Gespräch mit falschem Müntefering: Ypsilanti-Ulk bei YouTube aufgetaucht

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Sieben Minuten telefonierte Andrea Ypsilanti mit einem Radiomoderator, der sich als Franz Müntefering ausgab. Hessens SPD-Chefin untersagte dem Sender zwar umgehend die Ausstrahlung, doch inzwischen kursiert das unvorteilhafte Gespräch auf YouTube.

Hamburg - Der falsche Müntefering heißt Jochen Krause. Er ist Stimmenimitator beim Radiosender ffn. In seiner Sendung mit dem schrillen Namen "crazyphone" veräppelt er Prominente. Als Müntefering-Imitator schlägt sich Krause eher bescheiden. Das dunkle, gerollte "R" des alten und neuen SPD-Chefs sitzt ihm zu tief im Rachen. Es rasselt bisweilen mehr als zu rollen.

SPD-Chefin Ypsilanti: Unvorteilhaftes Gespräch im Internet
REUTERS

SPD-Chefin Ypsilanti: Unvorteilhaftes Gespräch im Internet

Auch inhaltlich ist der falsche "Münte" alles andere als glaubwürdig: In dem Gespräch, das in Auszügen jetzt auf der Online-Plattform YouTube aufgetaucht ist, bietet er Ypsilanti unter anderem einen Job in der SPD-Spitze an. Die Position von SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sei alles andere als "heilig", habe er in dem Telefonat gesagt. So kolportieren es mehrere Blogs.

Der unheilige Heil-Posten - das ist nicht nur ziemlich lahm gekalauert. Es ist eine Aussage, die ein Polit-Profi wie Müntefering wohl kaum am Telefon treffen würde.

Dennoch: Andrea Ypsilanti ist auf die dürftige "Münte"-Parodie hereingefallen, als sie am 10. September gegen 14 Uhr mehrere Minuten mit dem Imitator telefonierte. Als ffn den Ulk aufklärte, lachte die Geleimte zwar, verbot dem Sender aber, den Gaga-Dialog auszustrahlen. Sie trug dem Sender stattdessen auf, sich an SPD-Fraktionsgeschäftsführer Gert-Uwe Mende zu wenden.

Zwei Stunden später, gegen 16 Uhr rief ffn-Programmdirektorin Ina Tenz bei Mende an. Auch er fand er den Witz ziemlich unwitzig. "Man darf Menschen nicht am Telefon aufzeichnen und sie erst nachträglich darüber informieren", sagt er SPIEGEL ONLINE. Er sagt, er habe den Mitschnitt nie gehört. "Wir haben die Ausstrahlung eines illegalen Mitschnitts prinzipiell abgelehnt, unabhängig von dessen Inhalt."

Der Sender akzeptierte das Verbot und verzichtete darauf, den Schabernack auszustrahlen. Doch dann griff die "Bild"-Zeitung die Geschichte auf. Die Axel Springer AG, die die "Bild" verlegt, ist an Radio ffn direkt beteiligt.

In seinem Online-Portal zeigt das Boulevardblatt inzwischen ein Video-Interview mit Stimmenimitator Krause. Der sagt, er sei zunächst im Vorzimmer von Ypsilanti gelandet - und dann umgehend durchgestellt worden. Zudem, brüstet sich Krause, habe Ypsilanti ihm gesagt, sie habe ihn ohnehin anrufen wollen. Ihn, also den echten Müntefering. "Sie hat Franz zu mir gesagt", berichtet der falsche Münte stolz.

Seit Samstag nun kursiert ein 1:43-Minuten-Video auf YouTube, in dem man einen Auszug des ffn-Telefonstreichs hören kann. Die beiden von Krause beschriebenen Sachverhalte tauchen darin auf. Insider bestätigten SPIEGEL ONLINE ebenfalls, dass es sich um den echten Dialog handelt.

Das YouTube-Video ist für Ypsilanti gleich doppelt schmerzlich: Es macht nicht nur das verbotene Telefonat in Teilen öffentlich - es kombiniert diese Peinlichkeit obendrein mit Bildern von einem anderen, auf Video aufgezeichneten Moment, der für Ypsilanti äußerst peinlich war.

Das Video zeigt Ypsilanti Ende Januar bei einer Dankesrede nach dem Hessen-Wahlkampf. Auch ihr Lebensgefährte Klaus-Dieter Stork ist darin zu sehen. Der Kulturmanager und Ex-Juso steht hinter Ypsilanti und spricht die Dankesrede auffällig lippensynchron mit. Das Video zettelte seinerzeit eine Debatte darüber an, ob die kämpferische Ypsilanti ohne Souffleur nicht auskommt. "Bild"-Kolumnist Hugo Müller-Vogg bezeichnete Stork als "fleischgewordenen Teleprompter".

Wer das böse Video ins Netz gestellt hat, ist unklar. Der offenbar erste Übeltäter hat seinen Account für das Video extra angelegt. Er gab sich einen Namen, der auch einer Comicfigur gut zu Gesicht stünde. Allerdings wäre diese dann definitiv kein Gesinnungsgenosse der SPD. Ansonsten enthält der Account keine Informationen.

Ein Heckenschütze unter den Sozialisten kommt laut Mende nicht infrage. "Wir haben die Aufnahme nie erhalten", sagt der SPD-Mann. "Wir wollten den illegalen Mitschnitt aus Prinzip nicht hören."

Auch Radio ffn kann sich die Datenpanne nicht erklären. Auf jeden Fall aber hat der Sender schnell Maßnahmen ergriffen. "Wir haben unseren Anwalt bereits eingeschaltet", sagt ffn-Programmchefin Ina Tenz SPIEGEL ONLINE. "Er hat YouTube aufgefordert, alle Videos, die Auszüge aus dem Dialog enthalten, zu löschen."

Nach den Gesetzen des digitalen Zeitalters ist das allerdings ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. YouTube ist wie eine Hydra: Für jede Version eines verbotenen Videos, die man löscht, tauchen an anderer Stelle zehn neue auf. Seit Samstag haben sich immerhin 40.000 Nutzer den Ypsilanti-Streich angesehen. Der brisante Dialog kursiert unter verschiedenen Schlagworten - manche davon sind so kryptisch, dass ein Zensor sie kaum finden kann. Auch auf anderen Videoportalen ist der Clip inzwischen aufgetaucht.

Mende sagt daher, man behalte sich "weitere rechtliche Schritte" vor. Zwar goutiere man, dass der Sender schnell reagiert hat. Doch die Einsicht, dass man einen Fehler gemacht habe, sei etwas zu spät gekommen.

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Ypsilanti auf YouTube: Heikler Radioscherz