Gleichberechtigung Die Herrschaft der Alphatiere ist nicht vorbei

Seit zwanzig Jahren gibt es ein Bundesministerium für Frauen. Deutschlands Spitzen-Politikerinnen debattieren über Gleichberechtigung - und sind sich einig: Die Zeit ist reif für neue Männer.

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Berlin – Es ist ein guter Tag, um über Emanzipation zu reden: Im Kanzleramt sitzt eine Frau, das Bundeskabinett ist so weiblich bestückt wie nie zuvor, mit der Krippen-Debatte werden die Wünsche berufstätiger Mütter hartnäckig durch die Republik gespült. Mehr als Grund genug für Deutschlands politische Spitzenfrauen, den zwanzigsten Jahrestag des Frauenministeriums zu feiern.

Deutschlands Power-Politikerinnen vor der Debatte: Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD, Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die ehemalige Bundesfrauenministerin Rita Süssmuth (CDU, verdeckt), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU): Zeit für neue Männer
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Deutschlands Power-Politikerinnen vor der Debatte: Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD, Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die ehemalige Bundesfrauenministerin Rita Süssmuth (CDU, verdeckt), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU): Zeit für neue Männer

Natürlich ist die Kanzlerin gekommen, im Schlepptau hat sie die aktuelle Ministerinnen-Riege: Annette Schavan, Ulla Schmidt, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Brigitte Zypries und Ursula von der Leyen - es steht drei zu drei bei schwarz-rot, die unterschiedlichen Parteibücher werden heute ausgeblendet.

Angela Merkel war selbst vor dreizehn Jahren Frauenministerin. Im Podiumsgespräch sagt sie, sie sei dankbar, dass man heute nicht mehr über das "ob", sondern über das "wie" von Gleichberechtigung diskutiere - in Anspielung auf die Kita-Debatte. Mehrfach hat sie in den vergangenen Wochen dafür plädiert, dass Eltern in der Frage der Betreuung das Recht auf "Wahlfreiheit" haben.

"Doch Gleichberechtigung", sagt die Kanzlerin, "wird es ohne ein verändertes Rollenverhalten der Männer nicht geben". Es müsse Schluss sein mit der Einstellung, dass ein Vollzeitberuf "der persönliche Luxus" einer Frau sei, damit, dass die Eltern-Auszeit eines Vaters einer "Mutprobe" gleichkomme, und damit, dass in Firmen eine Familiengründung als "Störfaktor" angesehen wird.

Plädoyer für den "aktiven Vater"

Der heimliche Stargast aber ist nicht die Kanzlerin, sondern die Frau, die zwei Sessel weiter sitzt. Ursula von der Leyen, derzeitige Familienministerin und Mutter von sieben Kindern, die den Sozialdemokraten die Familienkompetenz wegschnappte und damit einen Graben in ihre eigene Partei riss. Sie hat genug gesagt zu Krippenplätzen und Kinderbetreuung, über Entlastungen für Mütter im Beruf, über die Vereinbarkeit von Familie und Job.

Auch sie spricht heute lieber über Männer und bricht eine Lanze für den "aktiven Vater", der nicht belächelt, sondern "endlich akzeptiert" werden muss. Ursula von der Leyen will der Männerwelt sagen, wo es lang geht, nämlich in eine "globalisierte Welt, in der die Last auf allen Schultern verteilt werden muss". Alte Rollenklischees seien passé, sagt die Politikerin, die sich selbst auf dem Podium "Gleichstellungsministerin" nennt.

Dann spricht die Frau, mit der alles anfing: Rita Süssmuth war als erste auf dem Posten einer Frauenministerin, damals noch in Bonn. Sie erinnert sich an 1986, als das "Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit" um das Frauenressort erweitert wurde – allerdings nicht auf Grund eines tiefen gesellschaftlichen Bedürfnisses: "Das war ganz klar ein Deal", sagt Rita Süssmuth, "und das Produkt eines großen Unglücksfalls". Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sollte das damalige Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit letztere Kompetenz abgeben und erhielt im Gegenzug eine eigene "Abteilung für Frauenfragen". In den Jahrzehnten zuvor war Frauenpolitik wie selbstverständlich ein Teil der Familienpolitik.

