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"Gorch Fock"-Kapitän abberufen: Der Schnellschuss-Minister

Von und Simone Utler

Verteidigungsminister Guttenberg hat die "Gorch Fock"-Affäre zur Chefsache erklärt und den Kommandanten des Schulschiffes in kürzester Zeit geschasst. An Bord und bei der Bundeswehr sorgt die Entscheidung für Irritationen - auch die Opposition attackiert den Minister.

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DPA

Verteidigungsminister zu Guttenberg: Abberufung per Handy

Hamburg - Die Entscheidung fiel ziemlich spontan, vor allem aber sehr spät am Freitagabend. Persönlich und im Alleingang entschied Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), in der Affäre um das Schulsegelschiff "Gorch Fock" zu handeln. Kurz zuvor, es war so gegen acht Uhr abends, hatte ihn die "Bild"-Zeitung informiert, dass das Boulevardblatt in seiner Samstagsausgabe mit neuen Vorwürfen gegen die Schiffsführung aufmachen würde.

Danach fällte der Minister seinen Beschluss. Guttenberg rief den Vizechef der Marine an und diktierte ihm kurz, was zu tun sei.

Erstens sollte umgehend der Chef des Schulschiffes abberufen werden. Das Schiff selber will Guttenberg so schnell wie möglich zurück in Deutschland sehen. Statt eines weiteren Paradies-Trips in Südamerika steht nun die Heimreise nach Norddeutschland an. Ob die "Gorch Fock" danach überhaupt wieder in den Einsatz geht, ließ der Minister bewusst offen.

Die Szene erinnert an die Kunduz-Affäre. Wieder war es die "Bild"-Zeitung, die Guttenberg zum Handeln trieb. Was die Journalisten dem Minister schon verrieten, brachte das Fass zum Überlaufen. In dem Stück, das schließlich mit der Zeile "So starb 'Gorch Fock'-Matrosin wirklich" die Seite eins der Titelseite dominierte, äußert sich ein ehemaliger Schüler des Schiffs und prangert Druck bis hin zur Nötigung sowie den harten Umgang der Schiffsführung nach dem Todesfall im November 2010 an.

Guttenberg war alarmiert. Im Ministerium war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt, dass es vermutlich neben den "Bild"-Details und den bereits vom Wehrbeauftragten recherchierten Horror-Geschichten noch weitere Vorwürfe gegen die Stammbesatzung der "Gorch Fock" gibt, die in den nächsten Tagen an die Öffentlichkeit kommen könnten. Diese reichen von Alkoholmissbrauch über strafrechtlich relevante Handlungen bis zum Verdacht auf einen Selbstmord wegen der harschen Verhältnisse an Bord.

Alles in allem war dem Minister klar, dass sich die Affäre um das Paradeschiff zu einem Alptraum auswachsen könnte, wenn er nicht schnell handelt. Also mussten Köpfe rollen - wenn er selbst nicht über die Affäre stolpern wollte.

Die Reaktion ist ein typischer Guttenberg. Von unterwegs - der Minister war nach der Bundestagssitzung zum Thema Afghanistan-Mandat am Freitagnachmittag zu einem Termin nach Fulda geflogen - telefonierte er nicht lange im Haus herum, sondern rief per Handy gleich beim Chef der Marine an. Es dauerte keine Stunde, da war die Sache erledigt. Typisch Guttenberg dann auch, dass er den Rauswurf in der "Bild"-Zeitung verkündete, alles in Eigenregie.

Nach dem Tod soll Karnevalsfeier angeordnet worden sein

Am Samstag berichtet das Blatt nun wie angekündigt über die näheren Umstände von Sarah Lena Seeles Tod am 7. November 2010. Unter Berufung auf einen ungenannten angehenden Offizier heißt es, die 25 Jahre alte Kadettin sei dazu genötigt worden, in die Takelage zu klettern. "S. hatte vorher einem Offizier gesagt, dass sie nicht mehr kann. Er antwortete, die solle sich nicht so anstellen", zitierte das Blatt den Mann. Die junge Frau sei kurz danach aus 27 Metern Höhe auf das Deck des Schiffes gestürzt.

Dem Bericht zufolge soll kurz nach dem tödlichen Sturz auf dem Schiff Karneval gefeiert worden sein - ohne Rücksicht auf die Trauer um die umgekommene Soldatin. Die Umstände des Todes der Kadettin sollen von kommender Woche an von einer Kommission untersucht werden. Die Gorch Fock soll vorerst im Hafen bleiben - bis eine Entscheidung über die Zukunft gefallen ist.

Die Entscheidung gegen Kommandant Schatz irritiert nicht wenige - sowohl in der Politik als auch bei der Bundeswehr.

