Gespräch mit Sozialforscher Kraushaar "Merkel wäre ohne die 68er als Kanzlerkandidatin nicht denkbar"

Joschka Fischer sieht in der rot-grünen Regierung die Fortsetzung der 68er-Revolte mit anderen Mitteln - und bringt sich mit solchen Vergleichen im Wahlkampf gegen die Union in Stellung. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE spricht Sozialforscher Kraushaar über rot-grüne Mythen und die wenig glamouröse Wahrheit von 1968.


Wolfgang Kraushaar: Rot-Grün bediente sich der Aura von 68
Suse Walczak

Wolfgang Kraushaar: Rot-Grün bediente sich der Aura von 68

SPIEGEL: Herr Kraushaar, im Wahlkampf stellt Außenminister Joschka Fischer sich und die Bundesregierung voller Stolz in die Tradition von 1968. Ist Rot-Grün tatsächlich das späte Ergebnis der damaligen Revolte?

Kraushaar: Nein. Etwa ein halbes Dutzend der Kabinettsmitglieder ist zwar durch die 68er-Bewegung oder deren Folgen in den 70er Jahren biografisch geprägt worden. Aber insgesamt sehe ich einen erheblichen Gegensatz zwischen den Zielen der damaligen Außerparlamentarischen Opposition und Rot-Grün. Insofern ist Fischers Darstellung eine fragwürdige Vereinfachung - ganz offensichtlich in der Absicht, einen plakativen Gegensatz zu den Konservativen zu konstruieren.

SPIEGEL: Also sind Homo-Ehe und Ausstieg aus der Atomkraft nicht das Ergebnis des langen Marschs durch die Institutionen?

Gerhard Schröder, 1978: Braves Jura-Studium in Göttingen
AP

Gerhard Schröder, 1978: Braves Jura-Studium in Göttingen

Kraushaar: Soziale Strömungen wie die Schwulen- oder die Anti-AKW-Bewegung speisen sich aus so vielen Quellen, dass es unmöglich ist, sie auf ein solches Schlagwort zu reduzieren. Und beim Blick auf die Bundesregierung dürfen Sie nicht vergessen, dass der Kanzler zwar vom Lebensalter als 68er erscheinen mag, er sich aber selbst ausdrücklich nicht dazu zählt. Gerhard Schröder kam 1966 auf dem zweiten Bildungsweg an die Universität Göttingen und hat dort nicht rebelliert, sondern brav Jura studiert.

SPIEGEL: Aber Fischer stand auf der Barrikade.

Demonstrant Fischer, 1974 in Frankfurt: "Er besaß die Fähigkeit, sehr schnell bis ins Zentrum der Bewegung vorzustoßen"
DPA

Demonstrant Fischer, 1974 in Frankfurt: "Er besaß die Fähigkeit, sehr schnell bis ins Zentrum der Bewegung vorzustoßen"

Kraushaar: Im Kabinett ist er der Einzige, der als junger Aktivist zur 68er-Bewegung gehörte. Er brachte es fertig, als Nicht-Student Zugang zum inneren Kreis des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zu finden. 1969/70 taucht er sogar im Impressum der Zeitschrift "Neue Kritik" auf, des Theorie-Organs des SDS. Das ist erstaunlich. Fischer besaß offenbar die Fähigkeit, sehr schnell bis ins Zentrum der Bewegung vorzustoßen.

SPIEGEL: Und Otto Schily, der damals als Anwalt linke Aktivisten verteidigte?

Kraushaar: Schily ist sich politisch relativ treu geblieben: damals linksliberaler Anwalt, heute rechtsliberaler Bundesinnenminister. Er war 1968 ein sympathisierender Zuschauer, der mal auf eine Vietnam-Demonstration ging, der auch bei dem Prozess gegen die Frankfurter Kaufhaus-Brandstifter als Verteidiger antrat, der aber nicht wirklich dazu zählte.

SPIEGEL: Die Politik der rot-grünen Regierung wirkte oft sprunghaft, aus der Situation geboren. Sehen Sie darin ein Erbe von 1968?

