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Versuche in der DDR: Bahr verlangt Aufklärung von Pharmatests in der DDR

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Gesundheitsminister Bahr: Pharmaindustrie soll zur Transparenz beitragen

Erstmals hat sich ein Mitglied der Bundesregierung zu den Medikamententests westdeutscher Pharmakonzerne in der DDR geäußert: Gesundheitsminister Bahr fordert eine rasche Aufklärung und verspricht Hilfe. Dabei will der Liberale auch die Pharmaunternehmen in die Pflicht nehmen.

Berlin - Es ist ein Bericht, der hohe Wellen schlägt: Bundesdeutsche Pharmakonzerne haben in den achtziger Jahren in der DDR Medikamententests an Patienten durchgeführt. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr prescht nun als erstes Kabinettsmitglied der Bundesregierung vor - und fordert eine Aufklärung der Fälle. "Ich begrüße, dass das für die Aufarbeitung von DDR-Unrecht zuständige Bundesinnenministerium die Aufklärung unterstützen will", sagte er am Dienstag SPIEGEL ONLINE. In Kreisen der Koalition war zuvor bekannt geworden, dass das Bundesinnenministerium eine unabhängige Studie mitfinanzieren will.

Der FDP-Politiker will auch die westdeutschen Konzerne, die damals in der DDR den Kliniken die Medikamente zur Verfügung stellten und über eine vom DDR-Gesundheitsministerium in Ost-Berlin eingerichtete Anlaufstelle ihre Kontakte pflegten, in die Pflicht nehmen. "Ich fordere die Pharmaindustrie auf, diesen Prozess nach Kräften zu unterstützen und zur Transparenz beizutragen."

Das Bundesgesundheitsministerium, so Bahr weiter, habe keine eigenen Daten über klinische Studien in der DDR. Sein Haus werde aber "alle seine Möglichkeiten nutzen", um zur Aufklärung beizutragen. "Die betroffenen Menschen müssen Klarheit haben, was damals in der DDR mit ihnen geschehen ist", so der Gesundheitsminister weiter.

Aus dem Innenministerium hieß es später gegenüber AFP, das Ressort prüfe derzeit eine finanzielle Beteiligung an einem Forschungsprojekt der Berliner Charité zu den Medikamententests an DDR-Patienten. "Wir haben ein Interesse daran, dass das aufgeklärt wird", sagte ein Sprecher. Das Bundesinnenministerium werde allerdings aber nicht der zentrale Finanzierer des Forschungsprojekts sein können.

SPIEGEL-Bericht mit neuen Details

Nach Informationen des SPIEGEL wurden bis zum Mauerfall in mehr als 50 DDR-Kliniken unter anderem Herzmedikamente und Antidepressiva getestet - oft ohne Wissen der Betroffenen. Das geht aus bislang unbekannten Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR hervor. West-Pharmahersteller gaben demnach bei DDR-Kliniken mehr als 600 Arzneimittelversuche in Auftrag. Dabei kam es zu zahlreichen Todesfällen, auch wurden Tests wegen Nebenwirkungen abgebrochen. Auch Tests an 30 Frühchen mit einem Körpergewicht von nur 750 bis 1500 Gramm wurden mit dem als Dopingmittel missbrauchten Erythropoetin, dem sogenannten Epo, an der Ost-Berliner Klinik Charité durchgeführt. Sie bekamen das Hormon zur Anregung der Bildung von roten Blutkörperchen.

Charité will untersuchen

Volker Hess, Medizinhistoriker an der Charité, will nun untersuchen, was zu Ost-Zeiten passierte. Die Idee des Forschungsprojekts sei es, alle Beteiligten - also auch die Medikamentenhersteller - einzubinden, sagte Hess. Bislang habe der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) keine Gelder für die Studie bereitstellen wollen, berichtet Hess. Das könnte sich nun ändern. Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des vfa, erklärte: "In der DDR entsprachen die Standards für klinische Studien nach unserem Erkenntnisstand dem damals Üblichen: Das DDR-Recht machte Vorgaben für die Durchführung klinischer Prüfungen, die mit denen westlicher Staaten und auch der USA vergleichbar waren."

Die Standards wurden auch in der Praxis eingehalten, sagt Fischer. Und dennoch: "Wir sehen, dass mehrere Seiten planen, dieses Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Eine zentrale Federführung vorzusehen, erscheint hier sinnvoll. Aus unserer Sicht könnte dies durch das Bundesministerium des Inneren geschehen." Der vfa jedenfalls beanspruche nicht, diese Koordinierung vorzunehmen, schiebt sie hinterher. Der Verband stehe aber für Gespräche bereit, wie er sich in dieses Projekt einbringen könnte.

