Gleichberechtigung Neue Regierung will Männer emanzipieren

Frauenförderung ist längst etabliert, doch Studien zeigen: Schon in der Schule sind Jungen benachteiligt, viele junge Männer könnten zu Verlierern im Karriererennen werden. FDP und Union drängen jetzt auf eine "eigenständige Jungen- und Männerpolitik" - und wagen damit einen Richtungswechsel.

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Studenten in Dresden: "Männer- und Jungenförderung praktisch nicht existent"
dapd

Studenten in Dresden: "Männer- und Jungenförderung praktisch nicht existent"


Hamburg/Berlin - Männer sind Sieger. Sie verhandeln härter, steigen schneller auf und verdienen mehr. So widmet sich die Bundespolitik auch fast ausschließlich den Frauen: Frauen im Aufsichtsrat, Abschaffung des Ehegattensplittings, Elterngeld, Kitaplätze - all das soll die Arbeits- und Familienwelt fairer machen.

Die Benachteiligung von Männern spielte bislang dagegen kaum eine Rolle. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) ließ 2008 erklären, die Schwierigkeiten für heranwachsende Jungen in der Schule fielen "nicht in ihre Ressortkompetenz".

Das soll sich nun ändern. Künftig will das Bundesfamilienministerium gezielt Jungen und Männer unterstützen. Darauf haben sich die Familienpolitiker von Union und FDP in ihrer Koalitionsarbeitsgruppe geeinigt. Im Entwurf der AG heißt es:

"Wir wollen eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik entwickeln und dabei insbesondere die Bildungs- und Entwicklungschancen von Jungen und Männern verbessern, ihre Lebensentwürfe erweitern und neue Perspektiven eröffnen."

Eine "eigenständige Jungen- und Männerpolitik" - in dieser Deutlichkeit wurde das noch in keinem Koalitionsvertrag formuliert. "Männer- und Jungenförderung war in den vergangenen Jahren praktisch nicht existent", sagt Miriam Gruß, jugendpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion und bayerische FDP-Generalsekretärin, SPIEGEL ONLINE. Sie selbst habe in der Arbeitsgruppe die Aufnahme des Unterkapitels vorgeschlagen. "Das war längst überfällig", so Gruß.

Keine männliche Bezugsperson

In der Tat schlagen Kinder- und Bildungsforscher seit Jahren Alarm, warnen vor einer "Feminisierung der Schullandschaft". Jugendstudien küren Mädchen zur "neuen Elite", Frauenzeitschriften und Feuilleton überbieten sich mit Essays über die "Krise des Mannes". Der Deutsche Philologenverband fordert eine Leseoffensive für Jungen an Schulen, der Jugendforscher Klaus Hurrelmann eine Männerquote für Lehrer und Erzieher. Dass Handlungsbedarf besteht, bestätigen zahlreiche Studien:

  • 47 Prozent der Mädchen gehen auf ein Gymnasium, bei den Jungen sind es nur 41 Prozent. Abiturnoten von Jungen sind im Schnitt eine Note schlechter als die der Mitschülerinnen. Zwei Drittel aller Hauptschüler ohne Abschluss sind Jungen. Ein paar Jahre später stellen junge Frauen die Mehrheit der Hochschulabsolventen und brechen ihr Studium seltener ab. (Quelle: Bundesbildungsministerium)
  • Die Benachteiligung zieht sich bis ins Arbeitsleben: 55 Prozent der deutschen Arbeitslosen sind männlich. Die Wirtschaftskrise vertieft die Kluft, trifft Männer härter als Frauen - Tendenz steigend, weil Frauen etwa vom Ausbau der Dienstleistungsbranche profitieren. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit)
  • Die Zahl der Lehrerinnen wächst, an vielen Grundschulen oder Kindertagesstätten sind männliche Lehrkräfte die große Ausnahme. Damit fehlt Jungs im Grundschulalter oft die männliche Bezugsperson. (Quelle: Aktionsrat Bildung)

"Die Lebensentwürfe für Jungen und Männer erweitern", wie es im Entwurf des Koalitionsvertrags steht, kann eine Menge bedeuten. Kommt jetzt ein großangelegtes Förderprogramm für Jungs? Eine Männerabteilung in der Regierung, ein bundeseigener Männerbeauftragter?

Keinesfalls, sagt Bayerns Familienministerin Christine Haderthauer (CSU) SPIEGEL ONLINE: "Die Jungen- und Männerpolitik ist keine neue Aufgabe, sondern beschreibt den selbstverständlichen Inhalt einer geschlechtergerechten Politik, wie sie natürlich schon immer im Bundesfamilienministerium gemacht wurde." Von einem "Männer"-Zusatz im Ministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend könne keine Rede sein.

