Paradoxien der Geschlechterdebatte Die Frage des Unterschieds

Eine Umfrage legt nahe: Es gibt beim Wissen über politische Themen einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Was sagt uns das?

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Eine Kolumne von


Eine Kollegin hat mir die Ergebnisse einer Umfrage zum politischen Wissen der Deutschen geschickt. Das Forschungsinstitut Kantar Public hat im Juli 1052 repräsentativ ausgewählte Menschen befragt, wie stark sie sich für Politik interessieren und dabei auch eine Art Quiz veranstaltet, um ihr Wissen zu testen.

Die Angesprochenen sollten zum Beispiel die Frage beantworten, wie hoch die Arbeitslosenquote ist oder welche Aufgabe der Bundesrat hat. Ich weiß nicht, wie ich es am diplomatischsten ausdrücken soll. Es gibt bei diesen Antworten ein auffälliges Gefälle zwischen zwei Gruppen von Befragten. Nennen wir es neutral ein Gendergap.

63 Prozent der Männer wussten, dass die Arbeitslosenquote bei sechs Prozent liegt, aber nur 39 Prozent der Frauen. 67 Prozent der Männer wählten unter drei vorgegebenen Ländern Russland als das Land, das nicht der Nato angehört. Bei den Frauen waren es 32 Prozent. Um die Wahrheit zu sagen: Die meisten weiblichen Befragten glaubten, dass Albanien nicht in der Nato ist, 19 Prozent votierten für Island. Eine Mehrheit der Frauen hatte auch keine Ahnung, was der Bundesrat eigentlich tut. Sie waren der Meinung, dass der Bundesrat den Bundespräsidenten oder den Bundeskanzler wählt.

Ich weiß nicht, was die Motive der Kollegin waren, mir die Umfrage zu schicken. Ich habe lieber nicht nachgefragt. Wenn man die Zahlen ernst nimmt, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass sich Frauen zwar für Politik interessieren, es aber mit Fakten nicht so genau nehmen. Was mag der Grund dafür sein, habe ich mich gefragt? Denken Frauen, obwohl sie nachweislich über bessere Bildungsabschlüsse verfügen, dass der allgemeine Eindruck wichtiger ist als Detailkenntnis? Haben sie einen eher gefühlsmäßigen Zugang zur Politik?

Ich weiß, ich begebe mich hier auf dünnes Eis. Wer es wagt, auf Geschlechterunterschiede hinzuweisen, der spielt mit seinem Job. Bei Google haben sie gerade einen Programmierer gefeuert, weil er in einem internen Memo als Grund für den geringen Frauenanteil bei Google auf Theorien verwiesen hatte, wonach sich Frauen mehr für Menschen als für Dinge interessieren. Die Argumente, die er ins Felde führte, werden von einigen Wissenschaftlern unterstützt, wie ich anschließend der "New York Times" entnehmen konnte. Dennoch galt sein Memo als so beleidigend, dass der Vorstandschef von Google seinen Urlaub unterbrach, um dem Mann publikumswirksam zu kündigen.

Mir scheint das nicht ganz untypisch zu sein. Wichtiger als die Debatte über die Gründe, warum die Wirklichkeit dem Fortschritt hinterherhinkt, erscheint vielen Aktivisten die Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten bei der Beschreibung der Widerstände, die es zu überwinden gilt.

Dass gerade das Silicon Valley ein besonders frauenfeindlicher Platz ist, das ist allgemein bekannt. Facebook begann als Seite zur Bewertung von Studentinnen, wer "hot" ist und wer eher nicht so "hot". Statt die Leute zur Rechenschaft zu ziehen, die es versäumt haben, mehr Frauen einzustellen, werden lieber diejenigen entfernt, die Vermutungen darüber anstellen, warum Frauen in der Belegschaft unterrepräsentiert sind.

Unser Umgang mit Unterschieden erscheint merkwürdig paradox

Ich verstehe die Empfindlichkeit bei dem Thema. Ich wäre auch ärgerlich, wenn man mir aufgrund meines Geschlechts oder meiner Herkunft bestimmte Fähigkeit absprechen würde. Aber es ist das eine, aufgrund von Umfragen Aussagen über Gruppen zu treffen - und es ist etwas völlig anderes, daraus auf das Verhalten der einzelnen Gruppenangehörigen zu schließen. Man muss beides sorgfältig trennen. Nur weil ich einer bestimmten Population angehöre, bedeutet das noch lange nicht, dass ich die Eigenschaften oder Verhaltensweisen teile, die man in dieser Population verstärkt antrifft.

Tatsächlich erscheint mir unser Umgang mit Unterschieden merkwürdig paradox. Auf der einen Seite wird uns die ganze Zeit vorgebetet, wie wertvoll Unterschiede seien. Die Förderung von Diversität, wie das Modewort lautet, gilt als entscheidender Schritt hin zu einer besseren, gerechteren Welt.

