Gewaltausbruch Randale spaltet Protestbewegung

Wenige Stunden genügten, um die G-8-Protestbewegung zu entzweien: Nach den chaotischen Ausschreitungen in Rostock will das globalisierungskritische Netzwerk Attac gewaltbereite Linke ausschließen. Die Autonomen dagegen rechnen weiter mit "Ärger". Die Staatsanwaltschaft erließ erste Haftbefehle.

Aus Rostock berichten und


Er war nicht vermummt, er hat auch keine Steine auf Polizisten geworfen, aber Tim Laumeyer muss jetzt geradestehen für das, was sich gestern in Rostock bei der Großdemonstration gegen den G-8-Gipfel ereignete. Der 30-Jährige ist Sprecher für die Interventionistische Linke, einer Organisation, die sich selbst als linksradikal bezeichnet und bei der Kundgebung den Block der rund 2000 Autonomen organisiert hat, deren Auftreten zu stundenlangen Krawallen mit Hunderten verletzten Polizisten und Demonstranten führte.

Demonstranten in Rostock: "Eskalation, die wir nicht wollten"
DPA

Demonstranten in Rostock: "Eskalation, die wir nicht wollten"

Es gibt derzeit viele Fragen an den Studenten aus Berlin. Er trägt ein Kapuzenshirt mit "Block G-8"-Aufdruck, seine glatten, blonden Haare fallen ihm in die Stirn und er steht in einem abrissreifen, graffiti-übersäten Plattenbau in Rostock-Evershagen. Es ist eine ehemalige Schule, die die Gipfel-Kritiker zu ihrem Hauptquartier gemacht haben. Sie nennen es "Convergence Center", was für Annäherung und Zusammentreffen steht.

Diese Annäherung gilt natürlich nicht für jeden, zumindest nicht für die Gegenseite: "Die Polizei hört mit. Also keine Aktion im Convergence Center besprechen", steht auf einem Plakat. "Die Demonstration war ein Erfolg", sagt Laumeyer - weil ein breites Bündnis von Globalisierungskritikern zusammengestanden habe. Aber er räumt auch Fehler ein: "Es ist zu einer Eskalation gekommen, die wir nicht wollten", sagt der 30-Jährige. Am Rostocker Stadthafen, dort, wo es zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei kam, hätte es zu wenig Ordner gegeben.

Deshalb sei die Attacke auf ein Polizeiauto möglich gewesen. Aber die Beamten hätten unangemessen reagiert: "Die haben Schlagstöcke eingesetzt und massiv auf Demonstranten eingeprügelt", sagt Laumeyer. Dann habe sich alles "extrem schnell aufgeschaukelt". An die tausend Menschen waren bei den stundenlangen Straßenschlachten verletzt worden: Die Polizei zählte 433, davon 30 schwer verletzte Beamte, die Veranstalter sprechen von mindestens 520 verletzten Demonstranten, 20 schwer. Mehrere Autos und Einkaufswagen wurden in Brand gesteckt, zahlreiche Geschäfte in der Innenstadt verwüstet. Am späten Abend hatte sich die Situation etwas entspannt. Nach Angaben der Veranstalter wurden 165 Personen festgenommen.

Das Rostocker Amtsgericht erließ heute Haftbefehle gegen neun mutmaßliche Randalierer. Wie die Staatsanwaltschaft
mitteilte, wurde ein zehnter Antrag auf Haft abgelehnt. Grund sei, dass bei diesem Festgenommenen die zu erwartende Strafe
höher als ein Jahr Haft sei. Damit übersteige das Strafmaß die
Obergrenze für ein beschleunigtes Verfahren. Der Beschuldigte komme dennoch nicht frei, da er in Sicherungsgewahrsam zur Gefahrenabwehr sitzt.

Gegen alle zehn Beschuldigten besteht der dringende Tatverdacht des schweren Landfriedensbruchs und der
gefährlichen Körperverletzung. Sie sollen Steine geworfen oder andere Gewalttaten verübt haben. Belastet würden sie unter anderem durch Videomitschnitte von den Krawallen. Die übrigen der laut Staatsanwaltschaft insgesamt 128 Festgenommenen seien frei gelassen worden. Gegen sie werde aber weiter unter anderem wegen einfacher Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Widerstands gegen die Polizei ermittelt.

