"Gorch Fock": Eltern ertrunkener Kadettin fordern Klarheit von Guttenberg
Die Zustände auf der "Gorch Fock" bringen Karl-Theodor zu Guttenberg immer mehr in Bedrängnis: Nach den Enthüllungen über die Schikanen auf dem Schiff schalten sich jetzt auch die Eltern einer 2008 über Bord gefallenen und ertrunkenen Kadettin ein. Der Minister soll den Fall neu aufrollen.
Berlin - Der Vater der im September 2008 von Bord der " Gorch Fock" gestürzten Offiziersanwärterin Jenny B. will eine Neuaufnahme der Ermittlungen zum Tod seiner Tochter. In einem direkten Appell an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg fordert die Familie, den weitgehend rätselhaften Tod der damals 18-jährigen Frau aufzuklären. Die Eltern der Kadettin wollen schon am Montag Anzeige bei der Justiz gegen unbekannt wegen sexueller Nötigung stellen.
Er habe gleich nach dem Vorfall den Verdacht gehabt, seine Tochter könnte an Bord sexuell belästigt worden sein, sagte der Vater der "Bild"-Zeitung. "Ich halte es durchaus für möglich, dass Jenny bedrängt wurde und bei einer Rangelei über Bord ging. Ein Unfall macht einfach keinen Sinn. Sexuelle Nötigung habe ich mir von Anfang an als Szenario vorgestellt", so Uwe B..
Es ist ein mysteriöser Fall: Die junge Kadettin war in der Nacht zum 4. September 2008 eine Viertelstunde vor Mitternacht bei Norderney über Bord gegangen und ertrunken. Sie trug laut Staatsanwaltschaft keine Schwimmweste, musste dies angesichts der Bedingungen aber auch nicht. Erst elf Tage später wurde die Leiche der Frau 120 Kilometer vor Helgoland entdeckt.
Nach monatelangen Untersuchungen schloss die deutsche Justiz die Akte Anfang des Jahres 2010, eine Straftat wurde damals ebenso ausgeschlossen wie Selbstmord. Die genaue Ursache für den Todesfall konnte jedoch nicht abschließend geklärt werden.
Die Eltern der Kadettin fühlen sich nach den jüngsten Berichten über die schikanösen Zustände an Bord der "Gorch Fock" in ihrem Verdacht bestätigt, dass der Tod ihrer Tochter kein Unfall war. In Marine-Kreisen hält sich seit Monaten das Gerücht, die junge Frau sei an Bord sexuell bedrängt oder gar vergewaltigt worden, deshalb könnte sie sich in Suizid-Absicht von Bord gestoßen haben. Beweise für den Verdacht oder gar Zeugen gibt es bisher jedoch nicht.
Die Eltern wollen nun Klarheit über den Tod ihrer Tochter - und zwar von Guttenberg persönlich. "Wenn er Transparenz will", so der Vater von Jenny B., "muss dieser Fall noch einmal untersucht werden." Er appellierte auch an mögliche Zeugen, sich endlich zu dem Fall zu melden.
Guttenberg lässt ganze Bundeswehr untersuchen
Als Indiz für ihren Verdacht einer sexuellen Nötigung sehen die Eltern der jungen Frau eine E-Mail, die sie ihnen kurz vor ihrem Tod schickte. In der Mail geht es um ein "Gynäkologenproblem". Zwar diagnostizierte der Schiffsarzt der "Gorch Fock" eine Zyste bei der Offiziersanwärterin. Der Vater von Jenny B. vermutet hingegen einen anderen Hintergrund und glaubt an eine mögliche Straftat. "Im Lichte der jüngsten Enthüllungen kommt es mir sehr seltsam vor, dass Jenny so schnell wie möglich den Gynäkologen ihres Vertrauens sehen wollte", sagte der Vater.
Jenny B. wollte sich laut der E-Mail noch am Abend ihrer Rückkehr von der "Gorch Fock" untersuchen lassen und bat die Eltern, einen Termin für sie bei einem Frauenarzt zu vereinbaren. Aus dem Schreiben geht allerdings nicht hervor, dass sie bedrängt oder gar vergewaltigt worden war.
Der Appell der Eltern setzt die Bundeswehr und Guttenberg weiter unter Druck, die Aufklärung über die Vorkommnisse auf der "Gorch Fock" schnell aufzuklären. Bereits am Freitag hatte der Minister seinen Apparat aufgefordert, sehr schnell einen Überblick über die möglichen Verfehlungen zu geben.
Gleichzeitig mit der vorläufigen Suspendierung des Kapitäns bis zur Klärung der Vorwürfe auf der "Gorch Fock" wies er intern alle Chefs der Teilstreitkräfte an, umfangreiche Recherchen in den eigenen Reihen anzustellen. Dabei soll laut einer Mitteilung ans Parlament "eine Zusammenfassung disziplinarer Vorfälle / Ermittlungen im Ausbildungsbetrieb und Einsatz im Zusammenhang mit Verstößen gegen die Grundsätze der Inneren Führung über den Zeitraum des letzten halben Jahres" erstellt werden.
Für die Nachforschungen, die laut der Anweisung prinzipiell alle Regelverstöße bei der Bundeswehr betreffen, gibt der Minister seinen Top-Militärs nicht viel Zeit. Schon "bis Anfang Februar 2011" sei der Rapport "vorzulegen". Im Ministerium hieß es, die Dossiers sollten sowohl Beschwerden von Soldaten wie auf der "Gorch Fock" als auch von internen Ermittlern festgestellte Mängel beim Einsatz von einzelnen Soldaten oder Einheiten beispielsweise in Afghanistan umfassen.
Bei der Truppe heißt es bereits, die Liste solcher Fälle werde lang und auch brisant werden. Der Tod von Jenny B. fällt zwar nicht in den Zeitraum der Ermittlungen, doch das Ministerium wird wohl nicht umhin kommen, diesen Fall auch noch einmal erneut aufzurollen.
Die Dienstanweisung ist ein Teil von Guttenbergs Vorwärtsverteidigung in seiner bisher schwersten Krise als Wehrminister. Am Freitagabend hatte er zu nächtlicher Stunde zuerst den Schiffs-Chef der "Gorch Fock" entlassen und die Rückkehr des Schiffs nach Deutschland befohlen. Auf dem Weg nach Kiel sollen alle Soldaten erneut vernommen werden. Ein weiteres Team von Ermittlern reist noch dieser Tage in die Marineschule nach Mürwik und vernimmt dort Teilnehmer der mittlerweile verrufenen Ausbildung auf dem Paradeschiff der Marine.
Auch die Ergebnisse dieser Nachforschungen wolle Guttenberg umgehend auf dem Tisch haben, hieß es in seinem Ministerium.
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- Sonntag, 23.01.2011 – 19:15 Uhr
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Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
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