Auch in Deutschland ist das inzwischen ein großes Thema. 2600 Firmen und öffentliche Einrichtungen haben eine "Charta der Vielfalt" unterschrieben, die unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin steht und "die Anerkennung, Wertschätzung und Einbeziehung von Vielfalt in der Unternehmenskultur in Deutschland voranbringen" will. Wer allerdings den Fehler macht, auf echte Unterschiede hinzuweisen, gerät schnell in Teufels Küche.

Wenn gar nichts mehr hilft, flüchtet man in den Exotismus

Es kommt eben ganz auf die Unterschiede an, die man zur Sprache bringt. Wer den langen Arm des Gesetzgebers fordert, weil Frauen in Gehaltsverhandlungen weniger auftrumpfen als ihre männlichen Konkurrenten, kann damit Kanzlerkandidat der SPD werden. Man hat auch noch nie jemanden darüber klagen hören, wenn Frauen attestiert wird, dass sie sozial kompetenter seien oder einen kooperativeren Führungsstil besäßen, als ihre männlichen Konkurrenten.

Die Wahrheit ist, dass gerade Leute, die so für "Vielfalt" eintreten, oft ein Problem mit Unterschieden haben, jedenfalls dann, wenn es sich nicht nur um bloße Lifestyle-Optionen handelt. Dass jemand aufgrund seiner familiären, kulturellen oder biologischen Prägungen möglicherweise ganz anders auf die Welt sieht, als man das aus dem eigenen Umfeld gewohnt ist, ist für diese Menschen eine unheimliche Vorstellung. Also wird lieber geleugnet, dass Kultur oder Geschlecht überhaupt einen Einfluss auf die Weltsicht haben könnten.

Wenn gar nichts mehr hilft, flüchtet man in den Exotismus. Das Fremde wird dann für so fremd erklärt, dass man sich nicht mehr damit auseinandersetzen muss. Das ist exakt das, was in einem fortschrittlich gesonnenen Teil unserer Gesellschaft im Umgang mit Menschen passiert, die aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen sehr spezielle Vorstellungen über das Verhältnis von Männern und Frauen haben.

Ich hätte einen Vorschlag, der meines Erachtens zur Entspannung beitragen würde: Nicht jede Äußerung über eine Gruppe, die man als ärgerlich empfindet, auf sich selber beziehen! Ich habe schon vor Langem aufgehört, mich aufzuregen, wenn jemand dummerhafte Bemerkungen über Männer macht.