Den ganzen Freitag lang war Guttenberg den vielen Gerüchten über Vorkommnisse auf der "Gorch Fock" entgegengetreten, hatte sich gegen Spekulationen gewehrt und Ermittlungen eingefordert. Vorverurteilungen, sagte er immer wieder, dürfe es nicht geben. Hinter verschlossenen Türen im Verteidigungsausschuss führten seine Top-Militärs zudem aus, die von dem Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus vorgebrachten Vorwürfe seien auf sehr wenige Soldaten begrenzt. Die Geschichte sei zumindest in den Medien massiv übertrieben worden.

Schatz gilt als Bauernopfer

Im Militär sind viele enttäuscht, gerade von ihrem Lieblingsminister Guttenberg hatte man eine solch drastische Maßnahme nicht erwartet. In Marine-Kreisen heißt es, die Entscheidung sei nur gefallen, weil der mediale Druck zu hoch geworden sei. Der Kapitän, für seine harten Äußerungen über die Segelausbildung und die Anforderungen bekannt, werde als Bauernopfer entlassen, damit der Minister nicht ins Schlingern gerate. Das böse Wort vom Sündenbock geht um.

Auch auf dem Schiff, das derzeit vor Argentinien ankert und in der kommenden Woche nach Deutschland zurückkehren soll, soll die Stimmung schlecht sein. Die Besatzung ist enttäuscht, dass sie nun vorverurteilt ist - und das durch den eigenen Befehlshaber.

Auch von der Opposition wird die Turbo-Entlassung kritisiert. "Der Aufklärer Guttenberg wird das Thema nicht von sich weghalten können, auch wenn er weiter Untergebenen die Verantwortung zuschiebt", sagte Frank-Walter Steinmeier.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende spottete über die Glaubwürdigkeit des Verteidigungsministers: Am Vortag habe Guttenberg noch die Opposition beschimpft, weil sie Konsequenzen aus den Vorfällen bei der Bundeswehr gefordert hatte. Alles müsse gründlich aufgeklärt werden, bevor die Vorfälle beurteilt werden könnten, habe der Minister gesagt. "Einen Anruf von der 'Bild'-Zeitung und einen Tag später ist alles anders. Der Kapitän der "Gorch Fock" ist entlassen", so Steinmeiner. "Das lässt vermuten, da wird noch viel aufzuräumen sein."

Im SPIEGEL forderte Steinmeier Guttenberg dazu auf, etwaige Konsequenzen persönlich zu tragen. "Ich erwarte, dass der Minister jetzt nicht wieder Sündenböcke sucht", sagte Steinmeier. Guttenberg müsse "persönlich und unverzüglich" Stellung zu allen Vorwürfen nehmen. "Und ich erwarte, dass er dieses Mal Manns genug ist, seine eigenen Fehler dann auch als solche einzugestehen."

Auch der grüne Verteidigungspolitiker Omid Nouripour kritisierte Guttenberg. "Den ganzen Tag warf der Minister uns Vorverurteilung der Soldaten vor, nur weil wir Fragen gestellt haben", sagte Nouripour SPIEGEL ONLINE, "dann entlässt er den Kapitän wegen eines Zeitungsberichts." Der Minister müsse sich nun fragen, wer eigentlich infamer agiere - er oder seine politischen Gegner. Guttenberg hatte Vorwürfe, er habe Details zum Tod eines Soldaten in Afghanistan vertuschen wollen, am Freitag als infam bezeichnet

"Aus Fürsorgegründen für eine richtige Entscheidung"

Schon seit Freitagabend wird spekuliert, ob in der "Gorch Fock"-Affäre weitere Köpfe rollen werden. Das Bundesverteidigungsministerium wies Spekulationen über eine bevorstehende Ablösung von Marineinspekteur Axel Schimpf, der das höchste Marine-Amt seit April 2010 innehat, jedoch zurück. "Der Inspekteur der Marine ist mit der Aufklärung der Vorfälle betraut", sagte ein Ministeriumssprecher. Was passiert, wenn die Ergebnisse vorliegen, ist offen.

Rückendeckung für seinen Schnellschuss bekam Guttenberg vom Koalitionspartner. Die sicherheitspolitische Sprecherin der FDP, Elke Hoff, sprach von einer richtigen Entscheidung: Der Minister habe mit der Absetzung des Kapitäns eine Diskussion beendet, "die zu eskalieren drohte". Auch der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hält die Absetzung von Kommandant Schatz "schon allein aus Fürsorgegründen für eine richtige Entscheidung".

Ob auf dem einstigen Vorzeigesegler je wieder ausgebildet wird, ist mehr als offen. Zu sehr ist die "Gorch Fock" ein negatives Symbol geworden. Gleichwohl wird sich der Minister zumindest die Frage anhören müssen, ob er nicht mit einer übereilt wirkenden Personalentscheidung versucht, von sich selbst und den Fragen an ihn abzulenken. Denn so drastisch die Details aus der "Bild"-Zeitung auch sind - ein von den Medien getriebener Minister sieht nicht unbedingt souverän aus.

