Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bundeswehr: Rechnungshof wirft Wehrressort jahrelange Vertuschung bei G36-Gewehr vor

Von , und

Bundeswehrsoldat mit G36-Gewehr: Vorwürfe an Deutlichkeit kaum zu übertreffen Zur Großansicht
REUTERS

Bundeswehrsoldat mit G36-Gewehr: Vorwürfe an Deutlichkeit kaum zu übertreffen

Eine geheime Anklageschrift belastet das Verteidigungsministerium: Der Bundesrechnungshof prangert an, Probleme bei der Standardwaffe der Bundeswehr seien systematisch verschleiert worden. Ministerin von der Leyen beendete den Spuk erst kürzlich.

Berlin - Der Bundesrechnungshof erhebt schwere Vorwürfe gegen das Verteidigungsministerium. In einem streng vertraulichen Bericht ("Verschlusssache - amtlich geheim gehalten") werfen die Experten des Kontrollorgans der Bundeswehr nach Informationen von SPIEGEL ONLINE vor, gravierende Probleme bei der Standardwaffe der Bundeswehr nicht richtig zu untersuchen. Die Truppe würde nicht eindringlich genug vor Risiken gewarnt, alarmierende Untersuchungsergebnisse würden stets relativiert, statt Konsequenzen zu ziehen.

Die Vorwürfe der Prüfer sind an Schärfe kaum zu übertreffen. Trotz mehrerer Warnungen über die zunehmende Ungenauigkeit des G36-Gewehrs bei Dauerfeuer, so der Bericht vom 23. Juni, habe das Ministerium die Untersuchungen seit dem Jahr 2012 "nur zögerlich angenommen", gehe bis heute "auf die anhaltende Kritik nicht in dem gebotenen Maß ein" und habe "in jedem Fall zu spät reagiert". Im Kern trifft diese Kritik den früheren Verteidigungsminister Thomas de Maizière, heute Chef im Innenressort, der bis Ende 2013 oberster Befehlshaber der Truppe war.

Doch auch an der neuen Chefin im Bendler-Block üben die Prüfer Kritik. Zwar kündigte Ursula von der Leyen in der vergangenen Woche nach neuen Berichten über die Probleme völlig überraschend eine neue Untersuchung des G36 und eine enge Kooperation mit dem Rechnungshof an. Gleichwohl schreiben die Experten, die Tücken des G36 seien "bis heute weder folgerichtig aufgearbeitet noch zweifelsfrei aufgeklärt". Das Ministerium habe auch "keinen Untersuchungsauftrag erteilt, der geeignet ist, die zuvor bestehenden Zweifel an der Waffe auszuräumen".

Abweichungen von bis zu einem halben Meter

Hintergrund der Anklageschrift der Prüfer sind thermische Effekte am G36 bei Dauerfeuer, über die SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE mehrmals berichtet hatten. Bereits 2012 stellte sich heraus, dass sich der Lauf des Gewehrs bei langen Salven von mehr als hundert Schuss erhitzt und dabei an Stabilität verliert. Dadurch streut das Gewehr, bei Labortests wurden Abweichungen von bis zu einem halben Meter gemessen. Trotz der alarmierenden Ergebnisse leugnete das Ministerium aber bis zuletzt, dass die Waffe auch nur den geringsten Mangel aufweist.

Stattdessen fand man im Wehrressort von Anfang an immer neue Wege, um das Problem mit dem G36 zu verharmlosen. Laut dem Rechnungshof "relativierte" das Ministerium im Jahr 2012 die Ergebnisse der eigenen Experten von der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD) und "erklärte die uneingeschränkte Tauglichkeit, Zuverlässigkeit und Einsatzbewährung" des Gewehrs. Die WTD hatte damals eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt. Sie bestätigte die Probleme, sofort wurde das Papier damals als geheime Verschlusssache eingestuft.

Öffentlich und auch gegenüber den Fachpolitkern hingegen leugnete man alle Warnungen und zog sich formaljuristisch auf die Behauptung zurück, die Waffe erfülle die Lieferbedingungen. Diese Bedingungen stammen aus den Neunzigerjahren und sehen kein Dauerfeuer vor, Kriegseinsätze wie in Afghanistan sah man damals schlicht nicht voraus. Diese Aussagen nennt der Rechnungshof nun "irreführend" und erhebt damit den Vorwurf der Vertuschung. Auch dem Befund, eine fehlerhafte Munitionssorte sei schuld an der Schussungenauigkeit, glauben die Experten nicht.