Otto Schily, 1975: "Schily ist sich politisch relativ treu geblieben"
AP

Otto Schily, 1975: "Schily ist sich politisch relativ treu geblieben"

Kraushaar: Diese Koalition ist im Grunde konzeptionslos gewesen und hat nur ein schwaches politisches Profil entwickelt. Wegen dieses Mangels glaubt man offenbar, sich der Aura von 68 symbolisch bedienen zu können. Fischer hat sich dieses Emblem ja aufgesetzt wie ein Häuptling seinen Federschmuck. Manche nehmen ihm allerdings die Behauptung durchaus ab, der Opposition gehe es gar nicht um die wirklich politischen Fragen, sondern darum, eine Regierung der demokratischen Linken, die der 68er-Bewegung verbunden ist, zu beenden.

SPIEGEL: Die Aktivisten von damals stellen 1968 als Freiheitsdatum der deutschen Geschichte dar. Inzwischen wird das - auch von 68ern - bestritten. Wer hat Recht?

Zur Person
Wolfgang Kraushaar, geboren 1948, ist Politikwissenschaftler. Seit 1987 ist er Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Hamburg. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Untersuchung von Protest und Widerstand in der Bundesrepublik und der DDR - insbesondere 68er-Bewegung, RAF und K-Gruppen. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Die RAF und der linke Terrorismus" (Bd. I/II), erschienen im Verlag Hamburger Edition.
Kraushaar: Fischer nutzt diese Selbststilisierung, um sich gegenüber Angela Merkel und den Vorwürfen und Attacken aus der Union abzugrenzen. Es hat 1968 natürlich Aspekte einer Freiheitsrevolte gegeben. Man wollte raus aus dem Schatten der Adenauer-Ära, aus dem Spießbürgertum, und auch politisch neue Wege gehen. Aber gleichzeitig war darin das Scheitern angelegt, bedingt auch durch einen eigentümlichen Größenwahn. Die vielen Totalitarismen, die damals schon in den Köpfen herumspukten, nahmen in den 70er Jahren schreckliche Gestalt an. Diese ganzen maoistischen Kleingruppen und pseudoproletarischen Parteien haben das ja ans Tageslicht gebracht. Selbst wenn man den Terror der RAF gesondert betrachtet, ist allein diese Entwicklung im Nachhinein wie ein großer Schatten auf 68 gefallen.

SPIEGEL: Die Splittergruppen nahmen eine Parole vorweg, die heute noch im rot-grünen Milieu sehr populär ist: lokal handeln, global denken. So hatte jede kleine Zelle gleich die ganze Welt auf ihrer Seite.

Kraushaar: Das gehört zum Größenwahn dazu. Viele haben damals versucht, an einem Erfolg versprechenden Herrschaftsmodell zu partizipieren. Für manche war das Breschnews Sowjetunion, für andere Maos China. Diese Unterordnung unter eine Supermacht und eine allmächtige Herrschaftsideologie übte eine große Faszination aus.

SPIEGEL: Viele 68er wollten früher das System stürzen. Jetzt sind sie selbst das System - an Umsturz denkt keiner mehr, im Moment grassiert in Berlin eher die Angst vor dem Macht- und Jobverlust. Ist Rot-Grün auch der Beweis für die gelungene Resozialisierung einstiger Revoluzzer?

Kraushaar: Das erscheint mir zu verkürzt. Denn man muss zwischen den Maximalisten und den Gradualisten der damaligen Bewegung unterscheiden. Zehntausende sind 1969 in die SPD gegangen und haben als Jusos die Partei aufgemischt. Das hatte durchaus Einfluss auf die Reformära von Willy Brandt. Die Hardcore-Gruppen haben dagegen versucht, Revolution zu machen. Sie haben immer gewarnt vor einer "technokratischen Hochschulreform", vor der Gefahr einer Eingemeindung in den Staatsapparat und vor dem Parlamentarismus. Zum Glück ist das, was damals von den Kerngruppen propagiert wurde, nicht Wirklichkeit geworden. Denn worin bestand das Vorbild? Bestenfalls in einer Rätedemokratie. Das hätte ausgereicht, um in einer zum Teil immer noch nicht ganz stabilen Republik alles aus den Angeln zu heben.

