Gestoppte Befreiungsaktion GSG-9-Kämpfer kehren nach Kenia zurück

Es war die wohl aufwendigste Planung, die Deutschlands Spezialkräfte je in Angriff nahmen. Doch am Samstag kehrten die 200 GSG-9-Elitepolizisten per Hubschrauber nach Kenia zurück. Das Risiko der Kommandoaktion zur Befreiung der "Hansa Stavanger" vor Somalia war einfach zu hoch. Derweil kapern die Piraten munter weiter Frachtschiffe.

Aus Mombasa berichtet


Mombasa - Die Sicherheitsvorkehrungen an kenianischen Flughäfen sind eher bescheiden: Seit Jahren beschweren sich internationale Fluglinien, die Airports in dem ostafrikanischen Land seien wegen fehlender Absperrungen ein Risiko für die einfliegenden Touristen-Jets. Ganz anders an diesem Wochende in der Ferienmetropole Mombasa: Überall rund um den Flughafen stehen bei sengender Hitze Wachposten mit Funkgeräten, überwachen jedes Auto. Vor allem Menschen mit Fotoapparaten haben die Polizisten im Visier. Als sich ein deutsches Fernsehteam nahe dem Rollfeld aufbaut, werden die Reporter gar kurzzeitig festgenommen.

Transall-Maschine der Bundeswehr auf dem Flughafen von Mombasa: Bereit für den Rückflug in die Heimat
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Transall-Maschine der Bundeswehr auf dem Flughafen von Mombasa: Bereit für den Rückflug in die Heimat

Der Grund für die Geheimhaltung auf dem Ferien-Airport ist eine tarngrüne deutsche Transall der Bundeswehr, die neben dem Passagierterminal steht, und kleine Gruppen von Puma-Hubschraubern, sie seit dem frühen Sonntagmorgen von Norden aus Mombasa anfliegen und dann auf dem militärischen Teil des Flughafens landen. An Bord der Helikopter: 200 deutsche GSG-9-Elitekämpfer, die mehrere Tage lang vor Somalia bereitstanden, um den von Piraten entführten deutschen Frachter "Hansa Stavanger" gewaltsam stürmen, die Piraten festnehmen und die Crew, darunter fünf Deutsche, befreien sollten. Nach Abbruch der Operation kommen sie nun zurück.

Die Rückkehr beendet die wohl aufwendigste Planung einer Kommandoaktion, die die Bundesrepublik je erlebt hat. Die Regierung hatte kurz nach dem Überfall auf die "Hansa Stavanger" entschieden, sich nicht auf eine Lösegeldzahlung an die marodierenden somalischen Piratenbanden einzulassen. Streng geheim verlegte Deutschland mehr als 200 Mann der GSG-9-Spezialeinheit samt Hubschraubern, schweren Waffen und Sanitätern in der Nähe des Frachters, der bei Haradere in Nordsomalia liegt. Die Kämpfer waren vom amerikanischen Hubschrauberträger "USS Boxer" vor die Küste von Somalia transportiert worden.

Zum gewaltsamen Zugriff kam es jedoch nicht. In Berlin fiel laut SPIEGEL-Informationen bei einer Sitzung des Krisenstabes im Verteidigungsministerium die Entscheidung, die Kommandoeinheit zurückzubeordern. Kurz zuvor hatte der Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, James Jones, die notwendige Zustimmung für die Operation verweigert: Die USA hielten das Risiko der Erstürmung für zu hoch, sie wollten an einem möglichen Blutbad auf dem Frachter nicht beteiligt sein. Auch im Krisenstab war man zu der Einsicht gekommen, die Risiken für das Leben von Geiseln und Polizeibeamten seien unkalkulierbar.

Immer voller wurde es in Mombasa auch in einem der zahllosen Strandhotels, in dem die GSG-9-Kämpfer vor der Abreise in Richtung somalische Küste bereits ihr Kommandozentrum aufgebaut hatten. In unauffälligen Kleinbussen kamen sehr durchtrainierte junge Männer über den Tag hinweg in das Hotel, wo die Truppe im ersten Stock einen provisorischen Befehlsstand errichtet hatte. Mittlerweile erinnern nur noch mehrere Satellitenempfänger auf dem Vordach vor dem Besprechungsraum an die Tage vor der Abreise, an dem der Kommandeur über sichere Telefon- und Videoleitungen den Zugriff plante und mit der Bundesregierung kommunizierte.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
Die Entspannung ist den Männern anzusehen. Waren sie vor der Abreise zum Einsatzort noch verkniffen konzentriert, plaudern sie nun am Hotelpool, essen Pizza und schwimmen. Mit Journalisten freilich will keiner von ihnen reden, dass besagt schon der Kodex der abgeschirmten Eliteeinheit, die seit der Befreiung der Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Rollfeld der somalischen Hauptstadt Mogadischu im Jahr 1977 weltbekannt ist und auch in den USA einen exzellenten Ruf genießt. Dass die Operation vor Somalia abgesagt worden ist, das wissen die Männer, ist nicht ihre Schuld. Das Nein zum Zugriff war eine politische Entscheidung.

Die Absage der Operation, deren Vorbereitungen mehrere Millionen Euro gekostet haben dürften, war eine Abwägung zwischen dem politischen Willen, Stärke gegenüber den Piraten zu zeigen, und der Angst, ein Blutbad anzurichten. Am Ende setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein Zugriff an Bord eines Frachters enorme Risiken berge, zumal man trotz Luftaufklärung kein klares Bild darüber hatte, wie die Piraten aufgestellt waren. Vor allem aber wussten die Strategen nicht genau, wo die Kidnapper die Crew versteckten. DER SPIEGEL erscheint am Montag mit einer Rekonstruktion der Planungen und der politischen Entscheidungsprozesse.

