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Varoufakis' Berlin-Besuch: Zu Gast bei Freunden

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Varoufakis am Französischen Dom:  Sehr freundlicher Empfang  Zur Großansicht
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Varoufakis am Französischen Dom: Sehr freundlicher Empfang

Bei den Euro-Lenkern ist er unten durch. Jetzt stellte sich Gianis Varoufakis in Berlin dem deutschen Publikum. Das begegnete dem griechischen Finanzminister nahezu ehrfürchtig. Bis ein Mann von der CDU aufstand.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Angriff beginnt mit dem Satz "Schön, dass wir uns mal treffen." Gianis Varoufakis kennt den Mann, der das sagt, offensichtlich nicht. Seit zwei Stunden diskutiert Griechenlands Finanzminister am Berliner Gendarmenmarkt über Griechenland, Deutschland und natürlich den Euro. Dann steht Klaus-Peter Willsch auf, stemmt die Hand in die Hüfte und schaut Varoufakis in die Augen.

"Sie haben Wahlkampf gegen Merkel, gegen Schäuble, gegen Brüssel gemacht", sagt er. "Wie soll ich meinen Wählern erklären, dass sie Ihre Schulden übernehmen." Willsch ist ein Euro-Rebell in der Union, hat schon 2010 gegen das erste Rettungspaket gestimmt, was er jetzt auch Varoufakis unter die Nase reibt.

Willsch ist an diesem Abend im Französischen Dom der Einzige, der ausspricht, was wohl vielen Deutschen durch den Kopf gehen dürfte, wenn sie an Varoufakis denken. Doch am Ende wird Willsch ausgebuht, Varoufakis, der für den offenen Dialog dankt, dann beklatscht.

Gianis Varoufakis besucht zum zweiten Mal Berlin als Finanzminister. Im Februar, kurz nach seinem Amtsantritt, kam er als Rebell, den Europa neugierig bestaunte. Nun, vier Monate später, ist er unten durch bei den Lenkern der Euro-Gruppe und wurde von seinem Premier Alexis Tsipras an die Seitenlinie verbannt. Ihre Regierung irritiert in diesen Tagen auch einstige Freunde in Paris und Brüssel.

Merkel und die "Speech of Hope"

Doch an diesem Montag in Berlin kann man das fast vergessen. Zumindest auf der Diskussion der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ist das Publikum dem Griechen vollends ergeben. Als er mit dem Grexit droht und sagt, der würde als Versagen der gesamten politischen Klasse, von Athen bis zu Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble wahrgenommen, klatscht das Publikum laut.

Moderatorin Gesine Schwan (SPD) sagt, sie wisse auch keine Lösung für die Finanzkrise, aber man wolle vor allem faire Berichterstattung über Griechenland. Das würde schon helfen.

Varoufakis spricht eine gute Stunde auf Englisch, von dem, was er sagt, kennt man das meiste. Ein relativ neuer Teil ist die Forderung, Merkel solle in Griechenland eine "Speech of Hope", halten, eine Hoffnungsrede. So wie der US-Außenminister Byrnes im Jahre 1946 in Stuttgart, dessen Rede einen Kurswechsel in der amerikanischen Deutschland-Politik signalisiert und dem zerstörten Land auf die Beine geholfen habe. Dann folgten Aufbau, Aufstieg, Euro.

So soll es Merkel nun in Griechenland machen, sagt Varoufakis, "in Athen, in Saloniki oder in Patras". Wer die Rhetorik der Kanzlerin kennt, den könnte dieser Vorschlag amüsieren. Hier wird er trotzdem beklatscht.

Der Morgentermin bei Schäuble

Varoufakis doziert, erklärt noch mal Ursachen der Eurokrise, das Investitionsproblem in Griechenland. Worüber er wenig redet, sind konkrete Reformpläne, die die Troika verlangt, um Ende Juni die nächste Milliardentranche zu überweisen. Oder das Verhältnis zu Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, dem, obwohl bislang ein Griechenfreund, neulich der Kragen platzte angesichts dessen, was man in Brüssel als Verschleppungstaktik der Griechen wahrnimmt.

Doch niemand hier besteht auf Details. Selbst Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft - eingeladen, so Moderatorin Schwan, "damit wir mal ein bisschen was dagegen hören" - lobt Varoufakis' Analyse im Großen.

So harmonisch hat der Berlin-Tag zumindest nicht begonnen. Am Vormittag eine Visite beim Bundesfinanzminister, nach der Varoufakis sagt, es seien sehr konstruktive Gespräche gewesen. Man habe ein "gemeinsames Verständnis des Problems". Was wohl auch heißt, man hat noch kein gemeinsames Verständnis der Lösung.

Der Auftritt bei den Linken

Beim letzten Mal trat Schäuble noch gemeinsam mit Varoufakis vor die Presse und sagte den Satz: "We agree to disagree." Woraufhin Varoufakis entgegnete, man sei sich noch nicht einmal einig darüber, dass man uneins sei. An diesem Tag ist von Schäuble nichts zu hören. Was wohl auch ein Statement ist.