SPIEGEL: Im Rückblick wird vieles beschönigt. Die grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer hat die Behauptung aufgestellt, die 68er hätten die Bundesrepublik "gründlich zivilisiert". War das nicht eigentlich andersherum?

Philosoph Habermas, 2001: "Entschiedensten Kritiker der Studentenrevolte"
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Philosoph Habermas, 2001: "Entschiedensten Kritiker der Studentenrevolte"

Kraushaar: Manche Interpreten sprechen sogar von einer "Nachgründung der Republik". Ich halte das für einen von vielen Mythen, die über jene Zeit in Umlauf sind. Es gibt allerdings, wie oft bei Mythen, einen wahren Kern, der vielleicht weniger politisch als gesellschaftlich zu fassen ist. Am Ausbruch aus der verklemmten Sexualmoral hatte die damalige Rebellion sicher ebenso ihren Anteil wie an der Frauenemanzipation. Antje Vollmer bezieht sich mit ihrer Äußerung im übrigen auf Jürgen Habermas, der 1988 von der "Fundamentalliberalisierung" gesprochen hat. Diesem Urteil kam besonderes Gewicht zu, weil Habermas damals ja einer der entschiedensten Kritiker der Studentenrevolte war.

SPIEGEL: Was haben die Grünen mit 68 zu tun?

Kraushaar: Es wäre falsch, sie direkt aus der 68er-Bewegung ableiten zu wollen. In der Konstitutionsphase der Grünen kamen ja ganz unterschiedliche Kräfte zusammen - linke wie konservative und rechte. Die Partei begann als Bündnis unterschiedlicher Strömungen, in dem zum Beispiel Bürgerinitiativen eine große Rolle spielten. Somit ist klar, dass die Grünen nicht einfach in einer Art genealogischer Folge das Erbe von 68 angetreten haben. Das ist vielfältiger, gebrochener.

SPIEGEL: Die 68er reklamieren für sich, die kritische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime in der Bundesrepublik durchgesetzt zu haben. Dem wird inzwischen widersprochen - etwa von dem Historiker Joachim Fest. Er hat in einem SPIEGEL-Gespräch die These aufgestellt, dass die 68er die NS-Vergangenheit instrumentalisiert hätten, um die Älteren aus ihren Posten herauszudrängen.

Studentenprotest 1967: "Ängste vor einem Notstandsstaat"
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Studentenprotest 1967: "Ängste vor einem Notstandsstaat"

Kraushaar: Diese Behauptung halte ich für infam. Schon in den Jahren 1963 bis 1967, also während der Inkubationszeit der 68er-Bewegung, hat es Auseinandersetzungen um Professoren mit einer bis dahin verschwiegenen NS-Vergangenheit gegeben. Man hat damals begonnen, deren Dissertationen und Habilitationen hervorzuholen, und stellte in vielen Fällen fest, dass das überzeugte Nazis und Antisemiten waren. Gleichzeitig begann der Widerstand gegen die Notstandsgesetze, der im nachhinein nur schwer verständlich ist. Man fürchtete einen autoritären Staat, der sich durch eine grundlegende Verfassungsänderung die Möglichkeit zu einer Quasi-Diktatur verschafft - wie nach 1933. Daher kamen diese Ängste vor einem Notstandsstaat. Mit ihrer Kritik an der NS-Verstrickung der Eliten wollten die 68er sicher auch das bundesrepublikanische System treffen. Dennoch war es sehr wichtig, dass es diese Auseinandersetzung überhaupt gegeben hat. Es ging nicht darum, die Alten zu diskreditieren, um dann vielleicht selber deren Stellen einnehmen zu können. Das finde ich wirklich absurd.



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