Aktuelle Schussversuche mit alarmierenden Ergebnissen

Die letzten offiziellen Stellungnahmen des Wehrressorts könnten auch von der Leyen unter Druck setzen, auch wenn sie seit Ende 2013 im Amt ist und einen Großteil der Affäre nicht verantworten muss. Ihr Staatssekretär Markus Grübel allerdings berichtete am 24. Juni 2014 vertraulich an Fachpolitiker über den Stand beim G36 und kündigte weitere Prüfungen an dem Gewehr an. Er fügte hinzu, geplante Neueinkäufe von 6000 Nachrüstsätzen für das G36 beim Heer und weitere 2400 Exemplare für ein neues Infanterie-Projekt würden vorerst nicht durchgeführt.

Gleichwohl wiederholt das Papier unter Ministerin von der Leyen den Duktus der alten Verschleierungsversuche. Obwohl es aktuelle Schussversuche mit ebenfalls alarmierenden Ergebnissen aus dem Frühjahr 2014 gab, schreibt ihr Staatssekretär, dem Ministerium seien keine "belastbaren neuen Ergebnisse" bekannt, "die eine Abweichung von der bisherigen Bewertung" nötig mache. Diese Bewertung wiederholt das Papier wortgleich wie seit dem Beginn der Affäre: "Das G36 ist eine zuverlässige Waffe und hat sich in Einsatz und Ausbildung bewährt".

Aus der Opposition kommen bereits heftige Vorwürfe gegen die Ministerin. "Es müssen nicht nur die technischen Probleme mit dem G36 aufgeklärt werden, sondern auch die Frage, wie sich die Einschätzung des Ministeriums so eklatant von derjenigen der eigenen Fachleute unterscheiden kann", sagte der grüne Haushaltspolitiker Tobias Lindner SPIEGEL ONLINE. Die Probleme bei der Waffe seien "real und drängend". Von der Leyen müsse nun "zügig Ergebnisse liefern, um ihr Haus in den Griff zu bekommen ".

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 159 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kriegseinsätze......
dani216 27.06.2014
Zitat von sysopREUTERSEine geheime Anklageschrift belastet das Verteidigungsministerium: Der Bundesrechnungshof prangert an, Probleme bei der Standardwaffe der Bundeswehr seien systematisch verschleiert worden. Ministerin von der Leyen beendete den Spuk erst kürzlich. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gewehr-g36-rechnungshof-wirft-wehrressort-vertuschung-vor-a-977907.html
[....] konnte man damals nicht voraussehen. Wozu ist das Gewehr denn eigentlich da? Etwa für die Schießbude?
2. Über 100 Schuss?
hardrada 27.06.2014
Das G36 ist ein Sturmgewehr, kein Maschinengewehr. Wer damit im Dauerfeuer 100 Schuss abfeuert (bei 150 Schuss Munitionsvorrat am Mann) sollte sich bei seinem Ausbilder beschweren. Denn der hat ihm wohl etwas falsches beigebracht. Ein Sturmgewehr hat keine Kühlung und keinen Schnellwechsellauf. Das hat nur ein Maschinengewehr, welches für Dauerfeuer gedacht ist.
3. Es gibt sicherlich auch berechigte Kritik..
hikage 27.06.2014
..aber wo soll denn hier bitte der Mangel sein, wenn sich der Lauf bei SALVEN von über 100 Schuss überhitzt? Es handelt sich hier um ein Sturmgewehr und nicht um ein MG. Wenn das Problem bei 100 Schuss pro STUNDE auftritt, würde es vermutlich anfangen, relevant zu werden.
4. optional
skade 27.06.2014
am 17.2 schreibt der Spiegel noch das es an der Munition liegt und jetzt plötzlich ist das Gewehr wieder mangelhaft. Was jetzt?
5. Industrie
captainpetrov 27.06.2014
neue Anforderungen schreiben und an die Industrie vergeben. Und dann halt nur das beste nehmen. Was ist daran so schwer?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Das Sturmgewehr G36
Das G36 der deutschen Rüstungsschmiede Heckler und Koch ist seit vielen Jahren das Standard-Gewehr der Bundeswehr, mehr als 160.000 Soldaten in Deutschland aber auch bei Auslandsmission wie in Afghanistan, dem Kosovo und anderswo auf der Welt sind mit der mattschwarzen Schnellfeuerwaffe ausgestattet.
  • Begonnen hatte die Beschaffung der Bundeswehr Ende der 90er Jahre, damals suchte man das G36 wegen seiner Funktionalität aber auch wegen seines vergleichbar geringen Gewichts aus.
Bis heute hat die Bundeswehr mehr als 200 Millionen Euro für die Gewehre ausgegeben. Der Bundesrechnungshof kritisierte die Wahl der Waffe bereits im Jahr 2012, damals waren erste Berichte über das Streuen bei Dauerfeuer bekannt geworden. Trotzdem bestellte die Bundeswehr munter weiter: Für rund 18 Millionen Euro wurden noch 7700 neue Modelle bestellt.

Fotostrecke
Rüstungsprojekte: Pleiten, Pech und Panzer

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: