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Gesellschafts-Studie: Die letzte Volkspartei leidet unter Verschleiß

Von Franz Walter

Ob jung oder alt, gebildet oder ungebildet, oben oder unten: Die SPD erreicht im Gegensatz zur Union als einzige Partei alle Bevölkerungsgruppen zugleich. Diese bemerkenswerten Erkenntnisse sind Teil ausgerechnet jener Studie, die kürzlich die Unterschicht-Debatte ausgelöst hat.

Vor einigen Wochen hatte die Republik das Thema "Unterschichten" entdeckt. Jedenfalls für einige Tage. Dann zog die Karawane der meinungsprägenden Zeitungskommentatoren, wie es so üblich ist, unverzüglich zum nächsten Sujet verkaufsfördernder Erregung weiter.

Auf die "Unterschicht" war die frühere Partei eben dieser "Unterschicht" gestoßen, die SPD des Kurt Beck also, weil die ihr nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung durch das Institut "TNS Infratest Sozialforschung" eine Untersuchung der deutschen "Gesellschaft im Reformprozess" durchführen ließ. Bemerkenswerterweise hat sich diesseits der Unterschichten-Aufregung dann im Folgenden kaum jemand für den Rest der Expertise interessiert, die als größere Studie allerdings auch erst Ende des Jahres publiziert wird.

Bettler in Berlin-Friedrichshain: Die Ebert-Studie schätzt das "abgehängte Prekariat" auf acht Prozent der Bevölkerung - was jedoch nicht die einzige interessante Erkenntnis der Analyse ist
DDP

Bettler in Berlin-Friedrichshain: Die Ebert-Studie schätzt das "abgehängte Prekariat" auf acht Prozent der Bevölkerung - was jedoch nicht die einzige interessante Erkenntnis der Analyse ist

Ein wenig schade ist das schon. Schließlich sind solche Erhebungen sündhaft teuer; schon darum sollte man aus Gründen der Pietät vor Leistung und Geld der Beteiligten ein wenig länger und gründlicher dabei verweilen. Im Übrigen, ganz und gar uninteressant ist die Studie schließlich nicht.

Ihre Macher haben die Bevölkerung in neun verschieden politische Lebenswelten eingeteilt, die von den "Leistungsindividualisten" (11 Prozent der Bevölkerung) bis eben zu den "abgehängten Prekariat" (8 Prozent) reicht, wie die hernach als Unterschicht etikettierte Gruppe im Jargon der Infratest-Experten firmierte. Dazwischen haben wir noch

  • die "etablierten Leistungsträger" (15 Prozent),
  • die "kritischen Bildungseliten" (9 Prozent),
  • das "engagierte Bürgertum" (10 Prozent),
  • die "zufriedenen Aufsteiger" (13 Prozent),
  • die "bedrohte Arbeitnehmermitte" (16 Prozent),
  • die "selbstgenügsamen Traditionalisten" (11 Prozent) und
  • die "autoritätsorientierten Geringqualifizierten" (7 Prozent).

Man mag solche Zuordnungen mechanisch oder artifiziell finden, die Begrifflichkeit als stilisiert ablehnen. Doch auch Werbewirtschaft und private Unternehmen operieren mit solchen Lebensstilgruppen. Da es dort kühl und utilitaristisch allein um Rendite geht, werden sich die hartgesottenen Manager schon nicht auf nutzlosen semantischen Firlefanz eingelassen haben, so dass man getrost vermuten darf, dass solche Modelle zur Vermessung der gesellschaftlichen Topographie von Einstellungen und Bedürfnisse ihren Erklärungswert besitzen.

Natürlich, einiges hätte jeder wache Beobachter der gesellschaftlichen Vorgänge auch ohne das Zahlenwerk der Demoskopie-Empiriker über die Mentalitäten in der deutschen Gesellschaft des Jahres 2006 in gleicher Güte erzählen können.

So illustrieren uns noch einmal hohe Prozentsätze, dass bei zahlreichen Deutschen erheblich soziale Ängste kursieren; dass die Entfremdung der Bürger gegenüber der Politik unschöne Ausmaße angenommen hat; dass die Bindungen des Souveräns an die Parteien erheblich geschrumpft sind. Nun ja.

