Gesetzesreform: Schmidt wirbt weiter für Pflege-Urlaub

Von Severin Weiland

Das Kabinett hat die Gesetzesnovelle zur Pflegereform verabschiedet. Einen bezahlten Pflege-Kurzurlaub für Angehörige konnte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt nicht durchsetzen. Nun hofft sie auf die gesellschaftliche Debatte und parlamentarische Beratungen.

Berlin - Einen Punkt hätte Ulla Schmidt bei der Pflegereform gerne noch mit dabei gehabt, wie sie heute in der Bundespressekonferenz freimütig einräumte: eine bis zu zehn Tage bezahlte Freistellung für Angestellte, die sich um einen pflegebedürftigen Menschen in ihrer Familie kümmern müssen.

Doch die Union blockte die Vision der Bundesgesundheitsministerin ab.

Bundesgesundheitsministerin Schmidt: "Irgendwann" werde der bezahlte Pflege-Kurzurlaub Realität
AP

Bundesgesundheitsministerin Schmidt: "Irgendwann" werde der bezahlte Pflege-Kurzurlaub Realität

Die Idee, dass gerade am Beginn einer Pflegezeit die Angehörigen Zeit brauchen, wird zwar auch bei CDU und CSU im Prinzip gut geheißen. Nicht aber der Umstand einer bezahlten Pflegezeit. Im Gesetzesentwurf zur Pflegereform, der heute vom Kabinett verabschiedet wurde, gibt es daher lediglich einen Anspruch auf eine unbezahlte, bis zu zehntägige Freistellung. Im Zweifelsfall heißt das: Man zahlt ihn aus eigener Kasse oder nimmt sich zehn Tage seines bezahlen Jahresurlaubs.

"Es gab keine Einigung in dieser Sache", so die SPD-Ministerin. Niedergeschlagen wirkte sie dennoch nicht. Es sei zwar jetzt so entschieden worden im Kabinett. "Dafür muss ich aber nicht meine Meinung einstellen", warb Schmidt weiter für ihren Plan.

Auch wenn der bezahlte Pflege-Kurzurlaub in der Novelle fehlt, so hält Schmidt viele andere Punkte im Reformgesetz für gut. Folglich gab sie ihm am Mittwoch im Kabinett auch ihre Zustimmung. Das umfangreiche Konvolut, das am 1. Juli 2008 in Kraft treten soll, wird nun Bundesrat und Bundestag zugeleitet. Zu den wichtigsten Neuerungen zählen:

  • Für die Dauer von bis zu sechs Monaten gibt es für die Pflege von Angehörigen einen Anspruch auf unbezahlte, sozialversicherte Freistellung von der Arbeit.
  • Die Beiträge zur Pflegeversicherung von derzeit 1,7 Prozent werden ab dem 1. Juli 2008 um 0,25 Prozentpunkte auf 1,95 Prozent erhöht. Im Gegenzug wird der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung von derzeit 4,2 auf 3,9 Prozent verringert.
  • Bei Kinderlosen wird der derzeitige Beitrag von 1,95 Prozent auf 2,2 Prozent erhöht. Dies soll jährliche Mehreinnahmen von 2,5 Milliarden Euro bringen und den Bedarf bis Anfang 2015 sicherstellen.
  • Sogenannte Pflegestützpunkte sollen aufgebaut werden, in denen sich Bürger individuell beraten lassen können. Niemand solle mehr von Pontius zu Pilatus rennen müssen, so Schmidt.
  • Pflegeinrichtungen und Dienste sollen regelmäßig und unangemeldet überprüft werden.
  • Die Pflegesätze werden erstmals seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 angehoben. Dabei wird besonders die häusliche Pflege gestärkt.
  • Erstmals werden Demenzkranke in die Pflegeversicherung aufgenommen. Altersverwirrte, psychisch Kranke oder geistig behinderte Menschen erhalten eine Zusatzleistung von bis zu 2400 Euro jährlich, auch wenn sie einen Betreuungsbedarf, aber noch keinen erheblichen Pflegebedarf haben.

