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Gewaltstudie: Rechtsextremismus unter Schülern alarmiert Regierung

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Offene Ausländerfeindlichkeit, Judenhass, Sympathien für Kameradschaften - laut einer neuen Studie sind rechtsextreme Gesinnungen unter deutschen Jugendlichen weiter verbreitet als vielfach angenommen. Innenminister Schäuble nennt die Zahlen erschreckend hoch.

Berlin - Eine gute Viertelstunde lang hatte Christian Pfeiffer eher Erfreuliches zu verkünden. Viele Dinge seien gar nicht so schlimm, wie die Medien sie manchmal darstellten, betonte der Chef des Kriminologischen Instituts Niedersachsen (KFN), als er am Dienstagvormittag in der Berliner Bundespressekonferenz die Ergebnisse seiner jüngsten Studie zur Jugendgewalt in Deutschland vorstellte. Rückläufig oder stabil sei diese entgegen der öffentlichen Wahrnehmung in den meisten Gegenden, erklärte Pfeiffer. Sogleich lobt er die schwindende Gewaltakzeptanz in der Gesellschaft, die "Kultur des Hinschauens" an deutschen Schulen, die Präventionsarbeit der Polizei, die gestiegene Anzeigebereitschaft der Opfer.

Dann allerdings war Schluss mit dem erbaulichen Teil der Präsentation.

Rechtsextreme in Dresden: "Erschreckende Erkenntnisse"
DDP

Rechtsextreme in Dresden: "Erschreckende Erkenntnisse"

Plötzlich sprach Pfeiffer von "erschreckenden Erkenntnissen" und den "großen Sorgen", die diese ihm machten. "Das muss aufrütteln", mahnte der Kriminologe, "dass so viele Jugendliche in das Fahrwasser der Rechten geraten sind." Neben dem Forscher blickte Innenminister Wolfgang Schäuble, dessen Haus die Studie gemeinsam mit dem KFN durchgeführt hat, betroffen. "Dass die Zahlen hoch sind, war ja bekannt", sagte der CDU-Politiker, "aber dass sie so hoch sind, das hat mich erschrocken."

Jeder siebte Schüler "sehr ausländerfeindlich"

14,4 Prozent der Jugendlichen, also etwa jeder siebte, sind der Erhebung zufolge als "sehr ausländerfeindlich" einzustufen. Große Zustimmung fanden etwa Aussagen wie "Die meisten Ausländer sind kriminell" oder "Die in Deutschland lebenden Ausländer sind keine Bereicherung für die Kultur in Deutschland".

Bemerkenswert: Die Ausländerfeindlichkeit ist in jenen Regionen am höchsten, wo eher wenige Ausländer leben. "Wo die direkte Erfahrung mit dem Fremden fehlt, sind die Vorurteile am größten", erklärte Pfeiffer.

Als eindeutig rechtsextrem gelten laut Studie 5,2 Prozent der Teenager, Sympathien für entsprechende Einstellungen oder Verhaltensweisen hegen deutlich mehr. Bundesweit 4,9 Prozent der Jugendlichen sagen von sich selbst, dass sie einer rechtsextremen Gruppe oder Kameradschaft angehören. Der weitaus größte Teil von ihnen sind Jungen.

Damit seien diese Gruppierungen wesentlich erfolgreicher bei der Anwerbung von Jugendlichen als etwa alle demokratischen politischen Nachwuchsorganisationen zusammen, betonte Pfeiffer. "Es ist erschreckend, dass die Rechten beim Einsammeln der Jugendlichen mehr Erfolg haben als die etablierten Parteien."

Für den Teil des Forschungsprojekts, der die Verbreitung des Rechtsextremismus untersuchte, befragten die Wissenschaftler in den vergangenen zwei Jahren mehr als 20.000 Neuntklässler aller Schulformen. Sie waren im Schnitt 15 Jahre alt und lebten in bundesweit 61 repräsentativ ausgewählten Landkreisen.

Regional gibt es bei der Verbreitung des braunen Gedankengutes der Studie zufolge große Unterschiede. Im Westen liege der Anteil rechtsextremer Anschauungen bei den männlichen Jugendlichen in den untersuchten Landkreisen zwischen 2,3 und 15,2 Prozent, heißt es in dem Bericht. In Ostdeutschland bewegen sich diese Quoten zwischen 0 und 17,4 Prozent.

Möglicherweise, so Pfeiffer, seien diese Differenzen mit unterschiedlichen rechtsextremen Angeboten zu erklären - mit einschlägigen Konzerten auf der einen und dem Erfolg lokaler Präventionsmaßnahmen auf der anderen Seite. Die Wissenschaftler vom KFN wollen nun Regionen mit besonders verbreiteten rechtsextremen Einstellungen und solche untersuchen, in denen diese so gut wie gar nicht vorkommen.

Die Polizeigewerkschaft GdP beklagte am Dienstag bereits den "Rückzug von Staat und Gesellschaft aus einer aktiven Jugendarbeit". Dies sei besonders in ländlichen Regionen "ein gefundenes Fressen" für rechtsextreme Jugendorganisationen, die die hinterlassenen Lücken mit Freizeitangeboten füllten. Die Attraktivität der braunen Gruppen sei aber nicht allein mit Kampagnen, Broschüren und Plakaten zu bekämpfen, warnte GdP-Chef Konrad Freiberg.

"Es darf nicht bei Diskussionsrunden bleiben, es muss Hand angelegt und investiert werden in gesellschaftliche Infrastruktur", sagte Freiberg. "Wenn jeder, der sich im Kampf gegen Rechts engagiert, mal ein paar Jungens ins Auto packen und mit ihnen zu einem Fußballturnier oder zu einem Grillabend fahren würde, wäre viel erreicht."

Innenminister Schäuble würde diese Forderung wohl unterschreiben. Es sei Sache der freiheitlichen Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass in ein paar Jahren nirgendwo mehr behauptet werden könne, dass Rechtsextremisten die besten Freizeitangebote haben, sagte er am Dienstag. Bis dahin freilich bleibt viel zu tun.

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Jugendstudie: Weniger Gewalt, hohe Ausländerfeindlichkeit


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