"Hier muss niemand Angst haben"

Sibylle Laurischk, Sprechern der FDP-Fraktion für Integration und Migration, spricht von einer "erweiterten Bandbreite der Gleichstellungspolitik". Jungen- und Männerförderung, insbesondere im Bildungsbereich, würde künftig mehr berücksichtigt. "Das heißt nicht, dass wir mit der Frauenpolitik aufhören."

Anderswo sorgte die Institutionalisierung von Männerrechten bereits für Aufruhr. 2001 richtete das Wiener Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz eine "Männerpolitische Grundsatzabteilung" ein. Von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der rechtspopulistischen FPÖ des verstorbenen Jörg Haider durchgesetzt, stand das Vorhaben von Anfang an in der Kritik. Die oppositionelle SPÖ lief Sturm, Frauenverbände fürchteten die Umschichtung von Fördergeldern.

"Hier muss niemand Angst haben, die Frauenpolitik gerate in den Hintergrund", sagt FDP-Politikerin Gruß. "Wir öffnen unseren Blickwinkel lediglich für etwas, das lange vernachlässigt wurde." Konkrete Maßnahmen für die kommende Legislaturperiode seien noch nicht diskutiert worden. Ihrer Meinung nach ist es Aufgabe der Politik, "junge Männer verstärkt für soziale Berufe zu begeistern". Eines sei aber klar: "Ein Boys Day allein genügt nicht - aber eine Quote für Kindergärtner wird es sicher auch nicht geben."

Mitarbeit: Sebastian Fischer

Forum - Maskuline Emanzipation - überfälliger Richtungswechsel?
insgesamt 1462 Beiträge
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Seite 1
SaT 15.10.2009
1.
Waere es nicht sinnvoller die Frauenfoerderung einfach abzuschaffen statt daneben noch eine Maennerfoerderung zu etablieren? Aber wahrscheinlich brauch man einfach nur mehr Ministerien.
Karl IV 15.10.2009
2. Gegen die Wand
Das ist doch derselbe Fehler in die andere Richtung. Nur weil man merkt, dass man erfolglos mit dem Kopf gegen die Wand rennt, wird es doch nicht besser, indem man sich entscheidet nunmehr gegen die gegenüberliegende zu laufen. Alle diese Ansätze von "positive discrimination" sind zum Scheitern verurteilt. Es läuft immer wieder auf dasselbe raus: Nicht durch Quoten auf Teufel komm raus gleichmachen hilft, es müssen die gleichen Ausgangsvoraussetzungen geschaffen werden. Und es muss endlich wieder akzeptiert werden, dass es tatsächlich Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, ohne dass dies immer gleich zu einer Wertung in "gute" und "schlechte" führt. Insoweit ist zumindest das Umdenken vielleicht eine zu begrüßende Entwicklung.
Karl IV 15.10.2009
3.
Zitat von SaTWaere es nicht sinnvoller die Frauenfoerderung einfach abzuschaffen statt daneben noch eine Maennerfoerderung zu etablieren? Aber wahrscheinlich brauch man einfach nur mehr Ministerien.
Wo kann ich unterschreiben?
Petra Raab 15.10.2009
4.
Zitat von sysopFrauenförderung ist längst etabliert, doch Studien zeigen: Schon in der Schule sind Jungen benachteiligt, Männer drohen die Verlierer der Gesellschaft zu werden. FDP und Union drängen jetzt auf eine "eigenständige Jungen- und Männerpolitik" - ein überfälliger Richtungswechsel?
Wo denn? Bis jetzt, wird die Hauptarbeit einer Frau - Mutter - immer noch nicht als Arbeit von der Gesellschaft anerkannt und auch nicht dementsprechend vergütet, wie es es für jede andere Arbeit der Fall ist.
neonknight_ger 15.10.2009
5.
Zitat von SaTWaere es nicht sinnvoller die Frauenfoerderung einfach abzuschaffen statt daneben noch eine Maennerfoerderung zu etablieren? Aber wahrscheinlich brauch man einfach nur mehr Ministerien.
Das wäre der erste Schritt, aber so einfach ist es nicht, fürchte ich. Viele Jungen wachsen bei alleinerziehenden Müttern auf, im Kindergarten sind die Erzieherinnen fast ausschließlich Frauen, genauso wie in der Grundschule die Lehrerinnen. Das heisst, frühestens in seinem 11. Lebensjahr wird er in Form eines Lehrer zum ersten Mal mit einer männlichen Bezugsperson konfrontiert. Dazu kommt, dass Jungen vom Rollenbild her eher zu "Rebellion" neigen und daher verstärkter in Gefahr laufen, schlechte Noten zu bekommen. Wenn man sich an den Schulen so umschaut, in fast allen Bereichen haben Mädchen weit bessere Durchschnittsnoten als Jungen; da ich bezweifle, dass dies mit überlegener weiblichen Intelligenz zu tun hat, muss es Ursachen im sozialen/ schulischen Bereich haben.
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