Konfliktpotenzial in Asylunterkünften Trauma, Enge, Nichtstun

Suhl, Kassel, Hamburg - hier kam es zuletzt zu Gewaltausbrüchen in Flüchtlingsheimen. Innenminister de Maizière kritisiert eine mangelnde "Ankommenskultur". Doch wo liegen die Probleme wirklich, wie kann man sie lösen?

Polizeieinsatz vor Hamburger Flüchtlingsunterkunft: Vier Verletzte
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Polizeieinsatz vor Hamburger Flüchtlingsunterkunft: Vier Verletzte

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In Hamburg war der Auslöser ein Streit um die Duschen, vorvergangene Nacht in einem Flüchtlingsheim.

"Vier Verletzte, zertrümmerte Trennwände und Betten, aus der Verankerung gerissene Lampen", beschreibt der NDR die Bilanz einer Schlägerei unter Bewohnern eines ehemaligen Baumarkts. In einem Containercamp in Kassel-Calden war es die Essensausgabe, die am Sonntag zu einer Massenprügelei führte. Und der Gewaltexzess unter Flüchtlingen in Suhl Ende August beschäftigt die Polizei noch immer.

Auffällig ist, dass diese und ähnliche Zwischenfälle fast ausnahmslos in Unterkünften stattfanden, die deutlich überbelegt waren oder deren Zustand als heruntergekommen beschrieben wurde.

Zwar gelingt in den allermeisten Fällen die Unterbringung Tausender Menschen, die gleichzeitig eintreffen, bemerkenswert gut. Doch "vielerorts ist die Belastungsgrenze für die Verwaltungen, Hilfsdienste und ehrenamtliche Mitarbeiter nicht nur erreicht, sondern bereits überschritten", warnte der Städte- und Gemeindebund vor Kurzem.

Der September war laut Bundesregierung ein Rekordmonat der Flüchtlingszahlen - trotzdem sind größere Ausschreitungen in den Unterkünften selbst bislang Einzelfälle. Ganz im Gegenteil zu rechtsextremen Angriffen auf Flüchtlingsgebäude, die massiv zunehmen.

"Dazu gehört, dass man sich nicht prügelt"

Dennoch verändern die gehäuften Berichte über Gewalt unter Flüchtlingen den Ton der Debatte. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) thematisierte überfüllte Unterkünfte am Donnerstag im Landtag, warb aber um Verständnis. "Wir arbeiten alle im Krisenmodus und auf Sicht", sagte er.

Etwa zeitgleich forderte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) im Bundestag, Flüchtlinge müssten die "Rechts- und Wertekultur" in Deutschland akzeptieren. Dazu gehöre, "dass man sich nicht prügelt".

Im ZDF fügte er am Abend hinzu, es müsse klar gesagt werden, dass von den Asylsuchenden eine "Ankommenskultur" verlangt werde. Die Flüchtlinge müssten sich "einem fairen Verfahren stellen".

Und der Innenexperte der Unionsfraktion, Stephan Mayer (CSU), empörte sich: "Das Asylverfahren ist kein Freibrief für Straftaten."

Vorschläge, wie man Konflikte künftig verhindern könnte, gibt es viele - über Nacht werden sich die meisten davon aber nicht umsetzen lassen. Ein Überblick:

  • Mehr Platz

Ursprünglich sollten jedem Flüchtling sieben Quadratmeter zustehen, in der Realität ist es oft viel weniger. "Das Hauptproblem ist nicht die Religion, sondern die beengten Lebensverhältnisse, das Nichtstun und die Perspektivlosigkeit, die viele Menschen über Wochen erleben", sagt die Grünen-Abgeordnete Luise Amtsberg. Fotos wie dieses geben eine Vorstellung davon, dass es in einigen Aufnahmestellen keinerlei Möglichkeit gibt, sich zurückzuziehen:

Behelfslager für Flüchtlinge in einer Turnhalle in Hanau
REUTERS

Behelfslager für Flüchtlinge in einer Turnhalle in Hanau

Abhilfe soll das Flüchtlingspaket schaffen, das der Bund gerade beschlossen hat. Die Kommunen bekommen mehr Geld für Wohnungsbau und dürfen komplizierte Sanierungsklauseln künftig übergehen. Zum Beispiel muss eine ausrangierte Kaserne nicht mehr aufwendige Energienormen erfüllen, es genügt fürs Erste, wenn Dach, Fenster und Heizung in Schuss sind. "Es geht darum, die Menschen wetterfest und menschenwürdig unterzubringen, bevor der Winter kommt", erklärt ein Sprecher des Umweltministeriums.

  • Stärkere psychologische Betreuung

Das fordern Diakonien und Fachverbände. Auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sieht Psychotherapien für Flüchtlinge als "besonderes Problem" - weniger wegen eines Mangels an Freiwilligen, sondern eher wegen der Sprachbarrieren. Sein Haus regt nun an, zu prüfen, ob sich unter den Flüchtlingen selbst psychologisch geschulte Menschen finden, die als Berater eingesetzt werden könnten.

  • Trennung nach Religionen

Der Vorschlag, Flüchtlinge nach Glauben und Ethnien aufzuteilen, kursiert seit einiger Zeit - stößt aber in der Politik mehrheitlich auf Ablehnung.

  • Schutz vor sexuellem Missbrauch

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung regt besonderen Schutz für Frauen und Kinder in Flüchtlingsunterkünften an, etwa durch geschlechtergetrennte Schlafstätten und Duschräume. Ein Vorstoß, der für das Thema sexuelle Gewalt sensibilisiert - aber aufgrund der Platznot wohl erst einmal hintanstehen dürfte.

  • Bessere Kommunikation

Der Städte- und Gemeindebund fordert einen Leitfaden für jeden Flüchtling, um schon bei der Ankunft "klarzumachen, dass gewalttätige Übergriffe in den Unterkünften nicht toleriert werden". Ideal seien "zwei Seiten Papier in mehreren Sprachen, die erklären: Das darf man, das darf man nicht, das sind die Hausregeln", sagt ein Sprecher.

Der Leiter eines Flüchtlingsheims in Niedersachsen hatte kürzlich einen ganz anderen praktischen Vorschlag parat: "Die Flüchtlinge müssen sich von den Mitarbeitern ernst genommen fühlen", sagte er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Ein freundliches Lächeln ersetzt den Ordnungsdienst."


Zusammengefasst: In Flüchtlingsunterkünften kam es in den vergangenen Tagen mehrfach zu Ausschreitungen, Bewohner gingen aufeinander los, zuletzt in Hamburg. Politik und Verbände bemühen sich darum, die Spannungen mit mehr Wohnraum und anderen Maßnahmen zu entschärfen - doch eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.

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