Gewalt in Berlin Staatsschutz ermittelt nach Angriff auf kurdischstämmigen Politiker

"Scheiß Ausländer, scheiß Türke", riefen zwei fremdenfeindliche Angreifer - dann schlugen sie auf den Berliner Abgeordneten Sayan ein. Politiker reagierten entsetzt. Der Regierende Bürgermeister Wowereit verurteilte diese "übelste Form von Gewalt". Jetzt ermittelt der Staatsschutz.


Berlin – Auch wenn noch nicht klar sei, ob es ein gezielter Angriff auf Giyasettin Sayan als Ausländer oder als Kurde gewesen sei, "diese übelste Form von Gewalt verurteilen wir auf das Schärfste", sagte Wowereit einem Bericht des Senders RBB zufolge.

Schlägeropfer Sayan: Seit mehr als 30 Jahren in Deutschland
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Wowereit spielte dabei offenbar darauf an, dass Sayan in der Vergangenheit wegen seines Engagements für die Kurden in der Türkei sowie für die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges auch von türkischer Seite bedroht worden war. Seine Angreifer beschimpften ihn gestern Abend jedoch laut Polizei mit den Worten "Scheiß Ausländer, scheiß Türke".

"Feiger Überfall"

Ihre Betroffenheit äußerte auch Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau. Die Politikerin der Linkspartei wertete die Tat als Beleg für die Berechtigung der Warnungen von Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye vor den Gefahren rechtsextremistischer Gewalt in Deutschland. "Der feige Überfall beweist einmal mehr, wie unsinnig der Medienstreit über die Heye-Äußerungen ist", erklärte Pau, die Sayan heute im Krankenhaus besuchte.

Pau verwies darauf, dass Sayan vor einigen Jahren bewusst in den Berliner Osten gezogen sei, um damit ein Zeichen zu setzen. "Dieser Überfall auf meinen Kollegen und Freund Giyasettin Sayan macht mich betroffen und wütend zugleich", erklärte die Linkspartei-Politikerin.

"Flächendeckendes Gewaltproblem"

Grünen-Chefin Claudia Roth sagte, der Falle zeige, dass es "ein flächendeckendes, gravierendes rechtsextremistisches Gewaltproblem in unserem Land" gebe. Es sei "erschütternd und empörend, dass Giyasettin Sayan mitten in der Bundeshauptsstadt Opfer eines brutalen, rassistischen Anschlags geworden ist".

Nach Angaben der Polizei hatte Sayan gestern Abend gegen 22.30 Uhr sein Auto im östlichen Stadtteil Lichtenberg geparkt, als ihn zwei Männer ansprachen. Sie hätten den Politiker mit fremdenfeindlichen Parolen beleidigt und dann niedergeschlagen. Der 56-Jährige Sayan sei mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht worden.

Bei den Tätern handelt es sich laut Polizei um zwei Männer im Alter zwischen 20 und 25 Jahren. Sie ergriffen nach dem Überfall die Flucht. Bei der Fahndung nach ihnen wurde die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen. Für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat führen, setzte die Polizei eine Belohnung von bis zu 3000 Euro aus.

Der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamts hat inzwischen die Ermittlungen aufgenommen.

Sayan lebt sei mehr als 30 Jahren in Deutschland und engagiert sich besonders in der Ausländerpolitik. Er ist migrationspolitischer Sprecher der Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus und Mitglied des Parlamentspräsidiums. 2002 hatte er auch für den Bundestag kandidiert.

Sayan wurde 1950 im osttürkischen Mus geboren und kam Anfang der siebziger Jahre zum Studium nach Deutschland. Politisch engagierte er sich zunächst für die Grünen beziehungsweise die Alternative Liste, dann für die Linkspartei/PDS.

hen/dpa/AFP



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