Gewalt als Protestmittel Die Aspirin-Methode

Zwischen Ich-bin-dagegen-Gehabe und brennenden Barrikaden - der Proteststurm gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm folgt einem immer wiederkehrenden Ritual und stellt die Linke vor die Frage, ob und wie viel Gewalt eine legitime Form des Widerstands ist.

Von Reinhard Mohr


Berlin - Es ist ein ehernes Gesetz des menschlichen Lebens: Rituale müssen sein. Weihnachtsbescherung unterm Tannenbaum, Kartoffelsalat und Würstchen an Silvester, Dieter Bohlen bei Kerner und alle Jahre wieder der Protest gegen das G-8-Gipfeltreffen der wichtigsten Wirtschaftsnationen. Was 1975 mit Helmut Schmidt und Valéry Giscard d'Estaing am gemütlichen Kamin des Schlosses Rambouillet begann, hat sich inzwischen zum jährlichen Mega-Event entwickelt, dessen reale Bedeutung für das Weltgeschehen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu Aufwand und Kosten steht.

G-8-Gegner in Edinburgh während des Gipfels von Gleneagles: Die drinnen produzieren heiße Luft, die draußen lassen Dampf ab
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G-8-Gegner in Edinburgh während des Gipfels von Gleneagles: Die drinnen produzieren heiße Luft, die draußen lassen Dampf ab

Insgesamt 2000 Teilnehmer, Beraterstäbe inklusive, werden Anfang Juni nach Heiligendamm reisen, 4000 Journalisten und 16.000 Polizisten. Dazu womöglich 100.000 Demonstranten. Na dann viel Vergnügen beim intimen Dialog über Weltwirtschaft, Afrika und Klimawandel.

Im Ernst: Wie sinnvoll solche Treffen überhaupt sein können, deren offizielle Ergebnisse in vorformulierten Erklärungen bestehen, wird immer wieder diskutiert. Wer ehrlich ist, müsste sagen: kaum oder gar nicht. Wenn sich die höchsten Vertreter der führenden Industrienationen einmal im Jahr unter vergleichsweise entspannten Bedingungen sehen und miteinander sprechen wollten, müssten sie sich auf eine einsame Südseeinsel zurückziehen. Oder auf einen schönen Ozeandampfer.

So aber wird von vorneherein ein Ritual zelebriert, das mittelalterliche Züge trägt: Die Burgherren samt Fräuleins in der militärisch gesicherten Festung, Pech und Schwefel gut gebunkert, draußen die anstürmenden Volksmassen mit modernen Mistgabeln, die – mangels Wassergraben – am Zaun rütteln und kriegerische Verwünschungen ausstoßen. Symbolische Politik, hilflose Gesten auf beiden Seiten. Die einen kommen nicht rein, die anderen nicht raus. Die drinnen produzieren heiße Luft, die draußen lassen Dampf ab. Pffft pfffft, Puff puff. Oder doch knallknall pengpeng?

Die Razzia der Bundesanwaltschaft am Mittwoch, bei der etwa 40 "Objekte" verdächtiger G-8-Gegner durchsucht wurden, war eher ein Zeichen dafür, dass es eben doch zu gewalttätigen Aktionen kommen könnte. Natürlich war es auch ein Warnschuss, wer will: Abschreckung und Einschüchterung. Die Adressaten aber waren allein jene, die mit Gewalt zumindest liebäugeln.

Gewalt als Gipfelritual

Selbstverständlich ist der größte Teil der Anti-G-8-Bewegung, wie immer man sie politisch bewertet, friedlich beziehungsweise gewaltfrei. Die Grenze des physischen Widerstands ist da meist mit einer Sitzblockade samt zugehörigem Gerangel mit der Polizei erreicht.

Doch es wäre naiv anzunehmen, dass nicht einige Gruppen aus der militanten linksradikalen und autonomen Szene die Gelegenheit nutzen wollen, hier und da ein explosives Fanal zu setzen. Denn auch das gehört zum Ritual: Man weiß, dass man das G-8-Treffen nicht verhindern, wahrscheinlich nicht einmal wirklich behindern kann. Aber für Fernsehbilder vom lodernden "revolutionären" Widerstand gegen die "imperialistische Weltherrschaft" von Merkel, Bush & Co. reicht es allemal. Und wer weiß, wer da noch alles mitzündeln will von nah und fern.

Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Konrad Freiberg, jedenfalls warnt vor einer erhöhten Anschlagsgefahr und redet von einer "ganz neuen Dimension" des Linksextremismus. In der einschlägigen Szene wird natürlich umgekehrt ein Schuh daraus. Man montiert, so wörtlich, "die Anti-RAF-Kampagne" der letzten Wochen mit der G-8-Razzia zu einem verschwörerischen Gesamtkunstwerk, und fertig ist der gute alte Begriff von der "Kriminalisierung" der gesamten Protestbewegung. Klar wie Christian. Soll heißen: Wieder einmal, wie früher in den siebziger und achtziger Jahren, wird der legitime demokratische Widerstand gegen die zerstörerischen Pläne des globalen Kapitals als kriminelle Handlung desavouiert.

Dieser Logik schließen sich Linkspartei und Grüne, die eben noch an der Seite des lupenreinen Demokraten Gerhard Schröder zu den G-Teilnehmern gehörten, weich gespült und wohlfeil an. Ganz nebenbei: Was sagt die Linkspartei/PDS eigentlich zur tagtäglichen "Kriminalisierung" jener, die die Pressefreiheit im G-8-Staat Russland in Anspruch nehmen wollen – zur Todesstrafe für Journalisten, vollstreckbar auf der Straße?

Claudia Roth jedenfalls, gerade noch stolze Regierungslinke an Kanzlers Seite, rüttelt nun wieder voll autonom am Maschendrahtzaun. Und im Hintergrund scheppern Ton, Steine, Scherben mit Rio Reisers legendärer Reibeisenstimme: "Im Süden, im Osten, im Westen, im Norden, es sind überall dieselben, die uns ermorden..."

So klang es auch damals in Brokdorf, Wackersdorf und Gorleben, in Mutlangen und an der Startbahn West – beim Kampf gegen Atomkraftwerke und Plutoniumfabriken, Nato-Raketen und Wald fressende Großflughäfen. Längst hat der massenhafte Protest seinen wohl verdienten Platz in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Die "Gewaltfrage" aber, die ihn in der politischen Kontinuität von 1968 stets begleitet hat, ist bis heute virulent, auch wenn es die einst einflussreiche "neue Linke" und ihre luzide Unterscheidung zwischen "Gewalt gegen Sachen" und "Gewalt gegen Personen" nicht mehr gibt.

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