Mehr Aufmerksamkeit weckt, dass trotz aller Lamentos und eines enormen Sicherheitsbedürfnisses doch fast drei Viertel der Bundesdeutschen sich in schwierigen Situationen einigermaßen selbstbewusst auf die eigene Flexibilität verlassen. Und gewiss interessant ist, wie sehr die Familie - vor 30 Jahren zuweilen noch als Stätte der psychischen Deformation und verkorksten Sozialisation scheel angesehen - zum Flucht- und Haltepunkt der Bundesbürger nahezu aller Bevölkerungskreise geworden ist.

Fast fürchtet man, dass die Familie unter der Bürde solch überfrachteter Erwartungen in mittlerer Zukunft und nach der Erschöpfung aller anderen, sie früher noch entlastenden Institutionen gleichsam unweigerlich in die Knie gehen muss.

Die SPD - die ausgewogene Volkspartei schlechthin

Doch ging es den Sozialforschern primär nicht um die Erkundung der Familie, sondern um politische Einstellungen. Den Auftraggebern dürfte gefallen haben, dass die SPD derzeit - nimmt man allein den Querschnitt der Repräsentanz - die ausgewogene Volkspartei schlechthin ist.

Zumindest ist sie in allen neun von Infratest identifizierten Milieus mit mehr als 25 Prozent, bei einer Ausnahme mit mehr als 30 Prozent der Wähler vertreten. Das gelingt der Union mittlerweile nicht mehr gleichermaßen flächendeckend; den übrigen Parteien erst recht nicht.

Es ist in der Tat kein Zufall, dass die SPD im Unterschied zu früheren Jahrzehnten auf der nationalen Ebene seit einiger Zeit inzwischen ziemlich sicher im Kabinett sitzt. Sie umwölbt mehr Spektren - von oben bis unten, von Jung bis Alt, von Gebildeten bis Ungebildeten, von Etatisten bis Marktfans - als der christdemokratische Rivale. Das hat ihr die zentrale Klammerfunktion für die Regierungsbildung verschafft.

Doch ist der Bogen, den sie dabei schlagen muss, denkbar weit gespannt; und wie sehr das den Sozialdemokraten gerade in ihrem früheren Wählerkern und in der Mitte der eigenen Aktivitas Probleme bereitet, konnte man in den vergangenen Jahren des rasanten Mitglieder- und Stammwählerverschleißes prägnant beobachten. Soziale und kulturelle Dehnung, kurzum, ist Vorzug und Belastung zugleich.

Bürgerliche wählen nicht mehr zwingend bürgerlich

In früheren Jahrzehnten, als die Gegensätzlichkeiten im eigenen Wählerlager noch durch großzügige Verteilungspolitik dank üppiger volkswirtschaftlicher Wachstumsraten vergleichsweise friktionslos auszutarieren waren, war die Union die Partei in der ganzen Breite und Weite der Bevölkerung. Das hat sich nunmehr geändert.

Natürlich: Nach wie vor gibt es durch und durch christdemokratisch eingefärbte Lebenswelten, während sich dergleichen für die Orte der SPD nicht sagen lässt. In keinem der neun Infratest-Milieus gelingt es den Sozialdemokraten, eine absolute Mehrheit an Zustimmung auf sich zu bündeln. Dazu ist die CDU in der Gruppe "etablierter Leistungsträger" und "zufriedener Aufsteiger" immer noch in der Lage.

Doch insgesamt fällt auf, dass die Union in Lebensbereichen und Kohorten überdurchschnittlich stark vertreten ist, die man - sicher etwas roh - als weit überaltert und schwer reproduzierbar charakterisieren mag. Es ist jedenfalls außerordentlich zweifelhaft, ob die seit der Adenauer-Zeit überlieferten Hochburgen in, sagen wir, 20 Jahren gesellschaftlich noch existieren werden.

Ein paar Gedanken über ihre Zukunft muss sich die Union jedenfalls unzweifelhaft machen. Bürgerlichkeit und Wahl einer bürgerlichen Partei werden keinesfalls mehr zwingend zusammengehen. Schon die konventionellen Wählerschichtungsanalysen der vergangenen Jahre haben deutlich zum Vorschein gebracht, dass die altbürgerlichen Parteien kaum noch Zuspruch im jungen Bildungsbürgertum finden. Auch die Infratest-Studie veranschaulicht das.

