Geteiltes Dorf in Thüringen "Fremdgegangen wurde auf beiden Seiten"

Die Mauer teilte auch das 50-Seelen-Dorf Mödlareuth, heute stehen Schulklassen und Urlauber vor einem konservierten Stück Geschichte: Die Grenzanlagen wurden in ein Museum umgewandelt - und der Ort lebt vom Mauertourismus.

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Die Pärchen aus den USA, die holländischen Familien und natürlich die vielen, vielen Schulklassen, sie alle sind gut für's Geschäft. Mödlareuth, im Kalten Krieg "Little Berlin" getauft, ist bekannt als das "geteilte Dorf" von Thüringen. Früher lief die Mauer mitten durch den 50-Seelen-Ort, die Demarkationslinie folgte dem Flüsschen Tannbach. Heute ist ein kompletter Teil der Grenzanlage als Freilichtmuseum konserviert.

Täglich kommen bis zu 500 Besucher. Die meisten davon müssen mittags was essen oder einen Kaffee trinken. Eleonore Müller lebt von den Mauertouristen, sie hat ein Restaurant aufgemacht. Es ist das einzige in der Gegend und heißt "Grenzgänger".

Zwischen elf und 14 Uhr sind die Außenbänke brechend voll, die schmutzigen Teller stapeln sich, und auch am Nachmittag kommen noch genügend Durchreisende vorbei, um zwei Kellnerinnen auf Trab zu halten. "Wenn hier keine Touristen wären, gäbe es auch kein Café", sagt sie.

Spielzeug-Trabis "made in China" für fünf Euro pro Stück sind ein Verkaufschlager, die Museums-DVD ebenso. Zwar gibt es überall in Deutschland Gedenkstätten im Überfluss, aber im abgelegenen Provinzdorf herrscht immer Betrieb.

"Wenn man über die ehemalige Grenze fährt, bremst man nicht einmal ab", sagt eine Urlauberin aus den Niederlanden. Sie will sich anschauen, wie die Mauer früher aussah. Eine Sächsin möchte ihrem Besuch aus den USA zeigen "wie es wirklich war". Und fügt hinzu: "Ich hab's halt live erlebt."

Im Sonnenschein, zwischen Schafweiden und Rapsfeldern, wirkt die meterhohe, weißgetünchte Mauer fehl am Platz. Für die Anwohner gehört sie dazu. Die Museumsangestellte Karin Mergner stammt aus dem bayerischen Hof, lange vor dem Mauerfall zog sie mit ihrem Mann in den Westteil von Mödlareuth.

Zwar war Grüßen und Winken von Ost nach West streng verboten. Doch irgendwie, so erzählt sie, habe man trotzdem immer den Dorfklatsch erfahren, auch von drüben. "Fremdgegangen wurde auf beiden Seiten", sagt Mergner trocken.

Bundesbürger durften die Ost-Hälfte von Mödlareuth ab 1961 gar nicht mehr betreten, und auch DDR-Bürger von außerhalb konnten das Dorf nur mit einer Sondergenehmigung besuchen.

Mödlareuth war isoliert - und eine Attraktion für Schaulustige, wie Originalaufnahmen aus dieser Zeit zeigen. Das Dorf liegt in einer kleinen Talsenke, Neugierige stellten sich einfach auf die angrenzenden Hügeln und spähten hinein.

Heute hat Mödlareuth noch immer unterschiedliche Postleitzahlen und Vorwahlen. Ohne die besondere Mauer-Geschichte wäre es nur ein ganz normales Dorf im ländlichen Südosten Deutschlands. "Angefangen habe ich mit einer Gulaschkanone im Garten", sagt Wirtin Müller. Die ist schon lange ausrangiert.



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leobronstein 11.08.2011
1. Viele Mauern
Es gab nicht nur die eine - es gibt noch immer viele Mauern, weltweit! Nur wird über die leider viel weniger berichtet. Und dabei sind deren Folgen nicht weniger dramatisch. Siehe den interesssanten Text hier: http://www.dasdossier.de/magazin/wissen/geschichte/mauern-gestern-und-heute
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