darauf verzichtet?

Ach, das alles sei doch "so viel Aufhebens gar nicht wert" sagt Stellvertreter Bierbaum in der Linken-Zentrale. Außerdem gebe es "große Unterstützung aus der Partei" für den Vorsitzenden, das möchte sein Vize ausdrücklich betonen.

Rücktrittsforderungen aus zwei Kreisverbänden

Was Bierbaum nicht sagt: Es gab ebenfalls Rücktrittsforderungen aus zwei baden-württembergischen Kreisverbänden gegen den Parteichef, mehrere Linken-Politiker aus Bund und Ländern äußerten zuletzt heftige Kritik an Ernsts Einkommenspolitik.

Warum also geht der Parteichef an diesem Montag nicht in die Offensive?

Eine Antwort ist weder von Bierbaum noch von der Parteisprecherin zu bekommen. Der Sprecherin zufolge soll allerdings schon am Samstagmorgen festgestanden haben, dass Ernst nicht bei der Pressekonferenz auftreten werde - eine entsprechende Mitteilung habe aufgrund von "technischen Problemen" nicht alle Empfänger erreicht. Welchen Termin der Linken-Chef seinem Berliner Auftritt vorzog, will auch das Bundestagsbüro von Ernst nicht verraten. Um einen privaten Krankheits- oder Trauerfall handelt es sich jedenfalls nicht, so viel immerhin ist zu erfahren.

Noch am Sonntagabend trat Ernst beim Sommerfest des Linken-Kreisverbands im schwäbischen Aalen auf, dort hielt er eine einstündige Rede. Der Auftritt sei ein voller Erfolg gewesen, ist zu hören - kritische Nachfragen seien ihm nicht gestellt worden.

Aber Aalen ist nicht Berlin. Andererseits, selbst Kritiker des Linken-Chefs können sich nicht vorstellen, dass einer wie Ernst kneift. Dafür sei der kämpferische Gewerkschafter aus Bayern nicht der Typ.

Neue Kritik an Ernst

Dass er sich der öffentlichen Auseinandersetzung mit den Vorwürfen entzieht, kommt bei den Ernst-Kritikern nicht gut an. Ein führender ostdeutscher Linker glaubt: "Transparenz wäre in dieser Angelegenheit besser." Offenbar habe der Parteichef gegen keine bestehende Regel verstoßen, sagte er SPIEGEL ONLINE - Ernsts Problem sei "seine mangelnde Sensibilität". Ein anderer Spitzen-Linker aus den neuen Ländern meint zum Wegducken von Ernst: "Das war sicher nicht besonders schlau."

Ernst, der in der Partei ohnehin als Vorsitzender von Oskar Lafontaines Gnaden gilt, droht damit weiter an Autorität zu verlieren. Und ausgerechnet Lafontaine ist es, der Ernst in den vergangenen Wochen besonders lautstark gegen alle Anschuldigungen verteidigte.

Ernsts Co-Chefin Gesine Lötzsch dagegen fällt nicht durch demonstrative Rückendeckung für ihren Kollegen auf. Dem "Tagesspiegel am Sonntag" sagte Lötzsch auf die Frage, ob sie schon einmal im Porsche von Ernst mitgefahren sei. "Porsche ist doch das Auto, wo man mit dem Schuhlöffel einsteigen muss. Das ist nichts für mich."

insgesamt 180 Beiträge
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Zorpheus 09.08.2010
1. Vermischung privater und dienstlicher Flüge?
Ging es nciht bisher nur darum, dass er einen Flug beim Bundestag abgerechnet hat, den er bei der Gewerkschaft hätte abrechnen müssen?
Florian Geyer, 09.08.2010
2. Der letzte WASG`ler in der Ostpartei!
Zitat von sysopLuxusleben, überhöhte Einkünfte, Vermischung privater und dienstlicher Flüge: Die Kritik an Klaus Ernst wird immer schärfer. Nun wollte der Linke-Chef zu den Vorwürfen Stellung nehmen - doch dann erschien auf der Pressekonferenz nur sein Vize. Sogar Parteifreunde sind irritiert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710916,00.html
Die liebe SPD wird schon gewußt haben, warum sie dieses Mitglied seinerzeit rausgeschmissen hat. Herr Ernst hat leider ein Problem und das ist im Zeitalter von Multimedia überlebensnwichtig: Er wirkt auf dem Bildschirm für den Betrachter unsymphatisch. Aber losgelöst von weichen Themen, Herr Ernst ist der letzte WASG`ler von Bedeutung in dieser Ostpartei. Und die Linke ist und bleibt eine Ostpartei, in den alten Bundesländern spielt diese Partei keine Rolle, es sei denn Koryphäen wie Frau Ypsilanti oder Frau Kraft machen sie trotz gegenteiliger Beteuerung hoffähig.
Sapientia 09.08.2010
3. Das hauptsächliche Lebenselexier von Spießern...
Zitat von sysopLuxusleben, überhöhte Einkünfte, Vermischung privater und dienstlicher Flüge: Die Kritik an Klaus Ernst wird immer schärfer. Nun wollte der Linke-Chef zu den Vorwürfen Stellung nehmen - doch dann erschien auf der Pressekonferenz nur sein Vize. Sogar Parteifreunde sind irritiert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710916,00.html
besteht doch erst einmal darin, anders Denkende klein zu reden. Es ist im übrigen typisch deutsch, einem Linken vorzuschreiben, wie er sein Leben zu gestalten hat; mit den Denkergebnissen des Linken hat das alles nichts zu tun. Sind seine Gedanken deshalb nicht mehr ernst zu nehmen, weil er nicht korrekt das Leben führt, welches die Spießer ihm materiell zubilligen? Wohl kaum. Das schreibt jemand, der sich nicht als links im Sinne der Linken betrachtet.
elpaso, 09.08.2010
4. Da sieht man es doch ganz deutlich
auch bei diesen ewig den moralischen Zeigefinger hebenden professionellen Gutmenschen wird geheuchelt was das Zeug hält. Offenbar kein auschließliches Privileg der schwarz/gelben Steuerschwänzerparteien.
Iwan Denissowitsch 09.08.2010
5. Vorbildfunktion
Selbstverständlich hat man als Linker in dieser Position eine Vorbildfunktion. Luxus-Hotels und Flüge auf Kosten der Steuerzahler sind damit ausgeschlossen. Man kann nicht leben, was man bei Managern immer wieder kritisiert. Herr Ernst sollte leise abtreten und den kleinen Anwalt aus Berlin gleich mitnehmen. Wiedersehen. Tschüss. Schönes Leben noch.
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