Segelschulschiff der Bundeswehr: "Gorch Fock"-Crew hörte Rechtsrock

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Dem Segelschulschiff "Gorch Fock" droht ein neuer Skandal: Auf der ersten großen Ausbildungsreise nach dem Tod einer Kadettin wurde offenbar Rechtsrock abgespielt. Ein Kamerateam des NDR filmte die Szene. Der Kommandant ermittelt nun in dem Fall.

Segelschulschiff "Gorch Fock": Stolz, Tradition, Skandale Fotos
DPA

Hamburg - Der Marine droht neuer Ärger um ihr Segelschulschiff "Gorch Fock". Auf einer der ersten Ausbildungsfahrten des Schiffs nach dem Tod einer Offiziersanwärterin haben Crewmitglieder offenbar rechtsextreme Musik gehört. Das zeigen laut Norddeutschem Rundfunk Aufnahmen, die ein Kamerateam an Bord des Schiffes gedreht hat.

Das NDR-Team begleitete das Schiff auf einer Überfahrt von Madeira nach London. Auf den Aufnahmen sind Soldaten bei der Müllentsorgung zu sehen, dabei dröhnt laute Rockmusik durch den Raum. Laut der Sendung "Panorama 3" handelt es sich um ein Lied der Band "Kategorie C", die vom Verfassungsschutz der rechtsextremistischen Hooligan-Szene zugerechnet wird.

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE teilte der NDR mit, dass die Aufnahmen bereits im April gemacht wurden. Ein NDR-Reporter hatte die Ausbildungsfahrt von Madeira nach London dreieinhalb Wochen lang begleitet. Daraus wurde eine Reportage, die der NDR erstmals am 21. Juni ausstrahlte. Als die Dokumentation nun am vergangenen Samstag wiederholt wurde, fiel sowohl Zuschauern als auch einem Mitarbeiter auf, welche Musik da an Deck zu hören war.

"Panorama 3" veröffentlichte daraufhin die fragliche Szene erneut. Darin ist der Song laut zu hören. Laut der NDR-Sendung soll es sich um das Lied "Gleich raucht's" handeln. Im Songtext heißt es unter anderem:

"Der Wahnsinn nimmt weiter seinen Lauf / Die Retter Deutschlands setzen einen drauf / Wenn die Wut einen zum Explodieren bringt, man sich nicht mehr unter Kontrolle kriegt / Wenn das Blut in den Adern gefriert, dann ist es meistens schon passiert. / Ja gleich raucht's. Nimm dich in acht ich bin mal wieder unterwegs / Wo ich bin da willst du nicht sein. Ich bin wie ein Jäger der sein Wild erlegt."

Beliebte Band in der Hooligan-Szene

Die Band "Kategorie C - hungrige Wölfe" aus Bremen selbst gibt sich unpolitisch und bestreitet, rechtsextrem zu sein. Sie ist jedoch in der rechtsextremen Hooligan-Szene beliebt. Ihr Name "Kategorie C" bezieht sich auf die polizeiliche Einstufung "gewaltsuchender" Fußballfans. Auf Konzerten der Band versammeln sich laut Verfassungsschutz Rechtsextreme. Dort werden laut Ermittlern auch gewaltverherrlichende Texte gesungen.

Andere Texte der Band verraten ihre politische Einstellung. So heißt es in einem Lied des Sängers der Band zur Fußball-WM 2006.

"Deutschland dein Trikot / Das ist schwarz und weiß / Doch leider auch die Farbe deiner Spieler / In München, Rom und Bern, da gab's noch echte Deutsche / solche Jungs und diese Siege hätten wir jetzt gerne wieder!"

Auf einem Konzert im Jahr 2011 soll die Gruppe mit Publikum das Volkslied "Hoch auf dem gelben Wagen" so gesungen haben: "Hoch auf dem gelben Wagen, sitz' ich beim Führer vorn ... lustig schmettert das MG."

"Gorch Fock"-Kommandant ermittelt

Dass die Musik nun auf der "Gorch Fock" gespielt wurde, erfuhr die Marine erst durch eine NDR-Anfrage. Fregattenkapitän Uwe Rossmeisl vom Marinekommando Rostock sagte SPIEGEL ONLINE, dass der Kommandant der "Gorch Fock" nun in dem Fall ermittle. "Zunächst muss geklärt werden, wer die Musik überhaupt abgespielt hat." An Bord des Segelschulschiffes befinden sich neben den Kadetten auch Offiziere und Stammbesatzung. Dann wird laut Rossmeisl geklärt, ob dienstrechtliche und/oder strafrechtliche Vergehen vorlägen.

Rossmeisl sagte gegenüber "Panorama 3", "dass das Thema Rechtsextremismus in der Marine wie in der Bundeswehr insgesamt im Fokus aufmerksamer Beobachtungen steht und extremistischen Tendenzen mit Entschiedenheit entgegengetreten wird".

