Getöteter Eric Breininger: Die Memoiren des deutschen Dschihadisten

Von Yassin Musharbash

Es ist ein Dokument aus dem Inneren des Dschihadismus: Der in Waziristan getötete Islamist Eric Breininger hat offenbar bis zu seinem Tod an seiner Autobiografie gearbeitet. Er beschreibt das Leben unter Kämpfern, seine Hoffnung auf eine Ausbilderkarriere - und Begegnungen mit anderen Deutschen.

"Mein Weg ins Paradies": 106 Seiten Dschihad-Erinnerungen Zur Großansicht

"Mein Weg ins Paradies": 106 Seiten Dschihad-Erinnerungen

Berlin - "Über mich, mit gebürtigem Namen Eric Breininger, wird so viel geschrieben und gesagt. Das Internet und die Medien sind voll davon. Meist ist jedoch alles erfunden und erlogen": Mit diesen Worten beginnen die Memoiren Eric Breiningers, eines deutschen Dschihadisten aus dem Saarland, der Ende April in der pakistanischen Provinz Waziristan in einem Gefecht mit pakistanischen Soldaten ums Leben kam und die an diesem Mittwoch im Internet veröffentlicht wurden.

Fast klingt die Einleitung, als habe der Saarländer, der sich Abdul Gaffar Almani nannte, da schon geahnt, dass der Tod ihm nahe war: "Während dieses Werk verfasst wird, ist mir nicht klar, ob es je fertig werden wird, da wir uns im Krieg befinden." Dem Nachwort zufolge, das seine Kampfgefährten verfasst haben, beendete er die Arbeit wenige Tage, bevor er getötet wurde.

"Mein Weg nach Jannah", so hat Breininger seine Memoiren genannt: "Mein Weg ins Paradies." Es ist ein Buch, das es in sich hat. Es sind Nachrichten aus dem Innersten des militanten Dschihadismus. Eine Alltagsbeschreibung des Lebens unter Gotteskriegern am Hindukusch ebenso wie ein intimer Einblick in die Gedankenwelt eines Radikalen, der sich auf der einzig wahren Seite wähnt. Bis jetzt waren die Geständnisse der Mitglieder der Sauerland-Gruppe die beste Quelle über Leben und Denken deutscher Dschihadisten im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Breiningers Bekenntnisse ergänzen sie.

"Der Hass wuchs in mir"

Natürlich ist die Authentizität des am Mittwoch aufgetauchten Dokuments nicht unabhängig und unmittelbar zu bestätigen, aber vieles spricht dafür: neben dem Fundort - einer einschlägigen dschihadistischen Website - unter anderem die Tatsache, dass im Nachwort ein Foto von Breiningers angeblichem Leichnam abgedruckt ist und dass das Schriftstück Wissen enthält, das eigentlich nur von Breininger selbst stammen kann und das teils auch durch andere Quellen bestätigt wird.

Dagegen spricht am ehesten der relativ saubere Stil sowie die Tatsache, dass der Text mit Fußnoten versehen ist - Breininger hat sich in IJU-Propagandavideos als wenig sprachbegabt erwiesen. Der Text liegt auch den deutschen Sicherheitsbehörden vor, die ihn derzeit analysieren. Eine Hypothese ist, dass der schriftliche Text zwar auf Breiningers Erzählungen beruht, aber in Teilen von einer zweiten Person verschriftlicht worden sein könnte. Dass Breininger der Urheber ist, gilt aber als wahrscheinlich. Sollte sich das bestätigen lassen, heißt es beim Bundesamt für Verfassungsschutz, würde man den Text als sehr interessant einstufen.

In seinem Buch schlägt er einen weiten Bogen: Von seiner Sinnsuche als Jugendlicher und der ersten Begegnung mit einem frommen Muslim, die ihn schließlich zur Konversion bewegt, über seine rasend schnelle Radikalisierung und die Suche nach einem Weg auf das Schlachtfeld, bis zum Leben im Haus der Selbstmordattentäter-Brigade und der Teilnahme an Schlachten gegen die "Kuffar", die Ungläubigen.

"Ich war erst vier Monate im Islam", erinnert er sich an die letzten Wochen seines Lebens in Deutschland im Sommer 2007. "Dennoch kannte ich meine Pflicht, ich wollte in den Dschihad... Wir verfolgten die Geschehnisse in den Regionen des Dschihad und sahen uns Filme an, wie Mudschahidin gegen die Kreuzzügler kämpften... Der Hass gegenüber den Kuffar wuchs in mir."

Einsamkeit im Terrorcamp

Daniel Schneider, der später verurteilte Mitverschwörer der Sauerland-Gruppe, mit dem Breininger in einer Wohngemeinschaft lebte, wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass er unter Beobachtung stand. Er schickte Breininger außer Landes, wie dieser in dem Buch bestätigt. Nach dem Besuch einer Sprachschule in Ägypten und weiter angestachelt durch den Deutsch-Libanesen Hussain al-Mallah, der ihn nach einer ersten erfolglosen Reise ins Kampfgebiet am Hindukusch in Ägypten aufsuchte, reiste Breininger schließlich selbst nach Waziristan - und gelangte in ein Ausbildungslager der Islamischen Dschihad-Union (IJU).

Der beschriebene Ausbildungsplan deckt sich grob mit den Informationen, die die Mitglieder der Sauerland-Gruppe bereits preisgaben. Aber Breininger macht auch vor Schilderungen seiner Zweifel nicht Halt: "Ich war nach einer Weile sehr betrübt, da ich mich mit niemandem austauschen konnte. Mir blieb nichts anderes übrig, als geduldig zu bleiben und die Zähne zusammenzubeißen, um die Ausbildung durchzuhalten."

Breiningers Einsamkeit rührte auch daher, dass sein Kumpel al-Mallah, dies ist ein bisher unbekanntes Detail, die IJU kurz nach Ankunft ohne Angabe von Gründen verließ. Er taucht in den Erinnerungen auch nicht noch einmal auf. Die Annahme der deutschen Sicherheitsbehörden, die beiden Freunde seien die ganzen letzten drei Jahre über zusammen gewesen, ist damit vermutlich hinfällig.

Im Haus der Selbstmordattentäter

Nach mehreren Monaten wurde Breininger seinen Angaben zufolge ins "Haus der Selbstmordattentäter" verlegt. "Diese Brüder waren wie Perlen", schwärmt der Saarländer. Zwei seiner Bekannten sprengten sich später tatsächlich in die Luft. Danach, so Breininger, "wuchs die Liste der Muslime, die nun Selbstmordattentate machen wollten, drastisch an".

Er selbst wurde weiter an schweren Waffen ausgebildet und nahm an "vielen Operationen" Teil, wie er schreibt. Einige gibt er kurz wieder, etwa den Angriff auf eine nicht näher bestimmte Basis der "Ungläubigen": "Als nun alles startklar war, warteten wir auf den Befehl des Amir und zündeten darauf die ersten Raketen... Die Kuffar beschossen uns mit Kampfjets." Kämpfer der Taliban und sogar al-Qaidas hätten gemeinsam mit ihnen gekämpft.

Immer wieder lässt Breininger durchblicken, dass er sich oft alleine fühlte, nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere. "Mir fehlt es, einfach mal meine Gedanken auszutauschen oder dass mich ein Bruder aufbaut, wenn ich mal einen schlechten Tag hatte." Umso erfreuter reagierte er, als der IJU-Chef ihm mitteilte, er habe einige weitere deutsche Dschihadisten ausgebildet.

Gründung der Deutschen Taliban Mudschahidin

An dieser Stelle löst Breininger sogar ein Rätsel, dass deutsche Sicherheitsbehörden seit dem Herbst 2009 umtreibt, als sich zum ersten Mal eine Gruppe mit dem Namen Deutsche Taliban Mudschahidin zu Wort meldete und mit Anschlägen in Deutschland drohte. Denn die von Breininger erwähnte Gruppe von der IJU ausgebildeter Deutscher wollte lieber unter dem Kommando der Taliban kämpfen. Breininger schloss sich ihnen an und verließ die IJU: "Die Taliban erlaubten es, eine Untergruppe zu bilden. Wir waren zu Beginn sechs Brüder, gründeten die Deutschen Taliban Mudschahidin... Diese Gruppe soll eine Heimat für alle deutschsprachigen Muslime werden, die von überall auf der Welt hierher kommen können, ...um zu kämpfen." Sie sei die erste deutsche Dschihad-Gruppe weltweit, mittlerweile stetig gewachsen und umfasse "auch Familien mit Kindern".

Für sich selbst hatte Breininger auch Pläne: Er würde gerne Ausbilder werden, schreibt er. Und heiraten: eine arabischsprachige Frau. Überhaupt wäre es gut, wenn unverheiratete Frauen sich auf den Weg an den Hindukusch machen würden, es gebe viele ledige Kämpfer an der Front.

Wie enthemmt und durchradikalisiert Breininger trotz der in dem Buch zur Schau gestellten Nachdenklichkeit ist, verdeutlicht die letzte Passage in seinen Erinnerungen. Denn diese Kinder, schreibt er, würden "mit Allahs Erlaubnis" zu einer "ganz besonderen Gruppe von Terroristen, die in keiner Datenbank und keiner Liste der Feinde Allahs erfasst ist. Sie sprechen die Sprache der Feinde, kennen ihre Sitten und Bräuche und können sich auf Grund ihres europäischen Aussehens hervorragend tarnen und so die Länder der Kuffar unauffällig infiltrieren und dort... eine Operation nach der anderen gegen die Feinde Allahs ausführen und so Angst und Terror in ihren Herzen säen".

