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"Gorch Fock": Ex-Kadetten beklagen Schikane an Bord

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Die "Gorch Fock" wird vorerst stillgelegt, der Kommandant muss auf Befehl von Minister Guttenberg gehen. Die Ausbildung auf dem Schiff gilt als hart. Aber ist sie menschenunwürdig? Ehemalige Kadetten melden sich zu Wort und berichten über "unzumutbare Zustände". Andere finden das Jammern "lächerlich".

Schulschiff "Gorch Fock": Riskante Ausbildung Fotos
DPA

Hamburg - Nein, hassen würde er das Schiff nicht, sagt Matthias Gaede*. "Im Gegenteil, in meinem Tagebuch, das ich damals an Bord der 'Gorch Fock' geschrieben habe, steht: 'Ich liebe dieses Schiff. Aber ich hasse die Ausbildung.'"

Die steht derzeit in der Kritik, nachdem im November eine 25-jährige Kadettin beim Abentern aus dem Mast fiel, auf das Holzdeck schlug und ihren Verletzungen erlag. Daraufhin weigerten sich viele Soldaten, in die Segel zu klettern.

Doch statt Verständnis gab es Druck, es soll es zu einem heftigen Streit zwischen den Offiziersanwärtern und der Schiffsführung gekommen sein. Das geht aus einem Schreiben des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestags, Hellmut Königshaus, hervor. Trotz der psychisch schwierigen Situation seien die Kadetten von den Ausbildern gezwungen worden, in die Takelage zu klettern. Erst eine überraschende Entscheidung der Marineführung hatte die Ausbildungsfahrt vorzeitig beendet.

Gaede, 2003 als "Matrose OA" (OA = Offiziersanwärter) an Bord des weißen Schulschiffs, sagt, er könne die Vorwürfe bestätigen. Während der zweimonatigen Ausbildung auf der "Gorch Fock", die jeder angehende Offizier zu Beginn seiner Karriere durchlaufen muss, um die Grundlagen der Seefahrt kennenzulernen, sei er täglich bedroht worden. "Es gibt zwei Lager: die Offiziersanwärter auf der einen Seite, die Stammbesatzung auf der anderen. Die einen müssen den anderen immer gehorchen." Vor allem von Mannschaftsdienstgraden, die zur Stammbesatzung gehörten, würden die Kadetten schikaniert. "Jetzt können sie uns ihre Macht ja noch zeigen, jetzt sind sie die dienstgradhöheren Soldaten und wir nur Offiziersanwärter", sagt Gaede.

Mit Gebrüll nach oben gescheucht

Sie seien von Anfang an angeschrien und gezwungen worden, bis zum höchsten Segel zu klettern. "Uns wurde niemals gesagt, dass das freiwillig ist, wie die Schiffsführung jetzt plötzlich behauptet." Man habe ihn unvorbereitet hochklettern lassen. Beim Setzen des Segels während einer Trockenübung habe sich ein Seil um seine Hand verfangen, er habe sich zwei Finger gebrochen. "Ich wusste doch überhaupt nicht, was ich tun oder nicht tun sollte, wir kannten die Kommandos noch gar nicht. Uns wurde nicht erklärt, wie das Auf- und Abentern funktioniert, wir wurden einfach mit Gebrüll nach oben gescheucht."

Später sei er als Posten auf dem Oberdeck eingesetzt worden, weil er mit seiner Verletzung nicht mehr klettern konnte. Die Ausbilder hätten sich permanent über ihn lustig gemacht. "Dabei hatten wir von vornherein Bedenken, denn ein Jahr zuvor war ein Soldat aufs Deck gestürzt und gestorben. Aber über diesen Vorfall redeten unsere Vorgesetzten nicht gern."

Jan Friese* bestätigt, dass Offiziere und Unteroffiziere nicht über Todesfälle redeten. Er war 2009 als Matrose an Bord, ein Jahr nachdem eine Kadettin in der Nordsee über Bord gegangen und ertrunken war. "Ich wollte deshalb nie den Posten ganz vorne an Oberdeck haben, wo die Kameradin gestanden hat, als sie ins Wasser fiel." Aber er wollte auch nicht in die Masten. "Ich habe Höhenangst, ich hab mir nach dem ersten Aufentern die Seele aus dem Leib gekotzt, lag mehrere Tage am Tropf und wurde dann als Laufbursche eingesetzt. Damit war ich zufrieden." Aber er habe Schikanen ertragen müssen, sei von manchen Soldaten der Stammbesatzung immer als "Frau Friese" oder als "Hausfrau" angesprochen worden.

Schikanen durch die Stammbesatzung

Gaede sagt, er habe einige Soldaten "nie im normalen Ton" mit ihm reden hören. "Ständig wurden wir angeschrien: 'Sie sind nicht hier, um das schöne Wetter zu genießen! Sie sind hier, um sechs Wochen zu überleben!'" Friese sagt, ihm sei öfter erklärt worden, er werde während der insgesamt zwei Monate an Bord - zwei Wochen Segelvorausbildung im Hafen, sechs Wochen Seefahrt - "kein einziges Mal an Land kommen, dafür kann ich sorgen, wenn ich will".

