Gewaltexzess auf Stadtfest Erste Verfahren nach Hetzjagd - aber Mügeln mauert

Jetzt hat die Staatsanwaltschaft nach der Gewaltnacht von Mügeln die ersten Verfahren eingeleitet. Die Verdächtigen schalten auf stur. Zeugen haben Angst auszusagen, vermutet die Polizei. Im Ort wird eifrig an Legenden gestrickt.

Von


Hamburg - Was ist wirklich passiert in der Gewaltnacht von Mügeln? Auch fast vier Tage nach den Ausschreitungen auf dem Stadtfest der sächsischen 5000-Seelen-Gemeinde haben die Ermittler noch immer kein klares Bild von der blutigen Auseinandersetzung auf dem Marktplatz. Zwar hat die Staatsanwaltschaft Leipzig heute zwei Ermittlungsverfahren gegen einen 21- und einen 23-Jährigen eingeleitet. Die Männer sollen sich "aktiv an den Auseinandersetzungen und den Angriffen auf mehrere indische Staatsangehörige" beteiligt haben - Landfriedensbruch lautet der Vorwurf.

Straßenszene in Mügeln: Kaum einer geht zur Polizei
AP

Straßenszene in Mügeln: Kaum einer geht zur Polizei

Doch tatsächlich fehlen Polizei und Ermittlungsbehörden entscheidende Puzzlestücke, um bei der Aufklärung wirklich weiterzukommen. Die nun eingeleiteten Verfahren richten sich gegen jene beiden Männer, die schon unmittelbar nach der Hetzjagd am frühen Sonntagmorgen vorläufig festgenommen worden waren. Sie kamen wieder auf freien Fuß, blieben aber weiter unter Verdacht.

Einer der beiden bestreitet alle Vorwürfe, der andere verweigert bisher die Aussage. Dutzende Menschen mischten bei der Randale mit - dennoch, heißt es bei der Staatsanwaltschaft, gibt es noch "keine hinreichend konkreten Hinweise auf weitere Tatverdächtige". Dabei geht man inzwischen von 10 bis 15 Gewalttätern aus, die aus dem Mob von 40 bis 50 Personen heraus "aktiv" wurden.

Aber viele Mügelner mauern. Die Suche nach Zeugen geht nur langsam voran. 20 Augenzeugen wurden bislang verhört, verkündete der sächsische Polizeipräsident Bernd Merbitz heute. Eine Sprecherin der Polizeidirektion Westsachsen sprach jedoch von "mühevoller Arbeit". Möglicherweise hat der ein oder andere Angst, am Ende als Verräter dazustehen: Schließlich müsse derjenige, der sich bei der Polizei melde und Tatverdächtige nenne, anschließend mit den betreffenden Personen noch jahrelang in der Kleinstadt Mügeln zusammenleben, sagte die Polizeisprecherin.

Raserei von der Tanzfläche aus

Fest steht bisher, dass eine wütende Menge von Festbesuchern am frühen Sonntagmorgen acht Inder verprügelte und über den Marktplatz hetzte. Fest steht, dass diese sich in die nahe Pizzeria eines der indischen Staatsangehörigen retteten, dass sich vor dem Picobello der Mob sammelte und ausländerfeindliche Parolen grölte, dass eine Eingangstür, ein Hintereingang und das Auto des Restaurantbesitzers demoliert wurden. Und fest steht auch, dass erst ein Großaufgebot der Polizei die Menschen auseinandertrieb und dabei selbst mit Flaschen, Gläsern und sogar Bierbänken attackiert wurde.

Wie aber kam es zu dieser Gewaltorgie? Von der Tanzfläche des Festzelts muss die Raserei ihren Lauf genommen haben - doch wer hier wen provoziert, angerempelt, angegriffen hat, darüber kursieren in Mügeln verschiedene Versionen. Manche wollen alles mit eigenen Augen gesehen haben, manche wissen alles ganz genau und dann doch wieder nur vom Hörensagen.