Die Zeit drängt, wichtige Beweise drohen verlorenzugehen. Im Archiv der Berliner Charité werden turnusmäßig gerade die Akten des Jahrgangs 1983 beseitigt. Gabelstapler fahren wöchentlich in einer alten Lagerhalle in Berlin-Tempelhof kartonweise Unterlagen zur Vernichtung.

Entschädigungen verlangt

Unabhängig davon verlangen Koalitionspolitiker Entschädigungen und strafrechtliche Konsequenzen für den Fall der Fälle. Unionsfraktionsvize Arnold Vaatz, einst Bürgerechtler in der DDR, sagte: "Wenn es zu körperlichen Schäden bis hin zur Todesfolge gekommen ist, dann stellt sich die Frage nach Schadensersatz und Ausgleichszahlungen. Und dann ist auch die Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung zu beantworten." Es handele sich um ein Offizialdelikt, bei dem die Staatsanwaltschaft von sich aus tätig werden müsse. Wenn die Fälle aber in kein rechtliches Schema passten, müsse sich der Gesetzgeber damit befassen, so der CDU-Politiker zur "Berliner Zeitung".

Hildigund Neubert, thüringische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, zeigte sich ebenfalls empört. "Was bisher über die Tests bekannt ist, erschreckt mich: Um das eigene System zu stabilisieren, war die SED sogar bereit, mit der Gesundheit ihrer Bürger zu handeln", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Die Devisenerwirtschaftung und ihre genauen Umstände zu decken, sei die Funktion der Staatssicherheit bei diesem Deal gewesen. Die Forschungen müssten nun zeigen, ob und wie Kliniken und Ärzte sich dafür hätten instrumentalisieren lassen. "Vor allem muss geklärt werden, welche Bedeutung die Tests für die Patienten hatten. Das sind wir ihnen und ihren Angehörigen schuldig."

Ähnlich äußerte sich die DDR-Opfer-Hilfe. Es sei ein Skandal, dass ethische Grundsätze gegen Westgeld offenbar planmäßig über Bord geworfen wurden, kritisierte der Opferverband. Die westlichen Pharmakonzerne und die ostdeutschen Krankenhäuser müssten zur Verantwortung gezogen werden.

Mitarbeit Nicola Kuhrt

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1. optional
guteronkel 14.05.2013
"Um das eigene System zu stützen war die DDR bereit die Gesundheit der eigenen Bürger zu verkaufen". Und der Westen war bereit sich die Gesundheit der DDR-Bürger zu erkaufen. Ich fordere Ermittlungen gegen die staatlichen Aufsichtsbehörden, die diese Tests akzeptiert haben und darauf basierend Medikamentenzulassungen erteilt haben. Weiter sind sämtliche Pharmakonzerne zu belangen, die daran beteiligt waren. Auch die Konzerne, die in der Schweiz sind. Weiter ist zu prüfen, inwieweit die westdeutsche Politik diese Verbrechen gedeckt und geduldet hat.
2. .
sons.of.liberty 14.05.2013
Was passiert eigentlich gerade weltweit wenn der Spiegel mit solchen alten (längst bekannten Kamellen) kommt? Ich bitte euch, Pharmatests von den "großen" in Indien und Afrika sind doch hinlänglich bekannt und belegt.
3. Na und
rodelaax 14.05.2013
Und was sagt Herr Bahr zu den Menschenversuchen von Pharmafirmen, auch aus Deutschland, in der dritten Welt, die jedes Jahr tausende Menschen töten?
4. Was will er denn....
fritzlothar 14.05.2013
...machen, der Spaßvogel? Streng mit dem Finger drohen? Oder gar die Faust ballen? Da kriegen die Pharmatypen aber Angst! Wirkliche Maßnahmen wären, diese Praktiken SOFORT und WELTWEIT zu stoppen. Aber dazu ist die FDP weder bereit noch in der Lage und schon gar nicht willens...
5. Ein FDP'ler setzt sich für Patienten ein? Niemals!
Fettnäpfchen 14.05.2013
Die Äußerungen von Herrn Bahr sind reines Wahlkampfgetöse und Interessantmacherei. Unsere gesamte Bundesregierung ist der Wirtschaft inklusive der Pharmaindustrie hörig. Es fehlt nur noch, dass er uns - wie Frau Aigner es zu tun pflegt - einen 10-Punkte-Plan vorlegt und dann passiert wieder gar nichts. Die Pharmaindustrie wird in Kürze dafür sorgen, dass die Politiker aller Parteien, die sich jetzt aufregen, ihrer bisherigen treuen Vasallenpflicht wieder nachkommen. Alle Gesetze aus dem Gesundheitsministerium waren zum Vorteil der Pharmaindustrie und zum Nachteil der Patienten. Was also können die Betroffenen erwarten? N I C H T S !
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