Gewaltbereite Neonazis Wie sich die Rechtsextremen in Bayern festsetzen

Rechtsradikalismus gilt vor allem als Ost-Phänomen - doch das Mordattentat gegen Passaus Polizeichef zeigt, dass sich die Szene gerade auch in Bayern etabliert hat. Sie terrorisiert Gemeinden, die NPD hat hier die größte Basis, man fühlt sich sicher: Einige Aktivisten spotten jetzt schon über das Attentat.

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Der Name des Lokals klingt harmlos. Die Gäste sind es nicht.

In Traudl's Café-Stübchen im kleinen Fürstenzell geht die rechtsextreme Szene ein und aus. Man trifft sich zum nationalen Stammtisch, zur Reichsgründungsfeier oder zum Gesprächskreis mit dem Thema "Gedenken an die Opfer des alliierten Terrors und der Vertriebenen".

Ein geheimer Treffpunkt ist die Kneipe nicht, die Fürstenzeller wissen, wer sich hier trifft. Gegenüber haben sie ein Schild aufgestellt: "Kein Platz für Extremismus". Sie boykottieren das Lokal, öffentlich zugänglich ist es nicht mehr.

Auch am 26. Juli sollte Traudl's Café wieder mal Anlaufstelle für die braunen Truppen sein. Zum Trauerkaffee wollten sich NPD-Funktionäre und Gesinnungsgenossen versammeln, nachdem sie im nahe gelegenen Patriching bei Passau den deutschlandweit bekannten Altnazi Friedhelm Busse zu Grabe getragen hatte. Doch viele der Trauergäste zog es nach der Friedhofszeremonie nicht ins 20 Minuten entfernte Fürstenzell - sondern ins Zentrum der ostbayerischen Dreiflüssestadt.

Mehrere Dutzend Neonazis pöbelten Passanten an, beleidigten eine Passauerin rassistisch. Zuvor hatten Rechtsextreme schon einen Journalisten verprügelt. Auch Alois Mannichl war an jenem Samstag dort. Videoaufnahmen zeigen, wie sich der Polizeichef von Passau aggressiven Neonazis in den Weg stellt. Nicht zum ersten Mal: Mannichl gilt als entschlossener Kämpfer gegen gewaltbereite Rechtsextremisten.

Gut möglich, dass ihm dieser Einsatz nun beinahe das Leben gekostet hätte. Die Polizei hält es für nicht unwahrscheinlich, dass ein Neonazi Rache an dem Beamten nehmen wollte, als er am frühen Samstagabend an dessen Haustür in Fürstenzell klingelte und ihn niederstach - nur ein paar hundert Meter Luftlinie von Traudl's Café entfernt.

"Du trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden rum!", soll der Täter dem Polizisten ins Gesicht gerufen haben, und: "Viele Grüße vom nationalen Widerstand." Dann rammte der stämmige, kahlgeschorene Mann ihm das Messer in die Brust. Er verfehlte das Herz nur knapp.

Die Parolen des Attentäters lassen die Ermittler vermuten, dass es einen Zusammenhang mit Mannichls Einsatz bei Busses Beerdigung gibt. Damals hatte der führende NPD-Kader Thomas Wulff auch eine Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz auf den Sarg gelegt. Die Ermittlungsbehörden ließen das Grab deswegen später öffnen und die Fahne sicherstellen.

Der lokale NPD-Verband hatte Mannichl auch in diesem Zusammenhang in den vergangenen Monaten immer wieder harsch angegriffen. Die rechtsextremen Funktionäre warfen ihm Provokationen vor: Mannichl wünsche sich "Gewalt gegen Nationale".

Nun, da womöglich einer aus dem rechtsradikalen Lager den Polizeichef fast umgebracht hat, fällt die Distanzierung der Passauer NPD auffällig knapp aus. "Der Kreisverband verurteilt diese feige Tat aufs Schärfste und wird den Ermittlungsbehörden behilflich sein, den Täter ausfindig zu machen", heißt es im Internet.

Andere äußern sich üppiger und mit weniger Scheu. In einschlägigen Neonazi-Foren kommentieren Rechtsextremisten den Mordversuch mit Häme: "Wieder einer dieser Möchtegernwiesenthals ... schön das er die Früchte seiner Arbeit zu schmecken bekommt ... Ob nun Nazis oder nicht ... den Falschen wird es wohl kaum getroffen haben", zitiert der NPD-Blog einen Eintrag. In einem anderen heißt es: "Will der Sack jetzt noch Mitleid haben oder was? Es ist äußerst zu bezweifeln, dass es sich bei dem Täter um einen Nationalen handelt."

Das Rechtsextremisten-Portal Altermedia war seit dem Nachmittag nicht mehr erreichbar - kurz nachdem dort der Bericht über das Attentat erschienen war.

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