An den Ausschreitungen waren laut Polizei auch viele Ausländer beteiligt. So seien unter den Festgenommenen aus dem Autonomen-Block Bulgaren, Österreicher, Japaner, Schweden, Spanier, Franzosen und Russen gewesen. Auch für die nächsten Tage will Laumeyer gewaltsame Auseinandersetzungen nicht ausschließen: "Es wird wieder Ärger geben, aber die Bilder von gestern Abend werden sich nicht wiederholen." Zahlreiche gewaltbereite Autonome seien bereits abgereist.

Es sind Worte, mit denen sich viele G-8-Kritiker nicht zufrieden geben wollen. Die Ausschreitungen des gestrigen Tages lösen in dem Bündnis der G-8-Gegner ernsthafte Spannungen aus. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac will die gewaltbereite Autonomenszene nicht mehr auf den eigenen Demonstrationen haben. "Wir wollen euch nicht mehr sehen", erklärte Sprecher Peter Wahl heute im Fernsehsender n-tv.

Solidarität - bis die Steine flogen

Die Mehrheit der Demonstranten - die Polizei spricht von 30.000 Teilnehmern, die Veranstalter von 80.000 - wollte gestern friedlich protestieren. Eine christliche Gruppe etwa hatte sich zuvor zur Andacht in der Rostocker Sankt Marien Kirche getroffen, dann waren die rund tausend Besucher des Gottesdienstes auf die Straße gegangen. "Wir haben mit dem Protest auf der Straße normalerweise nicht viel zu tun", sagt Kersten Koepcke, Sprecher der Gruppe "Kirche und G8" in Mecklenburg-Vorpommern. "Solidarität mit der restlichen Bewegung" wollte man aber zeigen - bis die Steine flogen. "Sehr problematisch" findet er, wie die Gewalt kurz vor dem Demo-Ende eskalierte.

Auch auf der "Beluga 2" ist die Erschütterung über die Vorfälle des Vortags noch zu spüren. Die Leute von Greenpeace sind auf einem ihrer Segelschiffe nach Rostock gereist, hier liegt in den Tagen des G-8-Gipfels ihr maritimes Büro, acht Leute schlafen an Bord. "Aber es sind sicher tausend Leute aus der Umweltbewegung, auch andere Gruppen außer uns, die gestern mit demonstriert haben", sagt Karsten Smid. Die allesamt hilflos waren, als die Stimmung am Hafen kippte. "Da sind ja auch viele Leute gewesen, mit denen man nicht reden kann", sagt Smid.

Es gebe "zwei Gesichter des Protests, das ist auch gestern klar geworden", glaubt Smid: "Und wir wollen weiter das friedliche mit gestalten." Beispielsweise mit Aktionen wie jener am Nachmittag: Auf über 3500 Quadratmetern haben Hunderte auf dem Hafenplatz ein sogenanntes menschliches Banner gegen die G-8-Politik gebildet. "Das ist unser Gesicht", sagt Smid.

"Wir haben die Situation falsch eingeschätzt"

Dieses Gesicht des Protests wollte auch Manfred Stenner in die Welt senden. Stenner ist Friedensaktivist der ersten Stunde und einer der Veranstalter der Demonstration. "Ich bleibe dabei", sagt er, "wir haben die Situation falsch eingeschätzt." Dass es zum Ende des Zugs zur Eskalation kam, hätte man sonst wohlmöglich verhindern können. Einmal aus dem Ruder, sei die Gruppe der Autonomen dann nicht mehr zu stoppen gewesen. "Das läuft bei denen dann nach dem Motto: Wenn einer von uns angegriffen wird, schlagen wir zurück", sagt Stenner.

Politiker aller Parteien verurteilten den Gewaltausbruch, allen voran Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU): "Die schockierenden Ausbrüche brutaler Gewalt sind entsetzlich", sagte der CDU-Politiker heute in Berlin. "Die Prognosen der Polizei zu möglichen Gewaltausschreitungen waren leider sehr zutreffend." Es gebe keinen Zweifel, dass der Schutz der friedlichen Versammlungen und des Gipfels der Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen und Russlands kommende Woche in Heiligendamm höchste Priorität haben müssten.

Auch in den nächsten Tagen wird sich die Polizei auf eine sehr angespannte Lage einstellen müssen: Tausende Globalisierungsgegner wollen das Treffen der G-8-Staaten mit Blockaden stören. Dass auch gewaltbereite Autonome an den Aktionen beteiligt sein werden, gilt als wahrscheinlich. Der Spruch, den G-8-Gegner im Convergence Center auf die Wand gesprüht haben, spricht wohl für sich: "Zwischen Helm und Nasenbein passt immer noch ein Pflasterstein."

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