Von Christian Neef
Als die Sowjetunion 1991 ihrem Ende entgegentaumelt, sitzt in Moskau ein alter Mann, der die Ereignisse aus nächster Nähe mitverfolgt: der frühere SED-Chef Erich Honecker, 79. Er ist im März in die UdSSR geflüchtet. Dass Honecker ausgerechnet bei Gorbatschow Schutz gesucht hat, um nach der deutschen Wiedervereinigung strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen, ist nicht ohne Ironie - er hat den russischen Reformer nie leiden können. Und hat er nicht auch Recht behalten mit seiner Warnung, dessen Experimente gefährdeten den sozialistischen Vorzeigestaat DDR? Die Sowjetunion lebt zwar noch, wenn auch in Agonie, aber sein eigenes Land ist bereits perdu.
Die Zusammenarbeit zwischen Gorbatschow und Honecker war immer schwierig gewesen. Schon als der sowjetische Generalsekretär im Mai 1987 das zweite Mal zu einem offiziellen Besuch nach Berlin kam - beide waren damals noch per "Sie" -, war das Gesprächsklima frostig.
Honecker hatte sich über die Unfähigkeit Moskauer Wirtschaftsfunktionäre beklagt, über nicht eingehaltene Verträge und darüber, dass er wegen der skandalös schlechten Qualität sowjetischer Anlagen Schienen beim österreichischen Stahlkonzern Voest-Alpine kaufen müsse - auch weil es im Lande Gorbatschows "keinerlei moderne Elektronik" gebe. Und war den Kremlchef gleichzeitig um zusätzliche zwei Millionen Tonnen Erdöl pro Jahr angegangen - schließlich würden Moskaus Truppen in der DDR viele der dort produzierten Ölprodukte verschlingen.
Michail Gorbatschow hatte in gleicher Manier über den Tisch hinweg zurückgeblafft: Moskau sehe die Zusammenarbeit mit Ost-Berlin "skeptisch", die DDR beteilige sich ja nicht einmal an der Erschließung von Rohstoffen in der Sowjetunion. Honecker, so müsse er schlussfolgern, gehe es "nur um kurzfristige Vorteile" für sich.
Es war ein unter Genossen ungewöhnlicher Ton. Honecker wollte, dass Gorbatschow die DDR-Bürger nicht weiter mit seiner Perestroika und der Idee von Glasnost belästige: Er solle die "unglücklichen Veröffentlichungen, die in Euren Zeitschriften in deutscher Sprache erscheinen, kontrollieren", forderte er von Gorbatschow. Der lehnte eine Rückkehr zur Zensur entschieden ab.
Verspottung der SED-Führung
Der sowjetische KP-Chef hat sich oft über den starrsinnigen Alten in Berlin geärgert, er nennt Honecker im kleinen Kreis durchaus schon mal einen "Sack". Er kann das auch deswegen tun, weil er über die Stimmung in Ost-Berlin ziemlich gut im Bilde ist: Honeckers eigene Genossen geben in vertraulichen Gesprächen mit Sowjetfunktionären regelmäßig interne Details nach Moskau weiter. Auch diese Berichte liegen im Gorbatschow-Archiv, veröffentlicht wurden sie nie.
Gorbatschow-Berater Wadim Sagladin zum Beispiel, stellvertretender Chef der Internationalen Abteilung in der Parteiführung, trifft sich im Juni 1988 mit Honecker in Berlin - und gleich danach mit dem Außenpolitik-Chef der SED-Zentrale, ZK-Sekretär Günter Sieber. Er wolle "streng vertraulich darüber berichten", wozu er eigentlich nicht ermächtigt sei, sagt Sieber zu Sagladin - und nimmt kein Blatt vor den Mund. Sagladin gibt die Botschaft sofort an Gorbatschow weiter:
Die wirtschaftliche Lage (der DDR) hat sich in letzter Zeit verschlechtert. Die optimistischen Berichte in der Presse entsprechen nicht der Wirklichkeit. Die Auslandsschuld wächst unaufhaltsam, aber die Genossen wissen nicht, was man da tun kann. Selbst in Teilen der Partei sind ironische Kommentare über die Führung weit verbreitet. Davon zeugt die Welle unangenehmer, ja feindseliger Anekdoten über Honecker persönlich.
Honecker und andere Führungsmitglieder haben richtige Angst vor den möglichen Folgen der wirtschaftlichen und politischen Lage. Sie fürchten Erschütterungen im Land und eine Wiederholung der Vorgänge von 1953 oder irgendetwas nach Art der polnischen Ereignisse.
Noch 17 Monate bis zum Mauerfall
Von Sagladin danach befragt, ob er eine Lösung sehe, antwortet Sieber:"Nein, ein Ausweg ist nicht in Sicht." Es ist ein bemerkenswertes Eingeständnis, denn bis zum Mauerfall sind es da noch 17 Monate.
Natürlich gehen die beiden denkbare Alternativen zu Honecker im Politbüro durch, aber auch hier hält Sieber keinen Trost für seinen Moskauer Kollegen bereit. ZK-Sekretär und Medienkontrolleur Joachim Herrmann? "Würde gern aufsteigen", sagt Sieber, "aber viele im Politbüro fürchten ihn und trauen ihm nicht." Egon Krenz? "Hat nicht genügend Autorität und von Wirtschaft wenig Ahnung." Wirtschafts-Sekretär Günter Mittag? "Eine Kreatur" Honeckers. Ideologie-Papst Kurt Hager? "Widersprüchlich." Der Außenpolitiker Hermann Axen? "Klug, hat aber zwei Gesichter." Regierungschef Willi Stoph immerhin sei ein Mann mit vernünftigen Ansichten, sagt Sieber, habe aber leider mit "dem Kämpfen längst aufgehört".
Honecker, immerhin, begreift noch vor dem Mauerfall, dass er mit der Verteufelung der Gorbatschowschen Perestroika einen strategischen Fehler begangen hat, er weiß spätestens 1988, auf welch wackligen Füßen seine DDR inzwischen steht. Das lässt sich aus einem anderen Bericht ersehen: Da empfängt - am 2. Februar 1989 - Sagladin in Moskau den Vize-Außenminister Harry Ott.
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