"Gorch Fock"-Tragödie: Offizier verhöhnt Eltern von toter Marine-Kadettin

Ein Marineoffizier hat die Eltern der verstorbenen Jenny B. in einem Zeitungsbeitrag höhnisch attackiert. Diese würden sich "Hirngespinsten betreffs des Todes ihrer Tochter" hingeben. Die junge Frau war 2008 von der "Gorch Fock" gestürzt und ertrunken. Gegen den Soldaten wird strafrechtlich ermittelt.

Sarg der verstorbenen Kadettin (im September 2008): Hohn und Spott im Internet Zur Großansicht
dapd

Sarg der verstorbenen Kadettin (im September 2008): Hohn und Spott im Internet

Flensburg - Auch vier Jahre nach dem ungeklärten Tod ihrer Tochter ist die "Gorch Fock"-Affäre für die Eltern von Jenny B. noch nicht ausgestanden. Nun hat ein Kapitänleutnant der Marine die 2008 ertrunkene Kadettin und deren Familie auf der Internetseite des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags verhöhnt.

Gegen den Mann wird nach Marineangaben sowohl dienst- als auch strafrechtlich ermittelt. Die Eltern der auf ungeklärte Weise ums Leben gekommenen Frau wollen sich nun an Marineinspekteur Axel Schimpf wenden.

"Da sind sie wieder, die B.s: Mit einem Sammelsurium absurder Hirngespinste betreffs des Todes ihrer Tochter vergeuden sie seit mehreren Jahren das Geld anständiger Steuerzahler", schrieb der Soldat in einem Kommentar. Die Eltern leugneten, "dass ihre Tochter schlicht und ergreifend in Darwin-Award-fähiger Weise von der Back der 'Gorch Fock' gestürzt ist." Der sogenannte Darwin Award wird jedes Jahr an Menschen "verliehen", die durch eigene Dummheit getötet oder verletzt werden.

Ein Marinesprecher bestätigte am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd, dass es sich bei dem Mann um einen Kapitänleutnant handelt. Gegen ihn werde ermittelt. Seine Äußerungen spiegelten nicht die Meinung der Marine wider.

Die Eltern der toten Kadettin zeigten sich von der Attacke überrascht. "Ich war fassungslos", sagte Mutter Marlis B. dem "Flensburger Tageblatt". Vater Uwe B. fügte hinzu: "Solche Äußerungen bestätigen mir, welche Haltung innerhalb der Marine herrscht." Auch in Marine-Foren sei der Ton scharf geworden. "Jenny hat ihr Leben verloren. Mehr kann man im Dienst nicht geben. Und wir haben gute Gründe, weiter Fragen zu stellen", sagte Marlis B.

Todesumstände weiter ungeklärt

Die Mutter der Kadettin wirft der Kieler Staatsanwaltschaft Rechtsbeugung vor. Sie zeigte sich "überzeugt, dass bei den Ermittlungen in Schleswig-Holstein gemauert wird". Es sei schlampig ermittelt worden. Offenbar habe die Ermittlungsbehörde kein Interesse daran, die aufgeworfenen Widersprüche um den Tod ihrer Tochter aufzuklären.

Die damals 18-jährige Soldatin Jenny B. war in der Nacht zum 4. September 2008 unter ungeklärten Umständen vor der Insel Norderney von Bord des Marine-Segelschulschiffs "Gorch Fock" in die Nordsee gefallen und gestorben.

In der vergangenen Woche hatte der Anwalt der Familie eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gegen die Ablehnung des Klageerzwingungsverfahrens vor dem Oberlandesgericht (OLG) Schleswig eingereicht. Dieses hatte es abgelehnt, erneut strafrechtliche Ermittlungen gegen den Kommandanten und den Schiffsarzt einzuleiten. Die Verfassungsrichter sollen entscheiden, ob das Urteil gegen im Grundgesetz verankerte Rechte verstößt.

Reihe von Affären rund um die "Gorch Fock"

Die "Gorch Fock" war in den vergangenen Jahren immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Nach dem Tod einer weiteren Kadettin am 7. November 2010 wurde die Offiziersausbildung ausgesetzt und das Schiff 2011 an die Kette gelegt. Damals wurden Vorwürfe über unmenschliche Ausbildungsmethoden und sexuelle Belästigung laut.

Im Zuge des Skandals wurde der damalige Kommandant Norbert Schatz von seinem Posten beurlaubt. Bei der folgenden Untersuchung wurden durch den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Hellmut Königshaus, "Führungsdefizite und Sicherheitslücken" festgestellt.

Derzeit liegt die "Gorch Fock" zu umfangreichen Instandsetzungsarbeiten auf einer Werft im niedersächsischen Elsfleth. Sie soll nach Marineangaben noch in diesem Jahr wieder in See stechen und ab Anfang 2013 auch wieder Offizieranwärter an Bord nehmen, die dann nach einem neuen Konzept ausgebildet werden.

jok/dapd

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