Eine 36-jährige Mitarbeiterin der Pizzeria Picobello hatte SPIEGEL ONLINE erzählt, wie sie mit den Indern getanzt habe. Vielleicht habe es einigen nicht gepasst, dass eine Deutsche mit Ausländern tanzt, vermutete sie. Per E-Mail meldete sich bei SPIEGEL ONLINE eine weitere Frau, auch sie sein nach eigenen Worten eine Augenzeugin. Bei ihr klingt das Ganze so: Einer der Inder sei "einem jungen Mädchen gegenüber aufdringlich" geworden, berichtet sie, "und ihr Freund verteidigte ihre Ehre". Was das bedeutet, schreibt sie nicht, wohl aber: "Auch in Indien wird die Ehre ganz groß geschrieben."

Die folgende "Rangelei" habe ein anderer Besucher "schlichten" wollen, dann seien die Inder "wie geisteskrank auf die beiden Deutschen losgegangen" - mit abgeschlagenen Flaschenhälsen. Später hätten "alle Anwesenden" nach den Indern gesucht und: "Ja, die aufgewühlte Menge wollte zu dem Imbiss." Von den "Ausländer raus"-Rufen, die die Ermittler längst bestätigt haben, schreibt die Frau nichts.

"Die Inder haben angefangen", sagt der Vorsitzende des Mügelner Jugendclubs. Er spricht von "Hieb- und Stichwaffen", mit denen die Inder auf die Gäste los gegangen seien. Nein, dabei war er nicht, aber gehört hat er es. Er kam erst an den Ort des Geschehens, als der Mob schon vor der Pizzeria stand. Da habe sich die Gewalt plötzlich gegen die Polizei gerichtet - "und jeder war dabei".

Gerüchte und Legenden

Andere aus dem Jugendclub würden die Aussagen ihres Vorsitzenden nicht unterschreiben: Sie sagen, dass Neonazis die Hetzjagd initiiert haben. Aus dem Jugendverein war vor wenigen Wochen auch die Warnung gekommen, dass Rechtsradikale dem Stadtfest möglicherweise einen Besuch abstatten könnten - mit der festen Absicht, Ärger zu machen.

Während die einen nun von einzelnen versprengten Festbesuchern aus der rechtsextremen Szene sprechen, wollen andere eine geschlossene Gruppe von bis zu 30 Leuten gesehen haben. Zu hören ist zumindest, dass sich am besagten Abend tatsächlich Neonazis aus dem benachbarten Leisnig in Mügeln getummelt haben sollen.

Die Inder selbst verwahren sich gegen Vorwürfe, sie hätten als erste zugeschlagen. "Wir haben nichts gemacht, nur getanzt", erzählte Pizzeria-Betreiber Singh SPIEGEL ONLINE. Eng sei es im Zelt gewesen, vielleicht habe dabei einer von ihnen jemand anders angestoßen - versehentlich. Wenn man sich im Ort umhört, wird diese Aussage von vielen gestützt. "Wenn ihr in fünf Minuten nicht weg seid, gibt's Stunk", diese Warnung haben so einige gehört. Wieder ist dann von abgebrochenen Flaschenhälsen die Rede - diesmal in der Hand von Deutschen.

Die Polizeisprecherin kennt all diese Geschichten und Gerüchte, bestätigen kann sie bislang keine Version. Vom ersten Tag an wurden Legenden gestrickt, sogar von einem Toten wollte ein Journalist am Montag gehört haben.

Normalerweise müssten sich alle melden, die vor Ort waren, doch davon sei man weit entfernt, sagen die Ermittler. Und das, obwohl "praktisch jeder auf dem Fest war, der nicht im Urlaub war", wie es im Ort heißt. Neben den Ermittlungsverfahren gegen die beiden Mügelner haben die Strafverfolgungsbehörden noch eines wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs, der gefährlichen Körperverletzung, des schweren Hausfriedensbruchs und der Sachbeschädigung eingeleitet - gegen Unbekannt.

Die Polizei versucht einstweilen die Aufklärung mit personeller Verstärkung zu forcieren: Die Sonderkommission wurde noch einmal aufgestockt. 26 Beamte versuchen nun, Licht in die Gewaltnacht von Mügeln zu bringen.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.