Medikamenten-Debatte: Apotheker ziehen über FDP-Minister Bahr her

Von

Mutiger Vorstoß, böse Reaktionen: Ausgerechnet mit der eigenen Stammklientel legt sich FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr an. Er will unverbrauchte Medikamente aus Pflegeheimen notfalls an arme Patienten verteilen. Dafür wird er von Apothekern massiv beschimpft.

Gesundheitsminister Bahr (FDP) in Arztpraxis: Schwieriger Job im Mediziner-Minenfeld Zur Großansicht
dapd

Gesundheitsminister Bahr (FDP) in Arztpraxis: Schwieriger Job im Mediziner-Minenfeld

Berlin - Kürzlich hatte Daniel Bahr die "Praxis ohne Grenzen" des Allgemeinmediziners Uwe Denker in Bad Segeberg besucht. Der Mann aus Schleswig-Holstein behandelt kostenlos Patienten, die nicht in der Krankenversicherung sind. Einmal pro Woche. Sie erhalten, falls notwendig, Mustermedikamente aus der Gesundheitsindustrie. Nun machte der Mediziner den Vorschlag, zusätzlich nicht abgelaufene und nicht verbrauchte Medikamente aus Pflegeheimen an seine Bedürftigen zu verteilen. Bundesgesundheitsminister Bahr zeigte sich in diesem speziellen Fall offen für die Idee, ließ sie durch sein Haus prüfen. Weil das Gesetz die Abgabe von Altmedikamenten untersagt, will Bahr vor der Vergabe an die Patienten eine Kontrolle durch Apotheker.

So weit, so gut.

Doch Altmedikamente kostenlos abzugeben, das bringt manche in der Branche auf. Bahr wurde unterstellt, gleich das Monopol der Apotheken auf die Vergabe der Arzneimittel abschaffen zu wollen - was der Minister nie vorhatte, wie sein Sprecher versichert. Kaum war Bahrs Vorstoß in der Welt, schwappte auf den Foren der "Deutschen Apotheker Zeitung" ("DAZ") eine Wutwelle über ihn. "Unser Berufsstand hat die FDP viele Jahre maßgeblich unterstützt und dafür Prügel und Häme bezogen. Jetzt stehen wir als doppelte Deppen da und werden von Ihnen bzw. der FDP vorgeführt", schrieb ein "Dr. Thomas Göbel".

Besonders eifernd legte sich "Apotheker 55" mit dem Minister an. "Herr Bahr, wundern Sie sich, dass Sie unbeliebt sind? Immerhin nehmen Sie und Ihre Regierung (wie andere vor Ihnen auch) uns einen erheblichen Teil unseres Einkommens weg", so der anonyme Schreiber. Und ein "Spitzweg" höhnte: "Was will denn der?" Ein Verfasser, der sich "Flachzange" nennt, stellte fest: "Gammelpillen für Kassenpatienten! Das freut sicher auch die Presse und schafft neue Wähler für die F.D.P.!" In diesem Tenor geht es meist von Eintrag zu Eintrag.

SPD-Politiker Lauterbach fordert gesetzliches Handeln

Auf den Internetseiten der "DAZ" wird rau debattiert. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach kennt das - er ist selbst oft Opfer der Attacken. "Der Ton, den manche auf den Foren der "DAZ" anschlagen, ist eines Akademikers nicht würdig", sagt er. Bahrs Vorschlag findet er zwar überlegenswert, fordert den FDP-Minister aber auf, dann auch gesetzgeberisch tätig zu werden. "Meines Wissens ist er ja noch Minister", stichelt er. Medikamente aus Pflegeheimen bleiben oft in größeren Mengen unverbraucht liegen. Lauterbach schlägt daher unter anderem vor, diese zu "verblistern" - also individuell für den Patienten neu zu verpacken. Oder Anreize für Pflegeheime und Apotheker zu schaffen, um unverbrauchte Medikamente wieder in den Kreislauf einzuspeisen und an bedürftige Patienten abzugeben.

Doch Bahr will keine gesetzliche Initiative. Das macht sein Ministeriumssprecher klar. "Wir haben auf der Basis der bestehenden Gesetze einen Weg aufgezeigt, wie Menschen in einer konkreten Notlage geholfen werden kann", sagt er. Auch werde damit das Ziel von "Praxis ohne Grenzen" unterstützt, Menschen wieder in die Krankenkasse zu bringen, so sein Ministeriumssprecher zu SPIEGEL ONLINE.

