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Gesellschaft 2067: Warum die westlichen Werte siegen werden

Patchwork- statt Kernfamilie, selbstständig statt angestellt, lebenslang Single statt ewig gebunden: Zukunftsforscher Matthias Horx entwirft im SPIEGEL-ONLINE-Interview die Gesellschaft 2067. Seine Prognose: Die westliche Kultur wird den Fundamentalismus besiegen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Horx, Sie sind kein Hellseher, sondern Zukunftsforscher. Wie funktionieren Aussagen über die Zukunft?

Matthias Horx: Der Unterschied zwischen Prophezeiung und komplexer Prognostik ist, dass wir versuchen, Entwicklungen in der Gesellschaft zu verstehen und sie in die Zukunft zu zeichnen. Dabei kommt man auf hohe Plausibilitäten - aber man kann natürlich keine singulären Ereignisse voraussagen. Es geht darum zu verstehen, wie gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Systeme funktionieren, welche Mega-Trends die Grundlage der globalen Entwicklungen sind. Dann kann man relativ verlässliche Aussagen über die Zukunft machen.

McDonald's-Restaurant in Saudi-Arabien: "Deutliche Entwicklung zu einer Weltkultur"
AP

McDonald's-Restaurant in Saudi-Arabien: "Deutliche Entwicklung zu einer Weltkultur"

SPIEGEL ONLINE: Heute fürchten die Deutschen Umfragen zufolge sozialen Abstieg, Klimawandel und internationalen Terrorismus. Was beschäftigt sie in 60 Jahren?

Horx: Wahrscheinlich sehr ähnliche Themen, weil sich in unseren gesellschaftlichen Ängsten die archaischen Befürchtungen der Menschheit widerspiegeln. Die Deutschen haben über Jahrhunderte eine angstdominierte, zukunftsskeptische Kultur entwickelt – ein sehr nachhaltiger Kulturcode, der wahrscheinlich auch in 60 Jahren vorherrscht. Auch materieller Erfolg und Umweltfragen werden noch zentral sein. Wobei sich bis dahin natürlich manche Entwicklungen als nicht so schrecklich herausgestellt haben werden, wie wir sie heute wahrnehmen. Nehmen wir die globale Erwärmung: Ich bin mir sicher, dass sie sich als weniger drastisch herausstellen wird. Wir werden neue Technologien entwickeln, die den CO2-Ausstoß reduzieren. Man wird sehen, dass viele Schreckensbilder, die heute in den Medien und im kollektiven Bewusstsein kursieren, überspitzt waren.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Matthias Horx: Nehmen Sie die weltweite Wohlstandsentwicklung: In 60 Jahren werden 70 bis 80 Prozent der Menschen in einem Wohlstandsmodell leben, das in etwa unserem der sechziger Jahre entspricht. Schon heute haben Milliarden Menschen die Schwelle zum Wohlstand überschritten. Bis Mitte des Jahrhunderts wird diese Entwicklung den ganzen Fernen Osten, China, Indien und die angrenzenden Länder betreffen. Und auch in Afrika werden wir zunehmend zumindest Wohlstandsinseln erleben. Wir hatten zu Beginn des Kalten Krieges eine viel stärkere Spaltung zwischen Arm und Reich. Eine sehr viel höhere Prozentzahl an Menschen lebte in wirklichem Elend, die Welt-Analphabetenrate war doppelt so hoch wie heute, es gab auch viel mehr Kriege als heute. Viele globale Entwicklungen sind auf einem guten Weg. Wir werden in 60 Jahren mit Sicherheit eine andere politische Weltstruktur haben.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Horx: Was sich heute langsam abzeichnet, wird dann realisiert sein: eine Weltpolizei, eine Weltgerichtsbarkeit. Wir üben als Menschheit schon lange, aber langsam etwas erfolgreicher an der Frage: Wie können wir Garantien gegen Völkermord, Unterdrückung, Krankheit und Tod geben? Dies ist das Projekt des 21. Jahrhunderts. Ich bin da sehr optimistisch. Wir leben im Zeitalter des neuen Moralismus. Große globale Unternehmen kümmern sich zunehmend um soziale Fragen. In der Bevölkerung wächst Bereitschaft zum Engagement. Und langsam entwickeln sich auch sowohl militärisch als auch politisch Strukturen, um die Probleme der sogenannten Failed States zu lösen.

SPIEGEL ONLINE: In 50 Jahren könnte manchen Prognosen zufolge jeder Dritte in Deutschland nichtdeutscher Herkunft sein. Wie wird das Miteinander verschiedener Kulturen geregelt - kommt es zum Kampf der Kulturen?

Horx: Ich denke nicht. Wir erleben eine deutliche Entwicklung zu einer Weltkultur, zur "globalen Urbanität". Die großstädtische Kultur, die immer eine Multikultur war, wird ihren Radius weiter ausdehnen. Das ist ein langer Übungsprozess, der auf vielen Kontinenten langsam glückt: das Wachstum großer multikultureller Siedlungskonglomerate, in denen Menschen unterschiedlicher Religion und Kultur zusammenleben, ohne sich gegenseitig zu massakrieren. Das gilt prinzipiell auch für die islamische Welt. In Dubai wachsen riesige Städte mit Discos, Bars und Business aus dem Wüstensand. Man kann sich vorstellen, wie Urbanisierung in 60 Jahren weltweit eine Globalkultur erzwingt. Die wachsenden Städte sind abhängig von internationalem Handel, Mobilität, Toleranz, entsprechend entwickeln sich Ökonomien und Kulturen. Genau das spricht gegen kulturellen Fundamentalismus – und wird ihn auflösen.

