Global City Hamburg Kabul an der Elbe

180 Nationen leben in Hamburg. Afghanen mögen es so sehr, dass sie sich hier zur größten Gemeinde in Europa versammelt haben.


Hindukusch Kabul, das war seine Heimat, dort war Mohammad Saber Rohparwar im Angriff eine Legende: Fast 200 Tore hat er in den siebziger Jahren für seinen Verein geschossen, 65 Länderspiele hat er als Mittelstürmer für Afghanistan bestritten, 25-mal hat er dabei den Ball im Tor der Gegner versenkt.

Im Mai 1980 beendete er seine Karriere im Nationalteam, mit einem Paukenschlag. Mit sechs Mitspielern setzte er sich nach Deutschland ab. Sie wollten ein Zeichen setzen gegen die Besatzer aus der Sowjetunion, die fünf Monate zuvor in Afghanistan einmarschiert waren, und wurden zu Helden des Westens im Kalten Krieg. Vorübergehend.

Der Kommunismus brach zusammen, der Kalte Krieg ist vorbei, doch Afghanistan ist noch immer Kriegsgebiet und Rohparwar Taxifahrer in Hamburg. Ein Sonderfall ist er hier nicht. Deutschland hatte lange schon einen guten Ruf in Afghanistan, und Hamburg war bekannt durch seine Exilgemeinde von Teppich- und Schafsdarmhändlern, und diese Gemeinde wuchs. Rund 20.000 Menschen afghanischer Herkunft leben in der Hansestadt - mehr als in irgendeiner anderen europäischen Stadt. Fast 7000 haben mittlerweile einen deutschen Pass. Von den restlichen 13.000 haben die meisten einen gesicherten Aufenthaltstitel. Sie sind die viertgrößte Gruppe, nach Türken, Polen und Serben, unter den mehr als 180 Nationen, die in Hamburg leben.

Zurück nach Afghanistan will kaum einer, darin sind sie sich einig. Auch wenn die Gründe nicht unterschiedlicher sein könnten, aus denen sie ihrem Land den Rücken kehrten. Als die Kommunisten sich 1978 an die Macht putschten, waren es die Anhänger des Königshauses, die das Land scharenweise verließen. Nach dem Abzug der Sowjettruppen 1989 floh nach und nach die Führungsschicht der moskautreuen Afghanen vor den siegreichen Mudschahidin. Deren Anhänger wiederum machten sich ab 1996, nach der Niederlage gegen die Taliban, auf den Weg ins sichere Ausland.

Jede Flüchtlingsgruppe floh vor der, die ihr später ins Exil folgte. Gemeinsame Interessen sind da schwer zu definieren. Jenseits der ideologischen Grenzen aber gibt es Parallelen in den Lebenswegen, die augenfällig sind.

"Ich habe ein Diplom in Agrarökonomie von der Universität Kabul", sagt Rohparwar, "einer meiner Freunde war Architekt und hat jetzt einen Pizzaservice, es gibt Ärzte, die hier als Autohändler ihr Geld verdienen." Viele der afghanischen Einwanderer haben Abitur oder einen Universitätsabschluss und stammen aus den eher wohlhabenden Schichten großer Städte wie Kabul oder Herat. Und fast alle mussten erfahren, dass ihre Ausbildungen und Abschlüsse in Deutschland nichts wert sind - und ganz von vorn anfangen.

"Asia Import-Export" steht über dem Eingang des verwitterten Lagerschuppens in der Billstraße im Hamburger Industriegebiet Rothenburgsort, einem Ort der Händler, einem Ort, an dem viele genau das getan haben: ganz unten anfangen. Ramin Galanawi heißt der Inhaber des Asia Imports, wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag dieses Jahr im März hat er von einem seiner Onkel eine Restposten- und Großhandelsfirma übernommen. Seit 2005 hat Galanawi, Kind einer Mandel- und Pistazienhändlerdynastie aus der Provinz Herat, eine Aufenthaltserlaubnis, mit der er die Handelsschule abschließen und bis zum Abitur weitermachen kann.

