Gewalt im Wahlkampf Grünenpolitiker Ströbele von Neonazi überfallen

Beim Verteilen von Flugblättern hat ein polizeibekannter Rechtsradikaler den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele in Berlin mit einer Teleskopstange niedergeschlagen. Der 63-jährige Politiker erlitt Verletzungen am Kopf, der Täter konnte von der Polizei festgenommen werden.

Von


Hans-Christian Ströbele wurde bei einer Wahlkampf-Aktion angegriffen
REUTERS

Hans-Christian Ströbele wurde bei einer Wahlkampf-Aktion angegriffen

Berlin - "Im ersten Moment dachte ich, ein Lkw würde mich anfahren", erinnert sich Hans-Christian Ströbele an den Moment, als der Täter auf ihn einschlug. Ströbele war wie fast jeden Morgen in seinem Wahlkreis im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs und verteilte nahe der S-Bahnstation Warschauer Brücke mit einem Helfer Flugblätter. Den Mann, der ihn schließlich mit einer Teleskopstange in den Nacken direkt unter dem Schädelansatz schlug, hatte Ströbele gar nicht gesehen. "Er muss von hinten gekommen sein und schlug gleich zu", sagte Ströbele am Nachmittag. Nach dem Schlag hörte Ströbele noch, wie der Mann ihn als "Hurenschwein" beschimpfte.

Dann ging alles sehr schnell. Der 35-jährige Täter flüchtete zu Fuß, Ströbele verfolgte ihn. Als eine Polizeistreife vorbeifuhr, hielt Ströbele sie an und bat um Hilfe. Gemeinsam mit der Polizei konnte er den Täter schließlich in einem Hauseingang stellen. Bendix Jörg W. wurde von der Polizei festgenommen und soll noch am Freitagnachmittag dem Haftrichter vorgeführt werden. Hans-Christian Ströbele ist nach einer ärztlichen Untersuchung vorerst zu Hause im Bett. Neben einer dicken Beule attestierten die Ärzte im Krankenhaus bei ihm den Verdacht auf eine Gehirnerschütterung. Neben Kopfschmerzen und einem "etwas mulmigen Gefühl" gehe es ihm aber gut, sagte er nachmittags zu SPIEGEL ONLINE. "Ich hoffe, dass ich nach reichlich Schlaf am Samstag wieder auf den Beinen bin und meinen Wahlkampf fortsetzen kann", so Ströbele.

Bekannte Größe in der rechten Szene

Wenige Stunden nach der Tat ist Ströbele glücklich, dass nicht mehr bei dem Überfall passiert ist. Denn als er erfuhr, wer sein Peiniger war, dämmerte ihm die wirkliche Gefahr bei dem Überfall. Der Täter ist bei der Polizei und vor allem beim Staatsschutz als rechter Schläger und führendes Mitglied der rechten Berliner Szene bekannt. Bendix Jörg W. gilt in der Szene als "Beauftragter" für verschiedene Kampftechniken und Experte für den Einsatz von Schlagwerkzeug. Auch mit dem Umgang von Sprengstoff machte er seine Mitstreiter in Lehrgängen vertraut. Gegen den 35-Jährigen aus dem Berliner Vorort Wandlitz liefen und laufen bereits mehrere Verfahren wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen sowie gefährlicher Körperverletzung und Hausfriedensbruch.

Mit diesem Comic-Plakat wirbt Ströbele für sich als Bundestags-Direktkandidat
AP

Mit diesem Comic-Plakat wirbt Ströbele für sich als Bundestags-Direktkandidat

Wegen diverser politisch motivierter Straftaten saß W. bereits Ende der Neunziger zwei Jahre im Gefängnis. Bendix Jörg W. soll ebenfalls eine der Ikonen der rechten Szene, den Berliner Neonazi Kay Diesner, im Kampfsport ausgebildet haben. Diesner sitzt seit Jahren im Gefängnis, nachdem er am 19. Februar 1997 mit einer Pump-Action-Flinte auf das PDS-Mitglied Klaus Baltruschat in dessen Buchladen schoss. Der Buchhändler überlebte nur knapp und ist seit dem Attentat schwer behindert. Kurz darauf hatte Diesner auf der Flucht einen Polizisten erschossen. Hans-Christian Ströbele machen diese Details Angst: "Wenn ich all das höre, wäre ich ihm vielleicht nicht so naiv hinterhergelaufen."

Kampf um den Einzug in den Bundestag

Bei den Grünen sorgte der brutale Überfall für Betroffenheit. Die beiden Parteichefs Claudia Roth und Fritz Kuhn sowie die Fraktionsvorsitzenden Kerstin Müller und Rezzo Schlauch äußerten sich bestürzt über den Angriff und wünschten Ströbele gute Besserung. Die Grünen träten seit Jahren gegen Rechtsextremismus und rechte Gewalt ein: "Dafür steht gerade auch Hans-Christian Ströbele", so eine gemeinsame Erklärung.

Für Ströbele ist der Überfall nicht nur ein Schock, sondern auch ein politischer Rückschlag. Nachdem ihn der Berliner Landesverband nicht für einen sicheren Listenplatz für den nächsten Bundestag nominiert hatte, kämpft Ströbele seit Wochen mit einem wohl einzigartigen Straßenwahlkampf um ein Direktmandat in seinem Bezirk. Fällt er nun in den letzten beiden Tagen wegen des Überfalls aus, stehen seine ohnehin geringen Chancen auf einen Wiedereinzug in den Bundestag noch schlechter.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.