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insgesamt 237 Beiträge
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Seite 1
pecos 24.08.2017
1. Selten einmal einen so zutreffenden Artikel von ...
... Herrn Fleischhauer gelesen, dem ich ansonsten alles andere als nahe stehe. Besonders die Tatsache, dass das ständige Lob auf Vielfalt, Diversität und vor allem Intersektionalität ist bei näherem Hinsehen eine Mogelpackung: es kommt, wie Fleischhauer zeigt, nicht auf jedwede, sondern auf die richtige Vielfalt an. Das offensive Lob hört sich meist an wie das Pfeifen im Walde, um etwas anderes zu übertönen: dass es eben nicht um Vielfalt, sondern um Macht geht. Wenn Sie beispielsweise Genderbeauftragten - und sei es nur zum Spass - vorschlagen, sich für eine Schwulenquote einzusetzen (was ja ganz eindeutig unter den Begriff "Gender" fällt), dann ist ganz schnell Schluss mit lustig, weil sich in Wahrheit hinter "Gender" zumeist nichts anderes als "Frauen" verbirgt (Ausnahmen gibt es natürlich immer). Wagen Sie doch einmal den Versuch in Ihrem Unternehmen, ihrer Behörde oder der Bildungseinrichtung, in der sie arbeiten.
shirker 24.08.2017
2.
"Das Forschungsinstitut Kantar Public hat im Juli 1052 repräsentativ ausgewählte Menschen befragt,...". Na ja, das ist aber jetzt beinahe schon ein ganzes Jahrtausend her. Heute würden die Befragungsergebnisse bestimmt ganz anders aussehen.
Newspeak 24.08.2017
3. ...
"Man muss beides sorgfältig trennen. Nur weil ich einer bestimmten Population angehöre, bedeutet das noch lange nicht, dass ich die Eigenschaften oder Verhaltensweisen teile, die man in dieser Population verstärkt antrifft." Ja, theoretisch muss man das trennen. Praktisch bleibt eine Wahrscheinlichkeitsaussage ueber ein Kollektiv (6 von 10 Xen sind Y) eine Wahrscheinlichkeitsaussage ueber ein Individuum (ein X ist zu 60% Y) und es ist logisch diese Annahme zu machen, wenn man dann mal wirklich ein X vor sich hat. Das nennt sich Denken in Analogien, Heuristik, oder Klischee, oder Chauvinismus, natuerlich, und es wird jedesmal verstaerkt, wenn man wieder ein X vor sich hatte, das dazu passt. Es muessen schon verdammt viele X vorbeikommen, die dem widersprechen, dass man diese Erfahrung korrigiert. Das hat sehr viel damit zu tun, wie Menschen ticken, biologisch, psychologisch, und relativ wenig, welche Werte die Gesellschaft da vorgibt, ich glaube die meisten Menschen nehmen das gar nicht war. Nur weil man zum Glueck nicht von jedem die Gedanken lesen kann, im Alltag, bleibt es meistens friedlich und gesittet. Die interessante Frage waere, ob man nicht in einer besseren Gesellschaft leben wuerde, wenn man einen Teil der Ungerechtigkeiten (nicht alle), nicht immer so grundernst nehmen wuerde, wenn man also differenzieren wuerde zwischen einer massiven Ungerechtigkeit, die abgestellt gehoert, und dem, was man in einem religioesen Kontext vielleicht eine laessliche Suende nennen wuerde, die man zwar nicht toll findet, weswegen der man aber auch keine grauen Haare bekommen, und keine Prinzipiendiskussion lostreten, und nicht verbiestert allen anderen Mitmenschen das Leben zur Hoelle machen muss? Ein gutes Beispiel ist doch die Familie. Wer kennt nicht den Nazi Opa, dessen bloede Sprueche man auf jeder Feier erwarten darf, den aber keiner wirklich ernstnimmt, weswegen all die Schlechtigkeit dahinter eigentlich im Raum verpufft. Und irgendwann war er dann das letzte Mal dabei, und alles ist gut. Es gibt natuerlich tausende andere Beispiele, die im Grunde alle dasselbe zeigen, wie man naemlich mit nicht netten Menschen so umgeht, dass diese eigentlich keine Resonanz finden. Wenn man jetzt jedesmal deswegen ein Fass aufmacht, an Diskussionen, wem ist damit gedient? Es werden hier immer Frauen mit Maennern verglichen, aber man weiss doch gar nicht ob es diese Kollektive so gibt, biologisch ja, aber bei jedem beliebigen Thema wird man Maenner finden, die eine Frauenposition einnehmen und umgekehrt Frauen, die die Maennerseite repraesentieren. Wenn man die Kollektive getrennt und in Opposition betrachten will, sollte man also erst mal feststellen, wie gross die Varianz innerhalb eines Kollektivs ist, und ob die nicht groesser ist, als die zur Trennung benutzte. Aber das versteht natuerlich wieder keiner, weil sowas nirgends vermittelt wird, und 80% der Journalisten nichts von Wissenschaft verstehen. Ist natuerlich bei den Lesern nicht anders.
keine-#-ahnung 24.08.2017
4. Au weia, Herr Fleischhauer ...
... am Besten erst mal Koffer packen --> Airport suchen --> Ticket buchen ("wie weit komme ich mit XXXX Euro? - dann bitte dorthin. Nein Danke - zunächst nur one way") --> Flug --> aussteigen --> durchatmen --> Gefühl der relativen Sicherheit geniessen. Man schreibt doch heute keinen Artikel mehr, der mit den Worten: "Jungen haben einen Penis und Mädchen eine Vagina." beginnt, ohne sich dem shitstorm der Aktivisten aller Couleur auszusetzen (Feministen, LGBT, Tierschützer*innen, AlpenveilchenzüchterXX, Verband bisexueller Militärköche etc.pp.). Das war wohl dann Ihre letzte Kolumne - ich hoffe, das Geld hat für eine exotische Destination gereicht. Geniessen Sie Ihren Ruhestand und verzichten Sie nicht auf einen neuen Namen! p.s.: ein Vollbart und endlich mal eine neue Haarfarbe können auch schon was helfen :-)
stefank 24.08.2017
5. Wie gemein von ihrer Kollegin, Herr Fleischhauer!
Da hat sie Ihnen doch glatt den Teil der Studie unterschlagen, in der die Forscher die Gründe für die größere politische Faktenkenntnis der männlichen Probanden nennen. Aber das hole ich hier gerne nach, so dass Sie sich nicht mehr fragen müssen, wie das nur sein könne : "In allen Ländern seien der Inhalt und der Stil politischer Nachrichtensendungen überwiegend an Männern orientiert. So sind die handelnden Personen meist männlich, von Experten bis zu Moderatoren, ebenso richtet sich die Art vieler Sendungen an Männer. Die Forscher sehen einen Teufelskreis. Schließlich sei bekannt, dass Menschen Vorbilder in den Medien brauchen und dass Interesse an der Politik immer auch damit zu tun hat, ob jemand glaubt, selbst etwas bewirken zu können. " Gern geschehen!
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