Kommunalpolitik Wo Frauen immer noch die Ausnahme sind

Bürgermeisterinnen, Landrätinnen, Stadträtinnen? Gibt es nur wenige in Deutschland. Stattdessen dominieren die Männer - und werden das wohl noch auf Jahre tun. Warum nur?

SPIEGEL ONLINE

Von und (Grafik)


Im Jahr 1981 sagte die Juristin und SPD-Politikerin Elisabeth Selbert diesen Satz: "Die geringe Beteiligung von Frauen in den Parlamenten ist Verfassungsbruch in Permanenz." Selbert war eine der Autorinnen des Gleichheitsgrundsatzes "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", Artikel 3 Grundgesetz. Sie prangerte die Unterrepräsentanz von Frauen an.

Zählt man knapp 40 Jahre nach diesem Satz die Reihen in deutschen Parlamenten durch, zeigt sich: Nur ein Drittel der Abgeordneten ist weiblich, im Bund wie in den Ländern. Der Anteil an Frauen in der Politik steigt nicht mehr - er stagniert oder schrumpft sogar.

Warum ist das so?

Es lohnt es sich, dahin zu sehen, wo Politikerinnen und Politiker ihre Karrieren meist beginnen. Dorthin, wo Politik ganz nah dran ist an den Wählern. In Deutschlands Gemeindesälen, Bürgermeisterstuben, Landratsämtern. Das Bild, das sich zeigt, ist auch hier eindeutig: männlich.

Zahlen, bitte: Der Status quo

Die Datenlage über das Verhältnis Politikerin vs. Politiker auf kommunaler Ebene ist diffus und lückenhaft. Aufschlussreich sind diese Zahlen:

  • Die Landrätinnen

Unter den 294 gewählten Amtsträgern sind aktuell genau 28 Frauen. Das sind 9,5 Prozent. In nur jedem zehnten Amt sitzt eine Frau.

In Bayern etwa werden lediglich fünf der 71 Landkreise von Frauen geführt. In Sachsen null von zehn Landratsämtern. Thüringen schneidet mit fünf weiblich besetzten Landratsämtern aus insgesamt 17 am besten ab. Sehen Sie die Details in der Grafik.



  • Die Mandatsträgerinnen

In den kommunalen Vertretungen, den Kreistagen und Gemeinderäten, saßen im Jahr 2017 im Bundesdurchschnitt 27 Prozent Frauen. Das stellt der aktuelle Gleichstellungsatlas der Bundesregierung aus demselben Jahr fest. Schlusslichter waren damals Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg mit knapp über 20 Prozent. Am häufigsten vertreten waren Frauen in den kreisfreien Städten Berlin und Hamburg mit fast 40 Prozent.

  • Die Bürgermeisterinnen

Innerhalb von zehn Jahren ist der Anteil an Oberbürgermeisterinnen eingebrochen - von 17,7 Prozent im Jahr 2008 auf 8,2 Prozent im Jahr 2017. Das zeigt das Gender Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem Jahr 2017. Dort wurden Städte über 100.000 Einwohner verglichen. "Je höher die Machtposition, desto weniger haben Frauen Zugang dazu", schreiben die Autoren.

Das deckt sich mit den Beobachtungen der Politikwissenschaftlerin Helga Lukoschat. Die Vorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF Berlin) geht davon aus, dass in kleineren Gemeinden und Städten noch deutlich weniger Frauen ein Bürgermeisteramt innehaben.

Lukoschat hat mit dem EAF Berlin 2014 in der Studie "Frauen führen Kommunen" 60 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Deutschland gefragt, wie sie sich erklären, dass Frauen im Amt so sehr in der Minderheit sind.

Sie fragten die Bürgermeister: Wäre Ihre Karriere anders verlaufen, wenn Sie eine Frau wären?

Drei Viertel der Männer sagten: Nein.

Sie fragten die Bürgermeisterinnen: Wäre Ihre Karriere anders verlaufen, wenn Sie ein Mann wären?

Drei Viertel der Frauen sagten: Ja. Und präzisierten, sie wären als Mann strategischer vorgegangen, hätten weniger Skrupel bei Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehabt und sich insgesamt früher für das Amt beworben.

Das Gedankenspiel zeige, so Lukoschat, "dass es den Männern gar nicht bewusst ist, dass es je Geschlecht völlig unterschiedliche Hürden geben könnte".

Die Hürden: Warum ändert sich nichts?

  • Hohes Arbeitspensum, lange Arbeitszeiten

In einer Befragung gaben hauptamtliche Bürgermeister an, 50 bis 80 Stunden in der Woche zu arbeiten. Da geht es los: Familie und Privates müssen sich dem politischen Amt anpassen; schwierig für Frauen mit Kindern. Denn gerade in ländlichen Regionen ist die Versorgung mit Kinderbetreuung weiterhin schlecht, die Familienrollen sind traditioneller verteilt, Frauen tragen die Hauptlast. Familie und Mandat lassen sich für Frauen schlechter vereinbaren.

Streben Frauen einen höheren Posten als das Bürgermeisteramt an, wagen sie sich daher meist sehr spät aus der Deckung. Die meisten Bürgermeisterinnen sind über 50 Jahre alt, ihre Kinder bereits erwachsen.

