Gipfel-Nachwehen Deutsche Politiker empört über polnisches Merkel-Titelbild

Politiker von Union, SPD und FDP haben das Titelbild einer polnischen Wochenzeitung als geschmacklos kritisiert. "Wprost" hatte in einer Fotomontage Kanzlerin Angela Merkel und die Kaczynski-Brüder in peinlicher Pose gezeigt. Der "Wprost"-Chefredakteur verteidigt die Darstellung.


Berlin - "Die Polen sollten aufhören, sich mit Geschmacklosigkeiten zu überbieten", sagte CSU-Außenexperte Eduard Lintner der "Bild"-Zeitung. "Irgendwann schlägt das auf die Stimmung in Deutschland durch, die momentan noch sehr hilfsbereit ist. Satire findet ihre Grenze dort, wo sie die Würde anderer beschädigt!"

"Wrpost"-Montage: Deutsche Politiker entsetzt
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"Wrpost"-Montage: Deutsche Politiker entsetzt

"Fassungslos" äußerte sich auch der Vorsitzende der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe, Markus Meckel (SPD): "Polen hat in den letzten Wochen und Monaten viele Freunde verloren. Das Land sollte sich in Zukunft verstärkt Gedanken machen, wie es wieder Verbündete und Freunde gewinnt."

Die Foto-Montage des Magazins "Wprost" zeigt Merkel mit den Zwillingen Lech und Jaroslaw Kaczynski - dem Präsidenten und dem Regierungschef Polens - an der nackten Brust.

"Wprost"-Chefredakteur Stanislaw Janecki verteidigte gegenüber SPIEGEL ONLINE die Darstellung: "Wir dachten, das ist ein kleiner Spaß. Die Stiefmutter ist häufig attraktiver und freundlicher als die richtige Mutter." Der Körper der Fotomontage stamme von einem 21-jährigen Model, so Janecki. "Wir suchten jemanden, der nicht so dünn ist aber einen schönen Körper hat."

Man bewundere die Kanzlerin geradezu für ihre politischen Fähigkeiten, sagt Journalist Janecki - "und was sie für Deutschland tut, und auch für Polen, insbesondere in den Beziehungen zu Russland". Jedenfalls im Vergleich zu ihrem Vorgänger. "Sie stellt sich selbst nicht immer in den Vordergrund wie Schröder", lobt er Merkel. Jedenfalls, so Janecki, habe man "damit nichts Schlimmes über Frau Merkel sagen" wollen. Und dann weist er noch darauf hin, dass eigentlich alles prima sei zwischen Polen und Deutschland: "Es sind sehr freundliche und normale Verhältnisse zwischen den beiden Ländern."

Merkel als "Stiefmutter Europas"

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass das rechts-konservative Wochenblatt "Wprost" mit einem Titelbild provoziert: Erika Steinbach, Chefin des Bundes der Vertriebenen, wurde einst in Nazi-Uniform als Domina abgebildet, auf dem Rücken von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Auf dem Titelbild zum Pipeline-Deal von Schröder und Präsident Wladimir Putin wurden die beiden Politiker mit Gasleitungen dargestellt - statt Händen. Jetzt erwischte es Merkel: "Stiefmutter Europas" steht über der Fotomontage. Der Untertitel: Deutschland war Anwalt Polens, jetzt ist es unser Staatsanwalt geworden. Doch Chefredakteur Janecki weist jeglichen Populismus-Verdacht von sich: "Solche Titelcover haben uns in der Vergangenheit nicht wirklich dabei geholfen, mehr Hefte zu verkaufen." Vielmehr gehe es darum, einen besonderen Standpunkt zu demonstrieren. "Gerade aus", nennt ihn Janecki.

Ein Autor des Artikels zum Titelbild ist Mariusz Muszynski, der Beauftragte des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Die Vorbereitungen zum Brüsseler Gipfel und der Gipfel selbst hätten gezeigt: Die Krise in den polnisch-deutschen Beziehungen sei nicht erst das Ergebnis des Machtwechsels in Warschau vor zwei Jahren. Unmittelbar vor dem Treffen in Brüssel hätten deutsche Medien und Politiker einen Frontalangriff auf Polen begonnen. Ziel sei es gewesen, die Polen zu kompromittieren und das Abstimmungssystem gar nicht erst auf die Agenda zu setzen.

Merkel habe man auf dem Gipfel die Rolle der guten Polizistin zugedacht, während andere Politiker in der Diskussion über die deutsch-polnischen Beziehungen die bösen Polizisten gespielt hätten. Namentlich genannt werden in dem Artikel der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering (CDU), und die beiden Europaabgeordneten Martin Schulz (SPD) und Silvana Koch-Mehrin (FDP).

Jaroslaw Kaczynski kritisiert die Deutschen

Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski kritisierte die Deutschen derweil in einem polnischen Rundfunk-Interview. Im Nachbarland geschehe "etwas sehr Ungutes". Doch ähnlich wie in früheren Zeiten habe die Mehrheit der Europäer "nicht den Mut, darüber zu sprechen".

In den vergangenen 40 Jahren hätten sich die deutsch-polnischen Beziehungen positiv entwickelt, betonte Kaczynski. "Ich möchte das erhalten, aber dies braucht den Willen beider Seiten, und ich habe manchmal den Eindruck, dass der Wille bei manchen nicht vorhanden ist" sagte Kaczynski und betonte, er rede hierbei nicht von Merkel.

Polen sehe er nach dem Brüsseler EU-Gipfeltreffen in der vergangenen Woche in einer wesentlich gestärkten Position in Europa, sagte Kaczynski. Dank des Gipfelverlaufs gehöre Polen in Europa nun zu den Staaten, die nicht außer acht gelassen werden dürften, wenn es um grundlegende Entscheidungen gehe.

als/flo/AP



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