Die Offiziere hätten dem Treiben von Unteroffizieren und Mannschaftsdienstgraden zugesehen. Mitglieder der Stammbesatzung hätten den Offiziersanwärtern zum Beispiel Sitzplätze in der Kantine verweigert und gesagt: "Wir sind hier ständig, für uns ist das unser Wohnzimmer! Ihr dagegen seid nur ein paar Wochen hier, ihr könnt auch im Stehen essen!"

Als Gaede sich einmal gegen einen Unteroffizier wehrte, habe ihm ein Offizier gesagt, er solle sich nicht so anstellen, sondern lieber nachgeben, "sonst haben Sie kein gutes Leben an Bord". Als er sagte, man müsse doch mal Dinge offen diskutieren dürfen, habe der ihn angeschrien: "Wir sind hier, die Demokratie zu verteidigen, aber nicht, um sie zu leben!"

Wie viel Druck müssen Kadetten tolerieren auf einem Schulschiff, auf dem sie ihre körperlichen und psychischen Grenzen kennenlernen sollen? Geht es nicht darum, sich ein dickes Fell zuzulegen? Bekommen sie nicht von Anfang an zu hören: "Wir werden Sie an die Grenze Ihrer Leistungsfähigkeit bringen!"? Muss man nicht dem rauen Ton, dem Gebrüll standhalten können, wenn man sich für eine Karriere als Marineoffizier entscheidet? Und ab wann wird ein harter Umgangston zur inakzeptablen Schikane? Wann eine ruppige Bemerkung zur Bedrohung?

"Die Seefahrt ist und bleibt ein gefährliches Geschäft"

Kapitän zur See Norbert Schatz, am Freitag auf Anordnung von Verteidigungsminister Guttenberg wegen der Vorwürfe von seinem Posten als Kommandant der "Gorch Fock" enthoben, sagte nach dem Unfalltod der Kadettin im November, die motorischen Fähigkeiten des Nachwuchses hätten abgenommen. "Die Jugend sitzt nicht mehr im Kirschbaum, sondern eher vorm Computer. Und dies macht die Ausbildung auf einem Segelschiff mit 45 Meter hohen Masten für die meist 19-jährigen Offiziersanwärter von heute, die direkt nach dem Abitur zur Marine kommen, gefährlicher als früher." Das waren Sätze, für die er von den Kadetten heftig kritisiert wurde.

Schatz sagte damals auch, man müsse Offiziersanwärter künftig nach strengeren Kriterien einstellen. Im Mittelpunkt müsse die Sicherheit an Bord stehen. Absolute Sicherheit aber, betonte er, werde es nie geben. "Die Seefahrt ist und bleibt ein gefährliches Geschäft."

Schatz erklärte, die Arbeit und das Leben auf dem Dreimaster hätten sich seit seiner eigenen Zeit als Kadett vor 35 Jahren "merklich verändert": "Damals haben wir meist unsere Klappe gehalten und sind öfter mal zusammengestaucht worden. Natürlich ist das auch heute noch kein Diskutierclub. Aber die Kadetten müssen nicht mehr befürchten, wegen 'dummer' Fragen angeraunzt zu werden."

Nach Meinung von Friese hat das Leben an Bord des Schiffs aber die gesellschaftlichen Veränderungen "der vergangenen ein, zwei Jahrzehnte" verpasst: "Ich finde nicht, dass man jungen Männern und Frauen androhen kann, für ihre Entlassung zu sorgen oder sie gar über Bord zu werfen, nur weil man Widerworte wagt. Wenn jemand droht, mich über Bord zu werfen, ist das dann nur ein dummer Spruch oder die Androhung einer Gewalttat?" Das Argument, die "Gorch Fock" fördere den Zusammenhalt einer Crew, kann er nicht nachvollziehen: "Wie soll so etwas wie ein Crewgeist in einer Subkultur der Angst und der Unterdrückung entstehen? Ich finde, das sind unzumutbare Zustände."

Leutnant zur See Michael Ebers* hält dagegen. Er war vor vier Jahren als Kadett auf dem Dreimaster und findet die Kritik übertrieben. "Klar ist der Ton rau, es gibt viel Fäkalsprache, und die Arbeit ist bei etwa vier Stunden Schlaf pro Tag ziemlich hart. Aber das ist es doch, was wir lernen sollen: sich zu überwinden, das Ich zurückzustellen und das Wir in den Vordergrund zu rücken. Wir Offiziersanwärter haben uns in dieser sicher nicht einfachen Atmosphäre gegenseitig geholfen."

Die jetzigen Vorwürfe seien lächerlich, es sei auf keinen Fall so, dass alle Marineoffiziere die Zeit auf der "Gorch Fock" mit Schrecken in Erinnerung hätten. "Viele genießen auch dieses ganz besondere Abenteuer. Man darf nicht vergessen, dass an Bord der 'Gorch Fock' auch nur mit Wasser gekocht wird." Viele Kadetten seien sich offensichtlich nicht bewusst, dass sie sich für eine Laufbahn als Marineoffizier entschieden hätten. "Manche kommen nur wegen des Studiums, das ihnen die Bundeswehr bezahlt." Da sei es kein Wunder, dass sie den Anforderungen einer "Gorch Fock" nicht gewachsen seien.