Während der dreiwöchigen Planungen hatte es mehrfach Streit zwischen den beteiligten Ministerien gegeben. Das Auswärtige Amt (AA) warf dem Innenministerium vor, ohne Not die US-Regierung eingebunden zu haben und monierte später, dass keine ausreichende Risikoanalyse für die Kommandoaktion vorgelegt wurde.

Die Nato-Kriegsschiffe im Golf von Aden
Flaggschiff und Zerstörer "Durand de la Penne"
Der italienische Zerstörer ist ein 5000-Tonnen-Mehrzweckkriegsschiff. Es dient der Abwehr von Luft- und U-Boot-Angriffen - letztere werden im Golf natürlich keine Rolle spielen. Bei Landgang und Küstenbombardierungen kann der Zerstörer Schützenhilfe leisten. Dieses erste Schiff der De-la-Penne-Serie wurde 1993 in Betrieb genommen. Der italienische Admiral Giovanni Gumiero führte den Nato-Flottenverband, bevor das Schiff zur Anti-Piraterie-Mission geschickt wurde.
Fregatte "Themistokles"
Die Fregatte "Themistokles" ist ein Schiff aus der Elli-Klasse der griechischen Marine. Sie wurde 1979 in den Niederlanden gebaut und 2003 an Griechenland verkauft. Dort wurde das Schiff modernisiert und zur "HS Themistokles" umbenannt. An Bord der 3100 Tonnen schweren Fregatte befinden sich neben Torpedos und Missiles auch zwei Hubschrauber.
Fregatte "Cumberland"
Die "Cumberland" ist eine F85-Fregatte der britischen Royal Navy. Das in Schottland gebaute Kriegsschiff wurde 1989 in Betrieb genommen. Ursprünglich sollte die Cumberland gegen U-Boote eingesetzt werden, bekämpft jetzt aber auch feindliche Schiffe und Flugzeuge. Sie kann auf eine Maximalgeschwindigkeit von 30 Knoten beschleunigt werden.
Am Montag - möglicherweise aber auch erst Mtte der Woche - soll der US-Hubschrauberträger "USS Boxer" mit den Einsatzgeräten der deutschen Eliteeinheit in Mombasa einlaufen: Waffen, Schnellboote, Nachtsicht- und Tauchgeräte. Dann wird sich Deutschland vor Ort trotz des Abbruchs der Operation auch noch einmal bei den USA für die angebotene Hilfe offiziell bedanken.

Das jähe Ende der Planungen ist für alle Beteiligten enttäuschend. Klar ist schon jetzt, dass sich in der kommenden Woche auch eine rege politische Diskussion darüber entfachen wird, ob Deutschland eigentlich gut genug für Krisenfälle wie den der Entführung der "Hansa Stavanger" gerüstet ist. Klar wurde während der Operation, dass es gerade bei der Logistik für den Transport der Einheit und deren Waffen mangelte. Ebenso verlangsamte die teils mangelhafte und von Konkurrenz und Missgunst geprägte Zusammenarbeit der involvierten Ministerien die Planung.

Das Thema Piraterie wird der Politik ohnehin erhalten bleiben: Trotz immer mehr Kriegsschiffen in der Region kaperten die Freibeuter am Wochenende mindestens zwei weitere Schiffe. Dabei wurde deutlich, dass die Seeräuber ihren Aktionsradius immer mehr ausweiten. Denn einer der Attacken fand unmittelbar vor den Seychellen, mehr als 1200 Seemeilen von Somalia entfernt, statt.

Die internationale Flotte jedoch konnte auch zwei Erfolge melden, bei denen Marineschiffe Piraten-Skiffs aufbrachten. Eine Überstellung der Verdächtigen nach Kenia, wie im Fall der von der deutschen Marine gefassten, fand jedoch nicht statt - die Piraten wurden wieder freigelassen.

Die Seeräuber selber fühlen sich nach Ansicht von Beobachtern durch die internationale Aufmerksamkeit, die ihnen gewidmet wird, geradezu angestachelt. "Die Piraten sind wie alle Somalier", sagt der Experte Andrew Mwangura, "je größer und mächtiger der Feind, umso mehr wagen sie". Mwangura, der das Phänomen von Kenia aus beobachtet und stets als erster von Überfällen erfährt, rechnet deshalb damit, dass neben dem lukrativen Geschäft auch die leicht bizarre Moral vieler junger Somalis zu einer weiteren Zunahme von Piraterie-Fällen führen wird. "An Zulauf", so Mwangura, "fehlt es den Banden jedenfalls nicht."

Dass Teile der Piratenbanden verstanden haben, wie sehr es bei ihrem David-gegen-Goliath-Kampf auch auf die Medien ankommt, zeigte sich am Wochenende. Per Telefon meldete sich ein angeblicher Pirat bei der Nachrichtenagentur AFP und meldete die Kaperung eines Frachters mit Fahrzeugen der Uno. Die Nachricht wurde weltweit verbreitet, eine Nachprüfung fand nicht statt. Die Recherchen der Nato-Kräfte jedoch ergaben, dass der einzige Frachter mit Uno-Material sicher in Mombasa liegt. Die Propaganda erinnert so manchen bei der Nato nun schon an die Taktik der Taliban. "Ein gutes Zeichen", so ein Offizier, "ist das sicherlich nicht."



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