Wer jedoch gewählt werden will, der muss, gerade in kleineren Orten, sichtbar sein. Sich auf Vereinsfeiern blicken lassen, an Stammtischen, beim Wochenmarkt. Muss sich im Ort engagieren, am besten im Alter zwischen 30 und 40. In den Jahren, in denen Frauen oft mit der Familie beschäftigt sind, können Männer gezielt ihre politischen Karrieren vorbereiten.

Mutter - und gleichzeitig Bürgermeisterin? Wie sehr das für viele einen Widerspruch darstellt, zeigt der Kommentar einer Bürgermeisterin in der EAF-Befragung. Man müsse als Frau im Amt immer noch Vorurteile abbauen und zeigen: Man kann das machen und trotzdem sind die Kinder hinterher nicht drogenabhängig.

Ähnlich ist es, wenn Frauen ehrenamtlich in der Politik tätig sind, etwa im Gemeinderat. Da kommt das politische Engagement zusätzlich zu Job und Kind obendrauf. Politikwissenschaftlerin Lukoschat nennt das den Dreifach-Spagat: "Den muss man erst mal wuppen." Politisches Engagement könnten sich Frauen oft schlicht nicht leisten, sagt sie.

Gruppenbild ohne Dame: Konferenz ostdeutscher Oberbürgermeister (2017 in Rostock)
Joachim Kloock

Gruppenbild ohne Dame: Konferenz ostdeutscher Oberbürgermeister (2017 in Rostock)

  • Das Platzhirsch-Problem

Frauen treten später in die Parteien ein, sie sind schlechter in Parteien integriert und vernetzt als ihre männlichen Kollegen. Wenn es darum gehe, wen die Partei nominiert - ihn oder sie -, entschieden oft männlich dominierte Machtstrukturen, sagt Lukoschat: Männer nominierten Männer.

Frauen würden erst dann nominiert, wenn kein Mann kandidieren will - etwa weil die Erfolgschancen zu gering sind. Oder eine Partei stelle dann gezielt eine Frau auf, wenn sie sich durch die "Frauenkarte" bessere Gewinnchancen ausrechnet.

Fast alle Frauen im Amt - ob als Bürgermeisterin oder Landrätin - sind die erste Frau auf dem Posten. Und fast keine Frau hat einen Mann aus der eigenen Partei abgelöst.

Die Lösung: Wie könnte es besser gehen?

Verbindliche Quoten wie etwa das Paritätsgesetz in Brandenburg sind auch kommunal denkbar. Doch für bessere Startchancen müssten Frauen besser netzwerken: In den Kommunen bräuchte es mehr weibliche Vorbilder, mehr Mentoring-Programme, den Austausch von Bürgermeisterinnen und Landrätinnen über Regionen hinweg. Man müsse junge Talente gezielt fördern, sagt Lukoschat, und motivieren: "Frauen, fangt rechtzeitig an, euch zu vernetzen. Und traut euch, nach Macht zu streben!"

Was Kommunalpolitik angeht, sieht sie auch die Arbeitgeber der Region in der Pflicht. Wenn sich eine Mitarbeiterin politisch vor Ort engagiert, sollte sie auf flexiblere Arbeitszeiten im Job vertrauen können.

Und auch daran, wie Politik vor Ort gemacht wird, müsse man etwas ändern. Wann sind die Sitzungen? Müssen sie immer so lange dauern? Wie viel kann man von zu Hause erledigen, zum Beispiel mit einer Skype-Konferenz? Man kann auch über Modelle wie Elternzeit-Vertretung für Bürgermeisterinnen oder Jobsharing nachdenken. "Das ist aber im Moment noch Utopie", so Lukoschat.

Nicht zu vergessen: Auch die Männer müssen sich weiter ändern, etwa um eine gerechtere Verteilung der Erziehungszeiten zu gewährleisten. In der Folge könnten sich Frauen stärker politisch engagieren.

Interessant ist übrigens ein Blick zurück in die Zeit vor der Wende. In den höchsten Machtzirkeln saßen nur Männer, das SED-Politbüro etwa hatte keine weiblichen Mitglieder. In den Parlamenten und auf kommunaler Ebene sah es anders aus, da lag der Anteil von Frauen in den auf allen Ebenen, vom Gemeinderat bis zur Volkskammer, zwischen 32 und 44 Prozent. Im Jahr 1988 wurden in der DDR 30 Prozent der Bürgermeisterämter von Frauen geführt.

Zahlen, von denen heute Bundesländer in Ost und West weit entfernt sind. Nach der Wende haben sich die neuen Länder immer weiter an die alten Bundesländer angeglichen - auch, was die Präsenz von Politikerinnen angeht.

Allerdings, sagt Lukoschat, sei bis heute ein entscheidender Unterschied geblieben: "Die Akzeptanz von berufstätigen Müttern ist im Osten deutlich höher als im Westen. Die Selbstverständlichkeit - warum soll ich meinen Beruf oder mein Amt aufgeben, weil ich Kinder habe? -, die sei geblieben.

Das sei etwas, worauf sich aufbauen ließe.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version der Artikels enthielt die Bundesland-Grafik zunächst falsche Prozentangaben. Wir haben die Angaben korrigiert. Wir bitten um Entschuldigung.



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