Gesellschaften würden eben "leidenschaftlich" dazu neigen, dass alles beim Alten bleibt, sagt die Ex-Ministerin und seufzt. Sie hätte "im Traum nicht daran gedacht", dass die "uralte" Diskussion über schädliche Fremdbetreuung von Kleinstkindern noch einmal wiederkehrt, mosert sie charmant und wagt noch einen kleinen Seitenhieb auf die prinzipientreue Eva Herman: "Ihre Ansichten zeigen, dass noch nichts ausgestanden ist".

Es gibt sie wirklich, die neue Männergeneration

Dennoch haben die zwanzig Jahre viel bewirkt, ist sich die ehemalige Bundestagspräsidentin sicher: Die Fragen der Frauenpolitik würden heute nicht mehr am Rande behandelt, sondern seien "in die Mitte der Gesellschaft gerückt". Dass an der Spitze Deutschlands eine Frau stehe, hätte der Gleichberechtigung "einen Schub gegeben" – nun müssten nur noch ein paar Ministerpräsidentinnen folgen.

Auf das Podium dürfen aber nicht nur erfolgreiche Politikerinnen, sondern auch drei junge Männer. Es gibt sie also, die neue Männergeneration, die Musterknaben der Nation. Clemens Lamm vom Technischen Hilfswerk in Potsdam sitzt direkt neben der Kanzlerin und ist sichtlich nervös. Fast entschuldigend berichtet er, dass bei ihm im Betrieb zwar nur 14 von 108 Helfern weiblich seien, "aber keine davon sitzt am Schreibtisch oder in der Küche!", beteuert er.

Als die Moderatorin fragt, wie es denn mit der allgemeinen Bereitschaft zum Vaterschaftsurlaub aussehe, nicken alle drei Männer eifrig. Damian Sternberg, Jurastudent, arbeitet ehrenamtlich für einen Frauenförderungsverein. Er gibt der Kanzlerin und den Ministerinnen in allen Punkten Recht, wagt aber die Frage, warum denn keine Minister eingeladen worden seien? Schließlich würden diese auch Entscheidungen zur Frauenpolitik treffen. Doch seine Frage verhallt im Raum.

Ungewollt gibt ein paar Minuten später Podiumsgast Ulla Schmidt die Antwort: Damit die Polit-Damen mal ungestört sein können. Denn die Herrschaft der "Alphatiere" sei längst nicht vorbei, spöttelt die durch zähe Reformkämpfe abgehärtete Gesundheitsministerin, "da muss man sich nur mal unsere männliche Ministerriege anschauen". Ohne Frauenquote, betont Ulla Schmidt, "wäre ich gar nicht in der Politik", und bekommt Rückendeckung von Bildungsministerin Annette Schavan, die zu mehr Karrierefreundlichkeit aufruft: "Wir müssen herausfinden: Auf welchem Teil des Weges zur Spitze gehen Frauen verloren?", fragt die Bildungsministerin.

Angela Merkels Geheimrezept

Gegen Ende ergreift die Kanzlerin noch einmal das Wort: Sicherlich sei die Gleichberechtigung noch nicht am Ziel, sagt sie. Es sei ein "Skandal", dass die Vorstände der 30 deutschen DAX-Unternehmen nahezu ohne Frauen auskämen, nur die wenigsten Hochschul-Professuren weiblich besetzt seien, dass Frauen in Deutschland auf einer Vollzeitstelle nur 78 Prozent dessen verdienen, was ein Mann in gleicher Position verdient. All das sei "Ausdruck des harten Kampfes zwischen Karriere oder Familie".

Doch bei allem Fordern nach Gleichstellung und einer neuen Männerrolle sei doch eines nicht zu unterschätzen – der weibliche Zusammenhalt. "Es ist ja nicht so, dass sich Frauen besonders häufig gegenseitig unterstützen", sagt sie bedächtig und verrät ihr persönliches Geheimrezept: "Man muss sich Verbündete suchen!"

Genau wie damals bei der ersten Klausurtagung der frisch gewählten Großen Koalition in Genshagen, erinnert sich die Kanzlerin: Denn eigentlich sei das Elterngeld einem Bund von Politikerinnen zu verdanken. "Wir Frauen hatten uns zusammen gesetzt, und die Männer kamen dazu", erzählt Angela Merkel. Erst der Schulterschluss der Parteidamen, so die Kanzlerin, hätte dem Elterngeld schließlich zum Durchbruch verholfen.



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