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"Gorck Fock": Wehrbeauftragter geht von noch mehr Verfehlungen aus

Warum setzte Karl-Theodor zu Guttenberg den Kommandanten der "Gorch Fock" so schnell ab? Weil der Minister mehr über Misstände an Bord weiß, als bislang bekannt? Das jedenfalls vermutet der Wehrbeauftragte Königshaus. Er kritisiert außerdem, dass die Schiffsführung nicht längst befragt wurde.

Wehrbeauftragter Königshaus: "Guttenberg hat Arbeit vor sich" Zur Großansicht
picture alliance / dpa

Wehrbeauftragter Königshaus: "Guttenberg hat Arbeit vor sich"

Berlin - Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus geht nach eigenen Worten von weiteren Hinweisen auf mutmaßliche Missstände auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" aus. Er könne nur vermuten, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) "zusätzliche, neue Informationen" bekommen habe, die der Wehrbeauftragte aber auch nicht kenne. Anders könne er sich nicht erklären, warum Guttenberg den Kommandanten der "Gorch Fock" abberufen habe, bevor es ein Untersuchungsergebnis gibt.

Es stelle sich die Frage, warum weder Kommandant noch Schiffsführung zum Tod einer Kadettin Anfang November befragt worden seien. Dies hätte schon längst stattfinden können und wohl auch müssen, sagte Königshaus am Sonntagabend im ZDF.

Zuvor hatte Guttenberg erste Konsequenzen aus dem tödlichen Sturz der Offiziersanwärterin aus der Takelage des Schiffes und Berichten über Schikanen bei der Ausbildung gezogen. Der CSU-Politiker beorderte das Segelschulschiff aus dem Südatlantik nach Deutschland zurück und setzte die Ausbildung des Offiziersnachwuchses aus. Doch nach den Enthüllungen über die Schikanen auf dem Schiff gerät der Minister immer mehr in Bedrängnis: Es schalteten sich jetzt auch die Eltern einer Kadettin ein, die bereits im Jahr 2008 über Bord gefallenen und ertrunkenen war. Der Minister solle den Fall neu aufrollen.

Im Fall eines Mitte Dezember in Afghanistan versehentlich getöteten Bundeswehrsoldaten ordnete Guttenberg eine Untersuchung der gesamten Bundeswehr auf Fehlverhalten an.

Der Wehrbeauftragte Königshaus sagte, es gebe viele Fälle, in denen sich Soldaten insbesondere in der Grundausbildung darüber beklagten, unangemessen gefordert worden zu sein. "Das sind natürlich Fragen, denen wir nachgehen müssen: Ist das individuelles Fehlverhalten, oder gibt es ein strukturelles Problem?", sagte er.

Forderungen nach Aufklärung der Fälle kamen auch vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier. Er forderte aber nicht, dass Guttenberg zurücktritt. Wenn die Verantwortung des Verteidigungsministers geklärt sei, werde über ihn zu reden sein, sagte Steinmeier in der ARD. Im Augenblick sei nicht die Stunde, um über Rücktrittsforderungen zu sprechen.

Der Vorsitzende der Unionsfraktion, Volker Kauder, verteidigte Guttenberg: "Ich kann da gar nicht erkennen, dass da irgendein Problem ist", sagte Kauder in der ARD. Guttenberg habe schnell gehandelt. Die Bundeswehr kläre jetzt die Vorfälle auf.

otr/Reuters/dpa

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Befremdlich
Dunedin, 23.01.2011
Ich habe jetzt nicht mehr mitgezählt. Ist das der sechste Aufmacher zur Gorch Fock Affaire mittlerweile ? Was hat das hier zu bedeuten, worauf will der SPON hier hinaus ? Was läuft hier ? Ist das so eine Art Informationswettkampf mt der BILD Zeitung ? Es wäre nett wenn sich dfer Sysoip dazu äußern würde ! Vielen Dank
2. "Drill"?
werauchimmer 23.01.2011
Mittlerweile verdichten sich die Hinweise, dass auf der GF gezielt Schlafmangel und sogar das klischeehafte "mit der Zahnbürste das Deck/Klo schrubben" zur Demütigung eingesetzt wurden. Wenn das stimmt, gehören die Verantwortlichen unehrenhaft entlassen und das Schiff verschrottet.
3. Königshaus
Liberalitärer, 23.01.2011
Zitat von sysopWarum setzte Karl-Theodor zu Guttenberg den Kommandanten der "Gorch Fock" so schnell ab? Weil der Minister mehr über Misstände an Bord weiß, als bislang bekannt? Das jedenfalls vermutet der Wehrbeauftragte Königshaus. Er kritisiert außerdem, dass die Schiffsführung nicht längst befragt wurde. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741146,00.html
Jetzt wird es Ernst. Falls der WB nicht informiert wurde, dann hat die BW ein nicht zu kleines Problem. Man wird das Gefühl nicht los - da laufen Sachen schief im Staate Dänemark. Es muss durchgegriffen werden - mit harter Hand. Konsequent und schnell muss jedes Eigenleben einer Truppe, die gegen die verfassungsmäßige Ordnung stehen könnte oder kann unterbunden werden. Wehrhafte Demokratie, bitte.
4. Politisch korrekte Armee
funatiker 23.01.2011
Ich denke in jedem Truppenteil werden wir Zustände finden, die nicht politisch korrekt sind. Dass Sauforgien zur Bundeswehr gehören, weiß jeder der bei der Truppe war, wobei ich hier die Vermutung habe, daß sich dies in den letzten Jahren eher gebessert hat. Im Kampfeinsatz, oder bei Notsituationen ist es fraglich, ob man eine politisch korrekte Armee haben will, oder eine Zuverlässige. Ein Komandeur soll meiner Meinung nach im Einsatz auch mal schreien dürfen" Beweg Deinen A.... sofort hierher" ohne sich dann Gedanken machen zu müssen, ob das jetzt evtl. frauenfeindlich/menschenverachtend/sexistisch war. Solche Gedanken kosten Zeit, und das kann tödlich sein
5. .
Rubeanus 23.01.2011
Wie um alles in der Welt kann es angehen, dass die Schiffsführung zu einem Todesfall(!) nicht befragt wurde? Mittlerweile wurde bekannt, dass sich Kapitän Schatz zum Zeitpunkt des Unfalls nicht an Bord aufhielt, das behauptete er jedenfalls in einem Telefonat mit der Mutter der getöteten Kadettin. Übrigens wurde zwischenzeitlich auch der erste Offizier der Gorch Fock abgelöst, offiziell aus "familiären Gründen".
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Fotostrecke
Schulschiff "Gorch Fock": Riskante Ausbildung
Die "Gorch Fock"
Das Schiff
Das legendäre Segelschulschiff "Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel. Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Die Besatzung
Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der "Gorch Fock" ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.
Die Ausbildung
Offizier- und Unteroffizieranwärter erhalten dort ihre praktische und theoretische Ausbildung für spätere Aufgaben in der Flotte. Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das "grundlegende seemännische Handwerk" erlernen. "Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft." Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew "sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt", heißt es auf der Marine-Homepage.

Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
Die Todesfälle
Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Todesfällen. Seit 2008 verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.
Der Kommandant
Seit 2006 hatte Kapitän Norbert Schatz, 53, das Kommando über die "Gorch Fock" - im Zusammenhang mit dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah wurde er Ende Januar 2011 von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abgesetzt. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff. Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord.


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