SPIEGEL-ONLINE-Serie
DER SPIEGEL wird 60 – SPIEGEL ONLINE blickt in die Zukunft: Wie wird die Welt in 60 Jahren aussehen?

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SPIEGEL ONLINE: Die Stadt als Rettung vor Fundamentalismus?

Horx: Ein zweiter wesentlicher Faktor: Fundamentalistische Kulturen existieren vor allem in Ländern mit hohen Geburtenraten. Wenn die Familien sechs, sieben Söhne haben, die zum großen Teil arbeitslos sind, erzeugt dieser Youth Bulge Radikalismus. Wir sehen aber heute schon, dass auch in den Schwellenländern die Geburtenraten fallen. In Iran liegt sie bei 2,2 Kindern, in Bangladesch bei 2,3 - vor 20 Jahren brachte dort eine Frau durchschnittlich 6,5 Kinder zur Welt. Die großen Alterskohorten der "unzufriedenen jungen Männer" wird es Mitte des Jahrhunderts nicht mehr geben. Alle Gesellschaften werden dann altern, damit verändern sich weltweit die soziokulturellen Grundlagen – eher in Richtung des westlichen Modells.

SPIEGEL ONLINE: Zurück nach Deutschland. Viele Menschen werden hierzulande in Zukunft auf lange Sicht immer mal wieder arbeitslos sein, sagen viele Experten. Stimmt das?

Horx: Dass immer mehr Menschen arbeitslos sind, stimmt so nicht. Seit vielen Jahren nimmt der Anteil an Erwerbsarbeit zu: Heute arbeiten auch Frauen, und immer mehr atypische Arbeitsverhältnisse entstehen. Grob lässt sich für Europa sagen, dass vor 100 Jahren rund 30 Prozent aller Erwerbsfähigen Arbeit hatten, vor 50 Jahren rund 50 Prozent. Heute sind es 70 bis 80 Prozent, Tendenz steigend...

SPIEGEL ONLINE: ...es gibt also nicht weniger Arbeit?

Horx: Nur die Arbeitsformen ändern sich, und das bisweilen so heftig und schnell, dass manche Menschen keinen Anschluss mehr an die Erwerbssphäre finden. Es wird in 60 Jahren keinen lebenslangen Erwerbsentwurf mehr geben wie im industriellen System, wo Menschen mit einer Ausbildung bis zur Rente immer im selben Beruf geblieben sind. Arbeit wird immer vielfältiger, fraktaler, sie löst sich von den starren Zeitrhythmen des Industriezeitalters, von den alten Vertragsformen. Vermutlich haben wir im Jahr 2050 30 bis 40 Prozent Selbstständige. Das klassische Angestelltentum wird eher minoritär.

SPIEGEL ONLINE: Die Gesellschaft wird immer prekärer?

Horx: Es kommt darauf an, was man unter prekär versteht. Ist das nur Unsicherheit – oder auch Freiheit? Schon heute arbeiten Millionen Menschen als Freie, Fest-Freie, kreative Dienstleister, Project-Worker, wie auch immer. Und zwar weil sie das wollen, Flexibilität suchen und eine bessere Work-Life-Balance. Dadurch müssen keineswegs die Sicherheiten sinken. Wir müssen auf mehreren Beinen stehen. Verschiedenste Erwerbsphasen und -formen werden sich abwechseln. Immer mehr neue Berufe entstehen: der Wellness-Sektor, neue Dienstleistungsformen vom Life Coaching bis zum Systemspezialisten, neue technische Berufe. Arbeit wird vielfältiger, vermehrt sich dadurch. Darauf müssen wir unser Bildungssystem ausrichten. Unser Bildungssystem ist im frühen Industrialismus entstanden – es atmet immer noch den Geist der Fabrikgesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Patchwork-Familien, Fernbeziehungen, immer mehr Scheidungen - wie sieht die Familie der Zukunft aus?

Horx: Auch da gilt das Gesetz der wachsenden Vielfalt. Wir werden unterschiedliche soziale Konfigurationen durchleben, auch die klassische Kleinfamilie – aber schon dadurch, dass wir immer älter werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, irgendwann mal wieder allein zu leben. Wir bleiben in gewissem Sinne lebenslang Singles. Selbst wenn wir heiraten und Kinder bekommen, bewahren wir unseren Eigen-Sinn und entwickeln unsere Persönlichkeit autonom weiter. Nur eben im Verbund mit anderen. Kombi- und Patchworkfamilien werden relativ normal sein. Und im Alter werden die Menschen neue Formen von Wahlbündnissen entwickeln, die einen WG-Charakter haben können. Diese Vielfalt benötigt andere kulturelle Werte. Man könnte von einer Wandlungskultur sprechen...

SPIEGEL ONLINE: ...das heißt?

Horx: In dieser Wandlungskultur ist die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit in den Wechselfällen des Lebens das höchste Ziel. Der Lebenssinn in einer Gesellschaft in der wir bei guter Gesundheit 90 Jahre alt werden, könnte Weisheit sein. So könnte uns eine Art neuer Renaissance bevorstehen.

Das Interview führte Anna Reimann.

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