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Gipfel-Rituale: Ohne Augenringe geht's nicht

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Blicken Sie noch durch in Sachen Euro-Rettung? Wissen Sie, was auf dem EU-Gipfel beschlossen werden soll? Nein? Keine Sorge. Es gibt etwas, das ein bisschen Halt gibt: die Gipfel-Rituale. Ein kleiner Überblick über Küsschen, Taktik - und lange Nachtsitzungen.

Wichtige Gipfeltreffen: Küsschen, Lacher, Geschenke Fotos
AFP

Berlin - Da sind sie wieder: In Brüssel werden die Chefs der 27 EU-Staaten bis Freitag den x-ten Versuch starten, die gemeinsame Währung, den Kontinent zu retten und man darf annehmen, dass es auch diesmal sehr technisch zugehen wird. Der Hebel wird wieder eine Rolle spielen, der EFSF natürlich auch, und dann sind da noch die Durchgriffsrechte und Sanktionsmechanismen, die einen neuen Stabilitätspakt begründen sollen und eine Fiskalunion sowieso. Kapiert?

Die sperrigen Begriffe, die die Euro-Krise hervorgebracht hat, machen es nicht leicht, den Mächtigen zu folgen. Da ist es gut, dass die vielen Gipfeltreffen wenigstens einem Drehbuch folgen. Die Limousinen rollen, die Regierungschefs speisen gemeinsam, es wird geküsst und umarmt und am Ende - spät, sehr spät - steht irgendein ein Ergebnis. Meist sieht sich die Kanzlerin als Siegerin.

Muster in unübersichtlichen Zeiten

Man mag davon politisch halten, was man will. Aber einen Vorteil haben die Rituale schon: Sie sind ein festes Muster in unübersichtlichen Zeiten, sie geben Halt und Orientierung. Wird schon irgendwie mit der Euro-Rettung. Oder dem Fortbestand der schwarz-gelben Bundesregierung.

Die Rituale sind schließlich fast immer anzutreffen, wenn gegipfelt wird - ganz gleich ob auf EU- oder Koalitionsebene, bei G20- oder Nato-Treffen. Da wäre zum Beispiel die Nachtsitzung. Sie ist vielleicht das wichtigste Ritual, auch wenn sie nicht allen Teilnehmern gleich gut bekommt. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat nach solchen Runden schon mal Balanceprobleme. Merkel hingegen nimmt auch um fünf Uhr in der Früh munter Journalistenfragen entgegen.

Ohne Nachtsitzung geht kaum ein Gipfel zu Ende. Das liegt in der Natur der Sache. Denn wenn man den Banken einen Schuldenschnitt abverhandeln, gemeinsam den Finanzmarkt zähmen oder das Betreuungsgeld mit Logik füllen will, gelingt das nicht zwischen Tür und Angel. Man braucht Zeit - wo soll die herkommen, wenn nicht aus jenen Stunden, die die Mächtigen sonst im Schlaf verbringen.

Wenn die Premiers und Präsidenten nach stundenlangem Ringen in Richtung Pressekonferenz wanken, macht das Eindruck. Nachtsitzungen sind das Zeichen ans Volk: Hier wurde schwer geschuftet. Die politischen Führer haben alles gegeben, verhandelt, gefeilscht. Augenringe zeichnen arbeitsame Regierungschefs aus.

Soll bloß niemand denken, es könnte was klappen

Beliebtes Ritual vor Gipfeln ist das Erwartungsmanagement. Angela Merkel ist eine Meisterin dieser Disziplin. Vor wichtigen Treffen schraubt sie die Erwartungen so weit runter, dass man sich fragt, wo der Sinn des Treffens liegt. Nie ist bei ihr auf einen Durchbruch zu hoffen, einen Paukenschlag oder einen Coup. So lässt sich später jedes noch so kleine Ergebnis als Erfolg darstellen. Da hat Merkel von Gerhard Schröder gelernt. Bei dem war es häufiger mal umgekehrt.

Das Kleinrede-Muster ist jetzt wieder zu besichtigen. "Pessimistisch" gehe die Bundesregierung in den Gipfel in Brüssel, haben Merkels Beamte wissen lassen. Soll bloß niemand denken, es könnte was klappen. Und wenn doch? Umso schöner.

Kuscheln und Schäkern ist ebenfalls Bestandteil vieler Treffen. Auch hier ist Angela Merkel eine Expertin, gemeinsam mit dem französischen Präsidenten. Küsschen links, Küsschen rechts - so sieht man das Duo zum Auftakt wichtiger Begegnungen. Auch US-Präsidenten machen gern Gebrauch von menschelnder Symbolik. Unvergessen ist, wie George W. Bush der Kanzlerin die Schulter knautschte und sich darüber amüsierte, dass diese das nicht so lustig fand.

Schwere Karossen, startbereite Flieger

Beim Kuschel-Ritual gilt die Regel: Wird die Vertrautheit besonders offensiv zur Schau gestellt, ist das meist ein sicheres Indiz dafür, dass es in den Vorbereitungen ordentlich gekracht hat. Auch dieser Brauch ist eine Botschaft nach außen: Seht her, wie prima wir uns verstehen, wie gut wir miteinander auskommen. Das unter Beweis zu stellen, ist gerade dann nötig, wenn vorher das Gegenteil geschrieben wurde. Insofern ist damit zu rechnen, dass es auf dem EU-Gipfel viele Bilder mit lächelnden Gesichtern geben wird. Denn so gereizt wie derzeit war die Stimmung zwischen den Regierungschefs lange nicht.

Auch die Machtsymbole ähneln sich oft. Zu ihnen zählen die schweren Karossen, mit denen die Gipfelteilnehmer vorgefahren werden. Die langen Tafeln, an denen gespeist wird. Das feine Silberbesteck. Und die Flieger, die startbereit am Terminal stehen.

Und dann gibt es ja noch das Gruppenbild aller Teilnehmer, auch Familienfoto genannt. Spätestens beim Foto-Shooting sind alle gut drauf.

So wird es - trotz aller Konflikte - wohl auch jetzt wieder sein.

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1.
varda1@gmx.de 08.12.2011
Hallo Veit, was ist der Sinn dieses Artikels?
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