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Gewalt in Rostock: "Die schlagen alles kurz und klein"

Aus Rostock berichtet

Viele Zehntausend Menschen - 80.000 laut Veranstalter, 25.000 laut Polizei - demonstrierten weitestgehend friedlich, bis kurz vor Ende am Rostocker Hafen die Gewaltbereiten zuschlugen: Über 2000 zum Teil Vermummte lieferten sich Straßenschlachten mit den Einsatzkräften.

"Haut doch ab, verschwindet", ruft die junge Frau, außer sich vor Wut. Im nächsten Moment wird sie mitgerissen von der Menge, eine Polizeieinheit in schwerer Montur drängt sie im Laufschritt zurück. Nur kurz ist es ruhig. Dann finden sich die Beamten wieder in einem Hagel von Steinen, Flaschen und Holzlatten, nun ziehen sie sich zurück.

Der Zorn der jungen Frau gilt allerdings nicht der Polizei, sondern ihren eigenen Leuten. Jenen schwarz Gekleideten, zum Teil mit Mützen, Sonnenbrillen und Schals vermummt, die mit Gewalt gegen den G-8-Gipfel protestieren wollen - und das gleich zu Beginn deutlich zeigen. Die Abschlusskundgebung wird zur Nebensache, während sie den Platz am Rostocker Hafen zu ihrem privaten Schlachtfeld machen.

"Die Autonomen schlagen alles kurz und klein, was sich ihnen in den Weg stellt", sagte später ein sichtlich um Fassung bemühter Polizeisprecher. Auf der Straße "Am Strande", praktisch schon am Ziel, regneten Steine, Flaschen und Brandsätze auf die Sicherheitskräfte nieder. Militante stürzen Autos um, stecken sie in Brand. Scheiben gehen zu Bruch, der Wind treibt dicken Qualm und Tränengas durch die Straßen. Dutzende Verletzte müssen behandelt werden - Schwerverletzte ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Dass die Polizei mit aller Härte zurückschlägt, hält mancher der Beobachter am Rande für genauso unangemessen. "Die sind wie verrückt da drüben runtergerannt, direkt auf uns zu", sagt ein älterer Herr mit weißem Bart, er ist außer sich über diese Szene. Jedenfalls scheint es genau das zu sein, was sich die Autonomen gewünscht haben.

Am Morgen hatte es vor dem Hauptbahnhof noch nach einem sehr friedlichen Tag ausgesehen. Von der Bühne sang ein amerikanischer Liedermacher mit wilder Stimme gegen seinen Präsidenten, während sich unten der Demonstrationszug, einer von zweien an diesem Tag, langsam formierte. Bunt und international ist das Spektrum der Gruppen gegen den nächste Woche beginnenden G-8-Gipfel in Heiligendamm: Linke Hedonisten aus Berlin, krächzende Globalisierungsgegner aus Griechenland, Gewerkschaftsvertreter aus Brasilien - der Protest ist so chaotisch wie sympathisch.

Auch die wenigen erkennbaren Vertreter der Polizei hatten sich dabei eingereiht. "Wir wollen, dass es wie ein Volksfest wird", sagte ein Presse-Beamter. Begleitet von Sambaklängen setzte sich der Zug schließlich gegen ein Uhr mittags in Bewegung, die Sonne versuchte zeitgleich den verhangenden Ostseehimmel zu durchdringen. Begleitet von verschiedenen Musikgruppen zog die Demonstration durch die Innenstadt, "sehr ruhig", wie Polizeisprecher Manfred Etzel später feststellte. Dazu mag auch eine Horde irrlichternder Anti-Globalisierungs-Clowns an der Demonstrationsspitze beigetragen haben, von denen sich einige Polizisten sogar die Gesichter bemalen ließen.

Nur zweimal blitzte Gewalt auf: Einmal vor dem Radisson-Hotel - wo Teile der amerikanischen Gipfel-Delegationen wohnen sollen - , da flogen einige Steine aus dem sogenannten schwarzen Block auf Polizisten und deren Busse. Das gleiche vor einer Sparkasse.

Ein Vorgeschmack, offenbar.

Warum es zur Eskalation am Hafen kommen konnte, ist auch am frühen Abend noch nicht zu klären. Die Polizei habe einen Vermummten festgenommen, das war der Auslöser, hört man. Vielleicht war es auch nur ein willkommener Anlass. Christian Ströbele, Protest-Urgestein und Fraktions-Vize der Grünen im Bundestag, knetet etwas in den Händen, als er diesen Satz sagt: "Ich hoffe, dass das Friedliche in den nächsten Tagen überwiegen wird."

"Ick weeß och nich' so recht, was hier eigentlich los is'", sagt ein Berliner Polizist unter seinem schweren Helm. So richtig organisiert seien die eigenen Leute wohl nicht, meint er. Aus vielen Bundesländern sind die Beamten zusammengezogen worden, daran könnte es liegen.

Tatsächlich ist für viele Beobachter nicht nachvollziehbar, warum die Polizei gegen Abend immer wieder in kleinen Gruppen gezielt gegen Demonstranten vorgeht. Dann setzt sie auch zum ersten Mal Tränengas ein, was Polizeisprecher Manfred Etzel noch um 16.30 Uhr ausschloss.

"Wir wollen heute maximal deeskalierend wirken", hatte der Einsatzleiter der Sonderkräfte, Polizeioberrat Heinz Kiefer, beim Demonstrationsbeginn erklärt. Einige Stunden später ist der Boden am Hafen von Pflastersteinen übersäht, eine unbekannte Anzahl von Demonstranten und mindestens zwei Polizisten sind verletzt.

Mit Material von ap

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