Ministerin setzt auf parlamentarische Beratungen

Schmidt sprach von einem Werk, mit dem sich die Große Koalition sehen lassen könne. Was ihre Vision eines bezahlten Pflege-Kurzurlaubs angeht, so setzt sie noch auf Veränderungen im Verlaufe der weiteren parlamentarischen Beratungen. Kein Gesetz verlasse den Bundestag wie es hineingehe. "Warum soll das in diesem Fall anders sein", so die Ministerin.

Doch ob Schmidts Hoffnung noch in dieser Legislaturperiode Realität wird, ist fraglich.

Die Union zeigte bislang keine Neigung, sich zu bewegen. Im Mittelpunkt ihrer Kritik: die Kostenfrage. So hatte der CDU-Pflege-Experte im Bundestag, Willi Zylajew, Schmidts Pläne als nicht finanzierbar bezeichnet. Bei jährlich 500.000 Erstpflegefällen koste die Umsetzung bei einem zu ersetzenden Einkommen von durchschnittlich 1500 Euro letztlich 750 Millionen Euro, so der CDU-Politiker vor einigen Wochen.

Schmidt hielt dem CDU-Politiker am Mittwoch in der Bundespressekonferenz vor, die Basis seiner Berechnungen seien "nicht richtig". Bei freiwillig Versicherten liege das Krankengeld bei maximal 110 Euro, die Mehrheit der Bürger sei aber in der gesetzlichen Krankenversicherung. Dort liege das Durchschnittskrankengeld bei 40 Euro. "Warum übernimmt man Zahlen ohne nachzurechnen", fragte Schmidt. Ihr Ministerium schätzt die Kosten auf bis zu 90 Millionen im Jahr.

Auf der heutigen Kabinettsitzung hatte die Bundesgesundheitsministerin ihr Thema eines bezahlten Pflege-Urlaubs trotz des Dissens mit dem Koalitionspartner hochgehalten. Sie habe darauf hingewiesen, dass die Debatte in der Gesellschaft weitergehen und den Gesetzentwurf begleiten werde, erzählte sie danach. Es gebe Menschen, die könnten sich eine unbezahlte Freistellung erlauben. Bei vielen aber gehe es an die Grenze des Möglichen, so die SPD-Ministerin.

Was ihr Projekt angeht, ist Schmidt optimistisch - auf lange Sicht. Sie erinnerte an einen ähnlich gelagerten Fall: Die bezahlte Freistellung von Eltern, die sich um kranke Kinder kümmern. Das sei auch viele Jahre diskutiert worden, bis daraus dann gesetzliche Praxis wurde. Im Fall der Pflege sei das "noch nicht so in der Gesellschaft angekommen". Doch "irgendwann" werde der bezahlte Pflege-Kurzurlaub "Realität".