Die Opposition hingegen wird sich auf eine andere Frage einschießen. Denn so überrascht wie sich Guttenberg vergangene Woche über die Zustände auf der "Gorch Fock" zeigte, kann sein Haus nicht sein. Bereits im Dezember, kurz nach dem Abbruch der Ausbildung, fragte SPD-Obmann Rainer Arnold im Verteidigungsausschuss nach, da er Gerüchte über einen Aufstand an Bord gehört hatte. Antworten gab es damals nicht, der Marine-Inspekteur sprach lediglich von "emotionalen Spannungen".

Statt der Sache nachzugehen, wartete man im Ministerium, bis der Wehrbeauftragte Königshaus die Bombe platzen ließ - ein weiterer Kratzer am Image Guttenbergs als stringenter Aufklärer.

mit Material von dpa/AFP/Reuters

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1. ?
henningr 22.01.2011
Zitat von sysopVerteidigungsminister Guttenberg hat die "Gorch Fock"-Affäre zur Chefsache erklärt und den Kommandanten des Schulschiffes in kürzester Zeit geschasst. An Bord und*bei der Bundeswehr sorgt die Entscheidung für Irritationen - auch die Opposition attackiert den Minister. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741056,00.html
Tags zuvor sagt Gutti "keine Vorverurteilungen" und urteilt keine 24 Stunden später. Gehts noch?
2. Richtige und klare Ansage
Edgard 22.01.2011
Watt denn nun - geschasst, Entlassen oder von seinem Kommando abberufen? Die SPIEGEL-Redakteure nehmen es hier wohl nicht so genau. Der Lage zufolge wurde der Kapitain der Gorch Fock seines Kommandos enthoben - das ihm nur verliehen war. Und das ist absolut folgerichtig - denn es geht hier um schwerwiegende Vorwürfe im Bezug auf die Innere Führung. Dies würde genauso einem Kompaniechef gehen; ein Pilot würde in einem ähnlich gelagerten Fall Flugverbot erhalten. Die Vorwürfe, nicht die ersten in einer ausbildungseinheit der bundeswehr müssen schnell und gründlich aufgeklärt werden. Und das ist wohl nur schwer möglich wenn der Verantwortliche weiterhin das Kommando führt. Aber das ist auch symptmatisch für unsere Politik: Hätte der Minister gewartet wäre ihm mangelnde Entschlußfähigkeit nachgesagt worden - nun sind es "Schnellschüsse" - nachdem die Affaire sich bereits seit Tagen abzeichnete. Wen wunderts daß wir unter diesen bedingungen fast nur noch wendige Karrieristen als "Entscheidungsträger" (dieses Wort vekommt bald zur Karrikatur) haben? Zu Guttenberg ist eine der wenigen Ausnahmen. Als ehemaliger Soldat kann ich dieser Entscheidung nur beipflichten und im Sinne der Kameraden hoffen daß die unter-den-Teppich-kehrenden Karriereoffiziere den Gegenwind spüren.
3. Bildzeitung als Entscheidungsträgerin
team_gleichklang_de 22.01.2011
Der Minister "schießt" schnell, wenn es nicht seinen "Kopf" betrifft oder wenn er diesen retten möchte. Stirbt eine Soldatin, wartet er gerne Monate, droht Bildberichterstattung, handelt er sofort.
4. Schade...
Otto51 22.01.2011
Guttenberg, den ich an sich sehr schätze und der eigentlich der deutschen Politik gut tun könnte, zeigt sich ein bißchen sehr als unüberlegter Hitzkopf. Durch solch schnelle Entscheidungen, wie auch im Fall Kundus, verunsichert er mit Sicherheit wesentliche Bundeswehr-Entscheidungsträger. Was können die eigentlich noch richtig machen? Damit leidet auch die Qualität der Armee... Nachdenken wäre angesagt.
5. Guttenberg ist der Linken auf den Leim gegangen!
muffpotter 22.01.2011
So geht es, wenn man sich von der linken Meute treiben lässt, anstatt dagegen ganz klar Stellung zu beziehen. Hier wurden Mücken zu Elefanten gemacht. Wer dann nicht in der Lage ist dies angemessen zu handeln hat schon verloren, weil er dann mit Sicherheit etwas fasch macht, so wie jetzt Guttenberg indem er den Kapitän der Fock abberuft. Einem FJS wäre so etwas nicht passiert!
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Die "Gorch Fock"
Das Schiff
Das legendäre Segelschulschiff "Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel. Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Die Besatzung
Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der "Gorch Fock" ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.
Die Ausbildung
Offizier- und Unteroffizieranwärter erhalten dort ihre praktische und theoretische Ausbildung für spätere Aufgaben in der Flotte. Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das "grundlegende seemännische Handwerk" erlernen. "Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft." Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew "sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt", heißt es auf der Marine-Homepage.

Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
Die Todesfälle
Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Todesfällen. Seit 2008 verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.
Der Kommandant
Seit 2006 hatte Kapitän Norbert Schatz, 53, das Kommando über die "Gorch Fock" - im Zusammenhang mit dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah wurde er Ende Januar 2011 von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abgesetzt. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff. Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord.


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