Doch auf den Apothekerseiten im Internet wird Bahrs pragmatischer Vorstoß in Grund und Boden geschrieben. Ein Nutzer mit dem Kürzel "Eimer" attackiert in Kleinschrift: "na, herr bahr, nochmal kräftig auf die pauke hauen. die deppen von den vor-ort-apotheken werden das schon machen - wie immer. gerne schauen wir auf alles, was uns 'gereicht' wird, und übernehmen die volle verantwortung."

Schon der heutige FDP-Parteichef Philipp Rösler erlebte, als er noch Gesundheitsminister war, dass im Internetzeitalter auch Ärzte ihren Frust und Ärger manchmal ungehemmt freien Lauf lassen. Kaum hatte er sich nach mühsamen Verhandlungen mit der Union auf eine Gesundheitsreform geeinigt, hagelte es Proteste in Foren der Lobbyverbände. Das zeigte offenbar Wirkung: Nach der Bundestagswahl hatten sich beim Internetportal apotheke adhoc in einer Umfrage 52 Prozent der Leser dazu bekannt, FDP gewählt zu haben. Zuletzt waren es dort noch 4,1 Prozent.

Bahr, seit fast einem Jahr im Amt, setzte im Fall der Pflegeheim-Medikamente beherzt zum Gegenangriff an. Via Internet. Unter seinem Namen trug der 35-Jährige sich im Forum der "Deutschen Apotheker Zeitung" ein und schrieb: "Die Diskussion hier ist nur noch peinlich." Und stellte fest: "Hinter dem Schutz der Anonymität kann man offenbar mal so richtig die Sau rauslassen und lässt dabei die Fakten völlig außer Acht." Seinen Kritikern riet er: "Nehmen Sie sich lieber ein Beispiel an den Ärzten, Arzthelfern oder Apothekern, die sich in der Praxis ohne Grenzen engagieren und nicht einfach nur ihren Frust rauslassen, sondern konkret etwas an Verbesserungen für Menschen erreichen!"

Seine Sätze heizten die Angriffe gegen ihn nur noch weiter an. Immerhin, es gab einen Eintrag, der unter all den Pöbeleien dann doch auffiel. Ein "Godam" fand sich zum Tadel bereit, nicht gegen Bahr. In Kleinschrift formulierte er: "ich bin entsetzt, wie sich einige kollegen hier aufführen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 369 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
siegfriedderdrachentöter 24.04.2012
Die Apotheker sollen sich nicht so anstellen, denn in den Medien verkaufen die sich als Fachexperten, aber wenn man ein Produkt kauft, dann muss man immer warten, da nur die einfachsten Produkte vorrätig sind und können einen nicht beraten. Doch, bei einem Produkt, Aspirin funktionierte es, aber bei den anderen Medikamenten nicht.
2.
kdshp 24.04.2012
Zitat von sysopdapdMutiger Vorstoß, böse Reaktionen: Ausgerechnet mit der eigenen Stammklientel legt sich FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr an. Er will unverbrauchte Medikamente aus Pflegeheimen notfalls an arme Patienten verteilen. Dafür wird er von Apothekern massiv angepöbelt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,829207,00.html
Hallo, da kannman gut erkennen das die FDP eine reine klientel partei ist UND ich wette man zieht den schwanz ein und macht das eben nicht.
3.
heswer99 24.04.2012
Die sind doch schon verblistert. Seltsam, dass er das nicht weiß.
4.
Casparcash 24.04.2012
Wenn Herr Bahr diese Reaktion aus dieser Ecke bekommt, ist er definitiv auf dem richtigen Weg....
5. ...
deus-Lo-vult 24.04.2012
Zitat von CasparcashWenn Herr Bahr diese Reaktion aus dieser Ecke bekommt, ist er definitiv auf dem richtigen Weg....
Richtig! Scheint so, als seien die Apotheker die nächsten Notleidenden und müssen bald aufstocken. Wer hat will eben immer mehr.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Gesundheitssystem
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 369 Kommentare
Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.