Vielleicht müssen sie es künftig nicht mehr. Eine Kommission soll untersuchen, inwieweit eine Ausbildung von Marinesoldaten auf einem Segelschiff noch zeitgemäß ist. Bis eine Entscheidung gefallen ist, bleibt die "Gorch Fock" im Hafen.

* Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 783 Beiträge
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1. .
zulthak 23.01.2011
Mein Gott, was für Memmen. Drill und Schlafmangel gehören zum System und sollen aus den Soldaten eine Einheit machen, der gemeinsame Hass auf die Vorgesetzten verbindet. Wir können uns glücklich schätzen, vor einem Jahrhundert war der Drill noch schlimmer. Wenn die Jungs und Mädels mal unser Land verteidigen sollen siehts wohl düster aus.
2. ...
intenso1 23.01.2011
Zitat von sysopDie "Gorch Fock" wird vorerst stillgelegt, der Kommandant muss auf Befehl von Minister Guttenberg gehen. Die Ausbildung auf dem Schiff gilt als hart. Aber ist sie menschenunwürdig? Ehemalige*Kadetten melden sich zu Wort und berichten über "unzumutbare Zustände". Andere finden das Jammern "lächerlich". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740870,00.html
Sicherlich kann man unterschiedlicher Meinung sein aber die Gorch Fock ist kein Vergnügungsdampfer. Die Ausbildung auf einem Segelschiff dieser Größe ist natürlich hart. Das die Kadetten vielleicht andere Vorstellungen hatten liegt aber eher an der Kommission, die die jungen Leute über die Bedingungen nicht ausreichend unterrichtet haben. Die Entscheidung des Herrn Guttenberg ist voreilig und sicherlich auch falsch. Er wäre besser beraten gewesen, wenn er das Ergebnis der Untersuchung abgewartet hätte aber solche unüberlegten Schnellschüsse kennt man ja von den Herrn.
3. Die Jugend sitzt eher vorm Computer
Koltschak 23.01.2011
"Die Jugend sitzt nicht mehr im Kirschbaum, sondern eher vorm Computer. Und dies macht Ausbildung auf einem Segelschiff mit 45 Meter hohen Masten für die meist 19-jährigen Offiziersanwärter von heute, die direkt nach dem Abitur zur Marine kommen, gefährlicher als früher." Das waren Sätze, für die er von den Kadetten heftig kritisiert wurde." Und wie werden die Kadetten ausgesucht? Wie bei der Polizei? Die sportlichen Anforderungen für weibliche Aspiranten liegen weit niedriger als die für Männer. Die Anforderungen für Frauen würde ich auch mit weit über 50 noch ohne Probleme lösen können, inclusice 5000m - Lauf. ür einen alten Jogger kaum ein Problem! Es geht hierbei um den sportlichen Eignungstest. Es ist ein dummes Zeug für die gleiche Arbeit zweierlei Maß anzulegen. Dienst ist Dienst. So weit ich weiß, wird nur noch bei der Feuerwehr mit gleichem Maß bei der sportlichen Eignungsprüfung gemessen. Das Ergebnis ist dementsprechend: Kaum Frauen in der Feuerwehr (Berufsfeuerwehr!). Wahrscheinlich müsste die Auswahl wieder stärker die sportlichen Leistungen der Bewerber berücksichtigen, und dann nicht getrennt nach Frauen und Männer! Wer an Bord geht muss erst einmal sportlich topfit sein!
4. Das wird ja immer lächerlicher!
Loveboat 23.01.2011
Scheinbar beruht die Motivation der meisten OAs zur See nur auf dem bevorstehenden Studium. Man sollte sich vor Diensteintritt darüber im Klaren sein, warum man es macht und was man bereit ist dafür zu tun. Wenn man keinen Bock auf die Anforderungen an einen zukünftigen Offizier hat, sollte man freiwillig gehen und nicht seinen Arbeitgeber in den Dreck ziehen! Armes Deutschland! Andere Nationen lachen doch nur über dieses Kindergartenverhalten. Wer schon mal Kameraden aus anderen Streitkräften (Südkorea, Ägypten, England, USA, Niederlande, Frankreich oder Russland) kennengelernt hat, versteht dass das was gerade mit der Gorch Fock abgeht einfach nur lächerlich ist.
5. Prosecco bitte
5mark, 23.01.2011
Zitat von sysopDie "Gorch Fock" wird vorerst stillgelegt, der Kommandant muss auf Befehl von Minister Guttenberg gehen. Die Ausbildung auf dem Schiff gilt als hart. Aber ist sie menschenunwürdig? Ehemalige*Kadetten melden sich zu Wort und berichten über "unzumutbare Zustände". Andere finden das Jammern "lächerlich". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740870,00.html
"There is many a boy here today who looks on war as all glory, but, boys, it is all hell. You can bear this warning voice to generations yet to come. I look upon war with horror." -William T. Sherman- Wenn die Kadetten Kreuzfahrt wollen, sollen sie bei AIDA anheuern.
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