Dann trifft Varoufakis noch die freundlicher gesonnenen Spitzenpolitiker von Grünen und Linken. Mit jenen der Linkspartei gibt es einen kurzen Presseauftritt. Eine Frage erlaubt der Finanzminister: Was bedeutet es, dass selbst Juncker mittlerweile von der Athener Regierung genervt ist? Varoufakis sagt: "Wir dürfen jetzt nicht mit den Fingern aufeinander zeigen."

Dann tritt der scheidende Linken-Fraktionschef Gregor Gysi ans Mikrofon. Noch bevor er sein "Schönen guten Tag, meine Damen und Herren" zu Ende bringt, ist Varoufakis verschwunden. So viel zum gemeinsamen Auftritt.

Gysi schickt dann noch ganz freundlich hinterher: Die Regierung in Athen wisse schon, was sie zu tun habe.


Zusammenfassung: Griechenlands Finanzminister Gianis Varoufakis hat in Berlin um Unterstützung geworben. Reformvorschläge der Geldgeber wies er zurück. Bei einer Diskussion der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung forderte der Minister von Kanzlerin Angela Merkel eine Hoffnungsrede. Der Empfang für Varoufakis fiel sehr freundlich aus - nur der CDU-Politiker und Euro-Rebell Klaus-Peter Willsch stellte eine unbequeme Frage.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 172 Beiträge
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1. Überzeugungsarbeit
nemediah 09.06.2015
Wenn ich nur vor dem Publikum spreche, das mich ohnehin beklatscht, habe ich weder etwas aus meinen Fehlern gelernt noch die Leute überzeugt, die mich nicht beklatschen. Seinem Ego tut so ein Abend mit Sicherheit gut. Dem Volk, das er vertritt, bringt er wenig bis gar nichts.
2. Der Artikel
derdesillusionierte 09.06.2015
kritisiert Varoufakis rein formell und konzentriert sich auf politische Plänkeleien, der wichtigste Aspekt, die soziookönomischen Ursachen der Krise, die Varoufakis analysiert, werden unter "dozieren" abgehakt. Das Ganze impliziert, dass es keinen Zweifel mehr an der Richtigkeit der Varoufakis-Analyse zweifelt, doch da das subversive Potenzial nicht zu dulden ist, werden die Ideen unter einem Haufen formellen Drecks versteckt.
3. Varoufakis ist gegen alles, aber für weitere finanzielle Unterstützung Griechenlands ...
*Travelyunkie* 09.06.2015
Hallo Herr Varoufakis, warum werden reiche Griechen anscheinend nicht besteuert? Aus der Schweiz kamen Angebote die griechische Regierung beim einziehen der Steuern auf die in der Schweiz angelegten griechischen Vermögen zu unterstützen - jedoch wurde das Angebot anscheinend nicht angenommen. Anscheinend werden in Griechenland kaum Steuern gezahlt. Dann fehlt natürlich Geld für Ausgaben. Dieses fehlende Geld kann nicht auf Dauer von anderen Ländern gezahlt werden, auch (und gerade) wenn alle gemeinsam in der EU und dem Euro sind. Das ist nicht nur den Deutschen nicht zuzumuten. Nein, auch andere EU-Länder leiden unter hoher (Jugend-)Arbeitslosigkeit, einem schrumpfenden Bruttoinlandsprodukt, stagnierender Wirtschaft, bröckelnder Infrastruktur (auch und gerade in Deutschland), (in naher Zukunft) kollabierenden Sozialen Systemen, steigenden Gebühren, Lohn- und Rentenkürzungen sowie Steuererhöhungen, und unkontrollierter illegaler Armutsmigration. Es wird Zeit erwachsen zu werden und zu verstehen, dass man Geld erst verdienen muss bevor man es ausgeben kann. Und, dass man auch nur soviel ausgeben kann, wie man vorher verdient hat.
4. Ende der demokratischen Diktatur
gerasimos 09.06.2015
Vielleicht sollte Europa mal etwas genauer hinhören, was die neue Regierung in Griechenland zu Verkünden hat. Aus diesem innovatievem Land das die Ursprüngliche Demokratie hervorgebracht und gelebt hat, könnte eine neue Form des miteinander. Entstehen. Die heutige Demokratie ist mittlerweile ein auslaufmodell. Zu manipuliert und von einer Hand voll Leuten lenkbar.
5.
arrache-coeur 09.06.2015
"Als er mit dem Grexit droht und sagt, der würde als Versagen der gesamten politischen Klasse, von Athen bis zu Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble wahrgenommen, klatscht das Publikum laut." - Au weia. So weit ist es also schon. Richtig sollte der Satz heissen: "Der Grexit würde als Versagen der gesamten politischen Klasse von Athen wahrgenommen." Dann wird ein Schuh draus.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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