Pseudo-Theologie und Propaganda

Ein langer Weg ist das für einen jugendlichen Sinnsucher in Deutschland, der auf Partys geht, Alkohol trinkt und eine Freundin hat, und als den Breininger sich am Anfang selbst beschreibt: "Ich lebte genau das Leben, welches sich ein Jugendlicher in der westlichen Welt wünscht zu leben. Jedoch konnte ich mir den Sinn des Seins nicht erklären."

Breiningers Memoiren sind ein Dokument, in dem sich viele interessante Details finden, auch wenn es mit schwadronierenden und ausufernden pseudotheologischen Passagen durchsetzt ist und auch wenn sein Zweck letztlich Propaganda und die Werbung um Nachahmer ist. Es erlaubt einen Einblick in eine Welt, die zu verstehen anders fast unmöglich ist.

Aber eines kann das Buch nicht erklären: Wieso der bewaffnete Dschihad eine Antwort auf die Frage nach einem Sinn im Leben sein soll. Seinen Tod, schreiben die Kampfgenossen im Nachwort, fand Breininger, als Soldaten sie unter Feuer nahmen. Er sei von mehreren Kugeln getroffen worden.

Am Tag nach dem Gefecht hätten die Mudschahidin seine Leiche geborgen und ihn bestattet.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
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1. Der Pseudosinn eines Lebens...der Tod und das Töten?
j.f. Sebastian 05.05.2010
Wer sich einem Todeskult anschliesst, wird auch den Tod finden. Ein hasserfüllter Mensch weniger auf der Welt, ein Schritt näher an einem friedlichen Miteinander.
2. 1
nurEinGast 05.05.2010
Zitat von sysopEs ist ein Dokument aus dem Inneren des Dschihadismus: Der in Waziristan getötete Islamist Eric Breininger hat offenbar bis zu seinem Tod an seiner Autobiografie gearbeitet. Er beschreibt das Leben unter Kämpfern, seine Hoffnung auf eine Ausbilderkarriere - und Begegnungen mit anderen Deutschen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,693081,00.html
Eigentlich ist es unglaublich, was für ein Idiot Breininger war. Jemand, der hierzulande aufgewachsen ist sollte mit Anstand und Respekt gegenüber anderen und insbesondere Frauen aufgewachsen sein. Denkt man jedenfalls. Dann naive Kommentare zu lesen wie "es sollten mehr Frauen kommen um sich besteigen zu lassen und Terroristen zur Welt zu bringen" lassen mich mit dem Kopf schütteln. Entweder ist dieses Pamphlet nicht von ihm und jemand versucht ihn auch noch im Tode zu benutzen oder Breininger war ein Geisteskranker der sich des Schwachsinns seiner Worte nicht bewusst ist. Naja, wie auch immer. Er ist tot. Bedeutungslos. Unwichtig.
3. Versager
black_math 05.05.2010
So ein Versager... Da begibt sich ein etwas minderbemitteltes deutsches Wohlstandskind auf Sinnsuche und landet bei der Taliban. Die lachen sich natürlich ins Fäustchen über das gern gesehene Kanonenfutter für den Dschihad. Unglaublich.
4. Denkfehler
Backpacker 05.05.2010
Eine Sache die sich dieses Genie in seinem Masterplan nicht ganz durchgedacht hat, ist doch, wo wiese vermeindlichen Zweit-Generations-Terroristen ihre westlichen Identitäten und Kulturkenntnisse hernehmen wollen. Diese sollen doch in irgendeinem Terrorcamp am Arm der Welt geboren werden und dort aufwachsen, die können dann zwar evtl. sogar Deutsch (zwar unwahrscheinlich wenn Papa die "Kuffar" bekämpft, und Mama "arabischsprachig" ist), aber ich glaube nicht, dass die dann einfach so ohne Pass und Identität im Westen als Schläfer untertauchen können, ganz zu schweigen von sozialen Erfahrungen einer westlichen Gesellschaft... Und ja, der ganze Plan zeugt von einer unsäglichen Menschenverachtung, aber das wäre Beringers Wahl-Kulturkreis ja nicht fremd. Überhaupt sehe den ganzen Vorgang noch nicht als Beweis für sein Breiningers Dahinscheiden an. Wieso glaubt eigentlich jeder, dass der Mann tatsächlich tot ist?
5. voellige Zustimmung
suum.cuique 05.05.2010
Zitat von black_mathSo ein Versager... Da begibt sich ein etwas minderbemitteltes deutsches Wohlstandskind auf Sinnsuche und landet bei der Taliban. Die lachen sich natürlich ins Fäustchen über das gern gesehene Kanonenfutter für den Dschihad. Unglaublich.
Jetzt fehlt nur noch der Abdruck der Memoiren in den dt. Medien, ein "Nachruf" fuer diesen Clown im Kampfanzug. So wird dann kostenlose Propagandarbeit fuer die Extremisten geleistet und noch mehr minderbemittelte Nachmacher "geworben".
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