"Nebenbei hauptberuflich bin ich allerdings Im- und Exportkaufmann", wie er grinsend und in akzentfreiem Deutsch erzählt. "Ein Hauptgeschäftszweig ist der Verkauf von deutschem Werkzeug nach Afghanistan und in die früheren asiatischen Sowjetländer - der andere ist der Handel mit japanischen Generatoren. Die gehen meistens nach Afrika." Doch auch wer Gummistiefel, Alukoffer, Isoliermatten zum Camping oder Ladegeräte für Autobatterien sucht, wird in Galanawis bis unters Dach vollgestopftem Lager fündig. Die Billstraße ist eine Art Enklave der Armen in der Welt der Reichen, an der die meisten Hamburger in der Regel Richtung Autobahn vorbeirauschen.

Hier kaufen die, denen es mangels ausreichender Ressourcen egal sein muss, ob die Ware ein Auslaufmodell ist, kleine Macken hat oder beim Verladen vom Laster gefallen ist - Hauptsache, erschwinglich und halbwegs funktionstüchtig. Afrikaner und Russen kaufen hier gern, Rumänen, Polen, Bulgaren.

Die meisten Händler sind Afghanen. 25 Geschäfte auf einer Länge von etwa 500 Metern zählt Galanawi. "Fast alle", sagt er mit einem hörbaren Anflug von Stolz, "sind irgendwie mit meiner Familie verwandt - Onkel, Cousins, wie auch immer."

Die Verwandtschaft hilft, darauf kann man sich verlassen, auch Rohparwar, der Torschützenkönig von Hindukusch Kabul, konnte auf seine Familie bauen, als er damals an die Elbe zog. Sein Traum aber - ein afghanischer Verein im Hamburger Fußball-Verband - hat sich erst in diesem Jahr erfüllt.

Nicht zuletzt wegen der politischen Gräben, die die Flüchtlingsgenerationen voneinander trennen. Um Irritationen zu vermeiden, haben sich die 35 Gründungsmitglieder auf den Namen "Ariana Sportverein" geeinigt. "Weil das am neutralsten ist und man die Politik so am besten raushalten kann", sagt Shafiq Kohistani, einer der jungen Aktiven, die das Projekt vorangetrieben haben.

Ariana hieß ein antikes Reich, das einst Afghanistan, Teile Tadschikistans, des heutigen Iran und Pakistan umfasst haben soll - ein Symbol vergangener Größe als Identifikationsangebot für Paschtunen, Tadschiken und all die anderen afghanischen Volksgruppen, die in Hamburg leben.

Auch das gleichberechtigte Nebeneinander zweier Sponsorenlogos auf den Trikots signalisiert den Willen, alte Feindschaften zugunsten eines Neuanfangs ruhen zu lassen. Sponsor Fawad Nadi, Importeur von Basmatireis mit Vertretungen in ganz Europa und Besitzer mehrerer Orient-Supermärkte, floh 1978 vor den Kommunisten nach Hamburg. Sponsor Dr. Azgharkhel Mangal, Eigentümer der Spedition Mangal Trading & Shipping Co., hat in den achtziger Jahren als hoher Beamter im Verkehrsministerium gearbeitet, bevor er sich Anfang der neunziger Jahre vor den Mudschahidin in Sicherheit brachte.

"Leider gibt noch immer Leute", sagt sein Bruder Meyakhel, der in der 1. Herrenmannschaft von Ariana spielt, "die die Kämpfe von gestern noch einmal kämpfen wollen und stänkern, jetzt wolle man sich mit Geld freikaufen." Doch Kohistani, neben Rohparwar der zweite Vorsitzende des Vereins, ist sicher, dass solche Vorurteile mit zunehmendem Erfolg der Truppe weniger werden. Dass sie den haben werden, steht für ihn außer Zweifel.

"Bei uns spielen Leute, die in Hamburg bereits Verbandsliga gespielt haben. Einige von denen haben schon beim Asien-Cup in der afghanischen Nationalmannschaft ausgeholfen, und wir haben drei Leute im Seniorenteam, die für ihre Trainerlizenz in der Sowjetunion, Bulgarien und der DDR studiert haben. Das wird schon werden."

Eine realistische Prognose, wie es scheint. Denn als Neulinge im Verband müssen die Ariana-Kicker in der Kreisklasse anfangen - "noch einmal von vorn und von ganz unten", sagt Kohistani, "das sind wir gewöhnt".



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