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1. Pflege
Kulle 31.08.2007
Ich selber war auf der such nach einem Heimplatz für meine Mutter, falls Sie ein Pflegefall wird, was glücklicherweise nicht eingetreten ist. Sie könnte in Ihrer eigenen Wohnung bleiben. Was ich aber bei der Suche so gesehen habe war schon bedenklich. Die Pflegeheime, die akzeptabel waren, können sich die meisten Rentner nicht leisten, Pflegegelt und Rente reichen nicht aus. Wer hat schon 2000 Euro Rente. Das ganze System ist ein Sklandal. Jeder wird mal alt, und was dann? Vegitieren in einem Altenheim?
2.
Hans Bergmann 31.08.2007
Zitat von sysopDie Diskussion über die aktuellen Zustände in deutschen Pflegeheimen schlägt hohe Wellen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Pflegeversicherung und Heimen? Herrscht wirklich Unterversorgung vor? Oder sind viele Heime eher gut geführt?
Also, ehrlich gesagt, ich verstehe diese plötzliche Aufregung nun gar nicht. Ich verfolge seit mehreren Jahren in den Medien, wie skandalös die Verhältnisse in der Pflege zum Teil sind. Mit Filmbeiträgen und Aussagen von beteiligten Personen wurde und wird dies immer wieder dokumentiert. Und es gibt ein Gesicht dazu: Claus Fussek wird nicht müde, diese Mißstände so oft es nur geht, öffentlich anzuprangern. Und jetzt kommt plötzlich dieser "überraschende" Bericht. Wo sind wir denn eigentlich? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
3. Verstoß gegen die Menschenwürde!
joaka 31.08.2007
Verstoß gegen die Menschenwürde! Es ist ein Schande was sich in den Pflegeheimen abspielt. Aus eigener Anschauung gesehen.Die Schuld haben nicht die Pflegeheime alleine , sondern auch der Staat. Sicherlich gibt es viele Pflegeheime, als auch ambulante Pflegedienste die nicht nur die Pflege im Sinn haben, sondern schlicht gesagt nur das große Geld verdienen wollen. Das Geld alleine aus der Pflegekasse reicht nicht aus. Die Frage die sich stellt hat der Staat nicht die Pflicht für diese Leute zu sorgen? Ich meine ja, das bedeutet hier müssten Steuergelder zum Einsatz kommen. Das Geld ist da, wenn ich sehe jedes Jahr werden bis 50 Milliarden Euro vom Bundesrechnungshof als Fehlausgaben des Bundes, der Länder und Kommunen angemahnt. Diese Geld kann nützlicher eingesetzt als das der Bund, die Länder oder Kommunen diese Milliarden verschleudert. Es muss auch ein Umdenkungsprozess bei den Politikern einsetzen. Die Frage die sich stellt ist dieser menschenunwürdige Umgang mit den Pflegebedürftigen kein verstoß gegen das Grundgesetz, ich finde hier wird die Menschwürde auf gröbster Art und Weise verlet
4. Pflege in Deutschland
herberger 31.08.2007
Mein demenzkranker Vater befindet sich seit einem halben Jahr im Pflegeheim. Es geht ihm gut und es gefällt ihm dort, denn es kümmert sich jemand um seine Erfordernisse. Jedem, der über schlechte Pflege klagt, möchte ich empfehlen, einmal nur einen Tag in einem Pfegeheim zu verbringen. Menschen, die nicht mehr alleine Ihre Notdurft verrichten können, nicht mehr in der Lage alleine zu essen, durch Alterverwirrtsein wirre Laute von sich geben und nicht mehr wissen, wo sie sind und was sie den ganzen Tag machen sollen, weil sie nicht mehr auf irgendetwas konzentrieren können. Die, die sich am meisten über die schlechte Pflege beklagen, kümmern sich am wenigsten um ihre Angehörigen, verlangen aber vom Pflegepersonal eine 24 Stunden-Rundumbetreuung ihres Angehörigen. Ob es aber erstrebenswert ist, unter diesen Umständen, mit allen Mitteln, sehr alt zu werden, möchte ich nur für mich selber entscheiden.
5.
Gerhard60 31.08.2007
Zitat von sysopDie Diskussion über die aktuellen Zustände in deutschen Pflegeheimen schlägt hohe Wellen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Pflegeversicherung und Heimen? Herrscht wirklich Unterversorgung vor? Oder sind viele Heime eher gut geführt?
Die Pflege gehört zur öffentlichen Daseinsfürsorge, doch immer mehr Kommunen flüchten durch Privatisierung aus der Verantwortung. Finanznot wird als Argument angeführt. Pflegeheime sind soziale Einrichtungen und keine Wirtschaftsunternehmen, werden aber durch die Privatisierung als solche geführt. Wenn mit dem geringsten Einsatz von Mitteln der größtmögliche Gewinn erzielt werden soll, bleibt zwangsläufig die Qualität der Betreuung auf der Strecke. MitbürgerInnen, die zunehmend in Altersarmut leben, können sich qualifizierte private Pflegeheime nicht leisten. Eine frühzeitige private Vorsorge ist durch die persönlichen Lebensumstände oft nicht möglich. Eine Reduzierung von Sozialabgaben ist gleichbedeutend mit einer Reduzierung von Sozialausgaben, wie es seit Jahren zu beobachten ist. Es ist an der Zeit, daß der Lobbyismus in der Politik unterbunden wird.
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