Das Segelschulschiff stand zuletzt mehrfach wegen Skandalen in den Schlagzeilen. Im November 2010 stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin bei einer Segelübung in den Tod. Die Kadetten-Ausbildung der "Gorch Fock" war unmittelbar nach dem Unfall ausgesetzt worden. Zwei Jahre zuvor war bereits eine 18-Jährige während eines Trainings aus ungeklärten Gründen ertrunken.

Die "Gorch Fock" geriet zudem wegen fragwürdiger Ausbildungsmethoden und Vorwürfen sexueller Belästigung in die Schlagzeilen. In einem Bericht des Verteidigungsministeriums wurden auch Fehler bei der Dienstaufsicht an Bord festgestellt. Im November 2012 stach die "Gorch Fock" erstmals nach den Skandalen wieder in See.

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1. .
Kurt2.1 14.08.2013
Zitat von sysopDem Segelschulschiff "Gorch Fock" droht ein neuer Skandal: Auf der ersten großen Ausbildungsreise nach dem Tod einer Kadettin wurde offenbar Rechtsrock abgespielt. Ein Kamerateam des NDR filmte die Szene. Der Kommandant ermittelt nun in dem Fall. "Gorch Fock"-Rekruten spielen Rechtsrock von Kategorie C - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gorch-fock-rekruten-spielen-rechtsrock-von-kategorie-c-a-916590.html)
Offensichtlich ist es so geschehen. Ich kann die Schiffsführung noch dahingehend in Schutz nehmen, dass sie nicht hingehört hat und auch nicht wußte, was das für Musik ist. Die für das Abspielen der Musik Verantwortlichen müssen unverzüglich aus der BW entlassen werden.
2. Und was....
larry_lustig 14.08.2013
"Kategorie C" und Ihre Musik ist nicht verboten... Es wurden bisher nur teilweise Konzerte untersagt. Wenn es linksextremistische Musik gewesen wäre, wäre wohl alles in Ordnung. @Kurt2.1: Wieso sollen die für legale Musik entlassen werden?
3. optional
thomas.b 14.08.2013
Also wenn die Musik verboten wäre, könnte man ermitteln. Die Gesinnung von Bewerbern sollte indes schon beim Auswahlverfahren geprüft werden. Das anhand eines Songs allein festzumachen, ist schon etwas abenteuerlich. Ich höre auch gern die Onkelz, obwohl ich eher linksgrün ticke.
4.
Hans58 14.08.2013
Zitat von Kurt2.1Offensichtlich ist es so geschehen. Ich kann die Schiffsführung noch dahingehend in Schutz nehmen, dass sie nicht hingehört hat und auch nicht wußte, was das für Musik ist. Die für das Abspielen der Musik Verantwortlichen müssen unverzüglich aus der BW entlassen werden.
Eine "unverzügliche" Entlassung geht nur in ganz eng begrenzten Fällen des § 55 des Soldatengesetzes. Ansonsten ist eine Entlassung - wie grundsätzlich im öffentlichen Dienst - ein langwieriges Verwaltungsverfahren, es sei denn, man wird zu einer Freiheitsstrafe bestimmter Dauer verurteilt. Dann verliert man die Rechtstellung eines Soldaten auf Zeit / Berufssoldaten mit Rechtskraft des Urteils. Das Abspielen derartiger Lieder ist ist jedoch grundsätzlich keine Straftat, es dürfte sogar schwierig sein, hier ein Dienstvergehen zu konstatieren, es sei denn, man greift hilfsweise auf die Grundpflicht eines Soldaten zurück. Nicht nur die Schiffsführung wusste (falls sie die Musik wahrgenommen hat), was das für eine Musik war, auch kein Zuschauer der Erstsendung hat das gemerkt. Selbst das NDR-Team hat es nicht wahrgenommen. Das alles spricht für den "Täter".
5. Bei der Marine wird entschieden gegen Rechtradikalismus vorgegangen?
tommykocher1209 14.08.2013
Das freut mich, denn bei der Luftwaffe wurde 1996 in der Kaserne in der ich war eben nicht dagegen vorgegangen! Das "Problem" waren auch weniger die Rekruten als der Stamm! Und dort ging es durch alle Dienstgrade! Offiziere, Unteroffiziere, Mannschaften... Schikanen gg "Deutsche" mit Migrationshintergrund gerade gegen Spätaussiedler waren an der Tagesordnung und wurden nicht nur geduldet sondern gefördert! Ich habe noch nie soviele Rechtsradikales Gedankengut erfahren wie in den 10 Monaten meiner Grundwehrdienstzeit. Einschlägige Bands die allesamt auf dem Index stehen wurden laut über die Kopmpanielautsprecher abgespielt und Namensgebungen wie Rucksackdeutsche waren noch die netteste Umschreibung....
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Die "Gorch Fock"
Das Schiff
DPA
Das legendäre Segelschulschiff "Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel. Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Die Besatzung
Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der "Gorch Fock" ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.
Die Ausbildung
Offizier- und Unteroffizieranwärter erhalten dort ihre praktische und theoretische Ausbildung für spätere Aufgaben in der Flotte. Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das "grundlegende seemännische Handwerk" erlernen. "Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft." Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew "sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt", heißt es auf der Marine-Homepage.

Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
Die Todesfälle
Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Todesfällen. Seit 2008 verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.
Der Kommandant
Seit 2006 hatte Kapitän Norbert Schatz, 53, das Kommando über die "Gorch Fock" - im Zusammenhang mit dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah wurde er Ende Januar 2011 von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abgesetzt. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff. Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord.

Chronologie: Die "Gorch Fock"-Affäre im Überblick
7. November 2010 - Tod aus der Takelage
Bei einer Ausbildungsfahrt in Brasilien stürzt eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage des Dreimasters in den Tod.
19. November 2010 - Offiziere werden abgezogen
Die Offiziersausbildung an Bord wird ausgesetzt. Die gut 70 Offiziersanwärter kehren aus Brasilien nach Deutschland zurück. Das Ausbildungskonzept soll überprüft werden.
18. Januar 2011 - Bericht von Königshaus
Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, übermittelt dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und dem Verteidigungsausschuss des Bundestags einen Bericht über die Zustände auf der "Gorch Fock". Es geht um den Vorwurf der Meuterei, sexuelle Belästigung und massiven Druck auf Kadetten beim Aufstieg in die Takelage.
20. Januar 2011 - Rückkehr nach Argentinien
Ein Ermittlungsteam der Marine soll die Vorgänge nach dem Tod der Offiziersanwärterin aufklären. Die "Gorch Fock" kehrt zu ihrem letzten Hafen Ushuaia in Argentinien zurück, bis das Ermittlerteam eintrifft.
21. Januar 2011 - Guttenberg suspendiert Schatz
Guttenberg enthebt den Kommandanten, Kapitän zur See Norbert Schatz, bis zum Abschluss der Ermittlungen seines Postens. Der Öffentlichkeit kündigt er dies per Zeitungsinterview an. Die Opposition kritisiert die Entscheidung als überstürzt. Guttenberg räumt Tage später vor dem Verteidigungsausschuss des Bundestages Informationspannen ein.
28. Januar 2011 - Untersuchungen starten
Das Untersuchungsteam der Marine geht an Bord. In einem offenen Brief an Guttenberg weist die "Gorch Fock"-Besatzung die gegen sie erhobenen Vorwürfe zurück und beklagt fehlenden Rückhalt in der Bundeswehr. Das Ermittlerteam hat zwei Wochen später seine Untersuchungen abgeschlossen. Es befragte 221 Offiziersanwärter und 192 Angehörige der Stammbesatzung.
30. Januar 2011 - Das Schiff segelt heim
Unter dem Befehl des kurzfristig eingeflogenen Kommandanten Michael Brühn macht sich die "Gorch Fock" auf den Weg zurück nach Deutschland.
8. März 2011 - Schatz wird entlastet
Kommissionsleiter Horst-Dieter Kolletschke übergibt Marineinspekteur Axel Schimpf den Marine-Untersuchungsbericht. Das Fazit der Ermittler lautet: Die erhoben Vorwürfe hätten sich "zum großen Teil als nicht haltbar erwiesen".
14. März 2011 - Affäre rückt in den Hintergrund
Für den neuen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sei die Aufklärung der "Gorch Fock"-Affäre keine Chefsache mehr, sagt der stellvertretende Ministeriumssprecher.
16. März 2011 - Eklat im Bundestag
Der Verteidigungsausschuss des Bundestags berät über die "Gorch Fock"-Affäre. Die Sitzung wird ergebnislos abgebrochen, weil das Ministerium noch keine Bewertung abgeben und erst den Abschluss der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten will.

6. Mai 2011 - "Gorch Fock" trifft in Kiel ein
Nach achteinhalb Monaten läuft das Schulschiff im Heimathafen ein. An Bord: 181 Besatzungsmitglieder. 1500 Angehörige, Besucher und Berichterstatter heißen das Schiff in Kiel willkommen. Die Zukunft des Dreimasters ist ungewiss.
6. Juli 2011 - Der Dreimaster bleibt Schulschiff
Der Bundestag stimmt zu, dass das Schiff weiter zur Marineausbildung genutzt werden soll. Das Lehrkonzept auf dem Viermaster wird allerdings erheblich umgestaltet.