Kostenexplosion bei Segelschulschiff Vorstand der "Gorch Fock"-Werft weist Vorwürfe zurück

Ein beurlaubter Werft-Vorstand hat in einem Interview der "Welt" die Kostensteigerung bei der "Gorch Fock"-Sanierung verteidigt - und Verteidigungsministerin von der Leyen scharf kritisiert.

"Gorch Fock" im Dock der Elsflether Werft
DPA

"Gorch Fock" im Dock der Elsflether Werft


"Wir konnten keine Schraube in dieses Schiff drehen, ohne dass das irgendjemand vorher genehmigt hat": Marcus R., langjähriger Vorstand der Elsflether Werft, hat sich in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" gegen die Kritik im Zusammenhang mit der Kostenexplosion bei der Instandsetzung der "Gorch Fock" gewehrt.

"Die Entscheidung über Kostensteigerungen hat zu keinem Zeitpunkt mit der Werft zu tun. Das liegt nicht in unserer Macht. Wir haben nur auf Anfragen des Marinearsenals und des BAAINBw (Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, d. Red.) reagiert", sagte er der Zeitung. "Teilweise mussten wir auf Anweisung sogar Arbeiten rückgängig machen - obwohl wir vorher gesagt haben, dass wir das nicht für sinnvoll halten. Und es wäre auch vermeidbar gewesen."

Auf dem Schiff, das 1958 vom Stapel gelaufen war, wurde jahrzehntelang der Offiziersnachwuchs der Marine ausgebildet. Die jahrelange Reparatur des Dreimasters soll statt ursprünglich veranschlagter 10 Millionen inzwischen 135 Millionen Euro kosten. Auch der Bundesrechnungshof hatte bereits das Verteidigungsministerium für die Kostensteigerung auf dem Segelschulschiff verantwortlich gemacht.

Was wusste die Ministerin?

Dass Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zwischenzeitlich falsche oder nicht aussagekräftige Informationen zu einzelnen Sanierungsabschnitten erhalten haben soll, bezweifelt R. seinen Aussagen gegenüber der "Welt" zufolge: "Frau von der Leyen war unserer Vermutung nach immer unterrichtet über die Prozesse, allein weil dieses Schiff ein sehr politisches Schiff ist. Ich weiß nicht, welche Informationen da falsch gewesen sein sollen. Man versucht vielleicht, sich da hinter bestimmten Schlagworten zu verstecken."

Den Plan des Ministeriums, die "Weiße Lady" genannte "Gorch Fock" bis April wieder schwimmfähig zu machen, hält R. für falsch: "Diese Entscheidung ist politisch motiviert, Sinn macht sie im Blick auf die Sanierung nicht. Da frage ich mich: Ist es überhaupt ein ernsthaftes Interesse, das Schiff fertig zu bekommen? Diese Maßnahme wird die Sanierung - ohne weitere Kosten auszulösen - jedenfalls weiter verzögern."

Neben der Kostenexplosion sorgt ein Korruptionsverdacht für Aufregung. So hatte die Elsflether Werft insgesamt 800.000 Euro an einen technischen Preisprüfer des Marinearsenals Wilhelmshaven als Darlehen überwiesen. Der Verdacht: Damit wollte sich die Werft Vorteile bei der Auftragsvergabe verschaffen. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Bestechlichkeit gegen drei Beschuldigte ein.

Die "Gorch Fock" 2014 im Kieler Hafen
DPA

Die "Gorch Fock" 2014 im Kieler Hafen

Marcus R. bestreitet die Vorwürfe. Laut "Welt" gehört er - anders als ein bisheriger Vorstandskollege - auch nicht zu den Beschuldigten. R. sagte in dem Zeitungsinterview: "Ich war daran nicht beteiligt. Der Beamte sollte zwei Darlehen für ein Immobilienprojekt erhalten, die Darlehen hätten zurückgezahlt werden müssen. Ich kenne den Mann nicht, ich habe ihn nie bewusst gesehen. Ich hätte eine solches Darlehen an einen Mitarbeiter des Auftraggebers auch nicht zugelassen."

Gegen Marcus R. ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg. Hintergrund sollen Untreue-Vorwürfe sein. In der vergangenen Woche ist R. deswegen als Vorstand der Sky-Stiftung abgesetzt worden, in deren Besitz sich die Werft befindet. Der eingesetzte Notvorstand der Stiftung beurlaubte R. laut "Welt" daraufhin auch als Werftvorstand. Zu den Vorwürfen sagte R. der Zeitung: "Natürlich sind Gelder von der Werft in mein Privatvermögen geflossen, nämlich mein monatliches Gehalt. Teilweise auch Boni, wenn wir besonderen geschäftlichen Erfolg hatten. Aber illegal war da gar nichts."

apr

insgesamt 56 Beiträge
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rennflosse 06.02.2019
1. Jammervoll
Da bekommt die Bezeichnung "Windjammer" eine ganz neue Bedeutung.
isi-dor 06.02.2019
2.
Mann muss es auch mal schreiben dürfen: Wrackt das Ding ab, es ist völliger Unfug, sich in diesen Zeiten solche Spielzeuge zu leisten. Die Segelära in den Armeen der Welt ist vorbei!
Fertii 06.02.2019
3.
Genau genommen zeigt das Bild nicht die Elsflether Werft, sondern die Bredo Werft in Bremerhaven.
LJA 06.02.2019
4. Tja,
"... Ich hätte eine solches Darlehen an einen Mitarbeiter des Auftraggebers auch nicht zugelassen." aber irgendwer in der Firma hat es offenbar zugelassen. Mit dieser Aussage versucht der Mann, sich selbst von der Sache zu distanzieren. Aber geklärt ist dadurch noch nichts.
Leser161 06.02.2019
5. Parteiisch, aber
Natürlich sind diese Aussagen parteiisch. Aber da die Bundeswehr ca. 15 Jahre ein Sturmgewehr benutzt hat und dann unter Frau von der Leyen aufgefallen ist, dass es sich nicht als Maschinengewehr eignet und man versucht hat das Heckler&Koch in die zu Schuhe zu schieben, da fragt man sich doch ob da nicht eine Menge Wahres dran ist. Und selbst wenn nicht, es bleibt die Aufgabe des Auftraggebers seinen Auftraggnehmer unter Kontrolle zu halten und ggf. den Auftrag zu stornieren falls Kosten unabgesprochen explodieren. Vor allem dann wenn es sich um eine hohe staatliche Stelle handelt. Das Ministerium tut ja so als wäre es ein kleiner Bürger der nichts gegen die übermächtige Werft tuen konnte.
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