Bessergebildete als Brennspiegel der Orientierungslosigkeit

Der höchste Anteil der "Bessergebildeten" vereint sich in der Wertegruppe der sogenannte "kritischen Bildungselite". Das ist fraglos ein hochmodernes, rundum bürgerliches Gesellschaftssegment: beruflich mobil, urban, tertiär, mit dem höchsten Haushaltseinkommen schlechthin in Deutschland. Es ist zugleich tieftraurige Diaspora für CDU/CSU und FDP, die dort jeweils lediglich 15 Prozent der Wähler für sich gewinnen. Die junge, besserverdienende, dabei kritische Bildungselite steht mehrheitlich irgendwie links, oszillieren in diesem Lager munter - oder auch unsicher - zwischen SPD, Grünen und Linkspartei. Ihre Zugehörigen werden in der Infratest-Studie explizit - auch das ist für die Christdemokraten bedrohlich - als entscheidende Multiplikatoren und Kommunikatoren ausgewiesen, als diejenigen Leute mithin, die Meinungen und Trends setzen.

Nur: Besonders sattelfest ist diese Elite des Postindustrialismus politisch und normativ nicht. Vieles bei ihr ist widersprüchlich, ungefestigt, mürrisch, suchend. Hier, in der nachwachsenden Avantgarde der Republik, findet man brennspiegelartig das Orientierungsdilemma der bundesdeutschen Gesellschaft insgesamt.

Besser sieht es da in der Gruppe des "engagierten Bürgertums" aus, in der sich CDU/CSU allerdings ebenfalls - wenngleich nicht gar so hoffnungslos - in der Minorität befinden. Das "engagierte Bürgertum" bildet gewissermaßen das demokratische, bürgergesellschaftliche Herz des Landes zwischen Zittau und Aachen, zwischen Rostock und Passau.

Hier stößt man auf die meisten bekennenden und aktiven Unterstützer der Demokratie, Menschen mit ehrenamtlichem Einsatz und Verfechter einer solidarischen Gesellschaft. Gewiss nicht zufällig ist der Frauenanteil groß. In keiner anderen Gruppe gibt es so viele Hausfrauen und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. Auch findet man etliche religiöse Menschen, die ihren Glauben aktiv praktizieren. Insofern erfahren wir erneut, partiell übrigens auch im Milieu der "zufriedenen Aufsteiger", wie elementar der Vorrat an verfügbarer Zeit, auch die Sicherheit eines Arbeitsplatzes und eine feste sozialmoralische Norm sind für demokratische, soziale Handlungsbereitschaft.

Leistungsindividualisten à la Westerwelle

Dagegen folgen aus dem Leistungsethos allein keineswegs automatisch zivilgesellschaftliche Tugenden. Im Gegenteil, pures Leistungsstreben korreliert eher negativ mit gesellschaftlichem, politischem Engagement. Zumal dann, wenn das Motiv einer beispielsweise über Religion vermittelten Ethik komplett fehlt.

Nachgerade idealtypisch dafür steht die Gruppe der "Leistungsindividualisten". Die erwerbstätigen Männer dominieren dort: Befürworter zügig umzusetzender Sozialreformen und schroffe Gegner staatlicher Regelungen. Das Haushaltseinkommen ist überdurchschnittlich; man hat - selbstverständlich - privat für das Alter vorgesorgt. Freiheit und Unabhängigkeit ist diesem Personenkreis konstitutiv.

Kurzum: Er präsentiert sich so, wie aus einer Sonntagsrede des Guido Westerwelle entsprungen. Dort tummeln sich die Mustertypen des Liberalismus - mit denen allein eine liberale Demokratie allerdings nicht weit käme. In den Worten der Infratest-Sozialforscher: Sie wollen wenig Verpflichtungen eingehen, sich nicht durch moralische Grundsätze einengen lassen; sie grenzen sich massiv von solidarischen Werten ab; sie sind an gesellschaftlichen Aktivitäten kaum interessiert.

Diese Gruppe hatten neuliberale Reformer und Ideologen stets frohlockend vor Augen, wenn sie schwärmerisch Innovationen und Veränderungen postulierten. Ganz und gar enttäuscht muss man aber nicht sein, dass diese Variante des Liberalismus in Deutschland doch nur recht gebremst zum Vollzug gekommen ist.

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