Gräueltaten im Kongo Wie die Drahtzieher der Massaker in Deutschland Zuflucht fanden

Kaum irgendwo auf der Welt wird so hemmungslos gemordet, massakriert, vergewaltigt und entführt wie im Osten des Kongo. Verantwortlich dafür ist die Hutu-Miliz FDLR, deren Drahtzieher seit Jahren unbehelligt in Deutschland leben. Nun haben die Behörden reagiert - reichlich spät.

Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Murwanashyaka: Massaker vom Telefon aus befehligt?
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Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Murwanashyaka: Massaker vom Telefon aus befehligt?

Von , Nairobi


Nairobi - Lange lief das Leben für Ignace Murwanashyaka in Deutschland denkbar glatt. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher wohnte unbehelligt in Mannheim. Gleichzeitig soll er über Jahre hinweg von dort aus als Rädelsführer Gräueltaten im Kongo befohlen haben. Am Dienstag war es vorbei mit dem ruhigen Leben des Ignace Murwanashyaka. Ermittler des Bundeskriminalamts nahmen den 46-Jährigen fest.

Laut Bundesanwaltschaft ist Murwanashyaka seit 2001 Präsident der "Forces Démocratiques de Libération du Rwanda" (FDLR), einer paramilitärischen Organisation, die am Bürgerkrieg in den an Ruanda angrenzenden Landesteilen der Demokratischen Republik Kongo maßgeblich beteiligt ist. Murwanashyaka ist den Angaben der Ermittler zufolge zudem Oberkommandierender der bewaffneten Truppen der FDLR.

Neben Murwanashyaka wurde auch dessen Stellvertreter, der 48-jährige Straton M., festgenommen. Die Beamten fassten ihn im Großraum Stuttgart. Der Mann lebt in der Nähe von Nürtingen und soll Murwanashyaka in militärischen Angelegenheiten vertreten und beraten haben.

Der Vorwurf gegen beide Männer: Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Milizionäre der FDLR haben laut Bundesanwaltschaft von Januar 2008 bis Juli 2009 mehrere hundert Zivilisten getötet und unzählige Frauen vergewaltigt. Dörfer wurden geplündert und niedergebrannt, die Bewohner vertrieben und Kinder als Soldaten zwangsrekrutiert. Drahtzieher sind demnach Ignace Murwanashyaka und sein Vize Straton M.

Die FDLR hat eine blutige Geschichte. Die Organisation ist ein Sammelbecken verschiedener Hutu-Milizen, die sich nach dem Völkermord 1994 in Ruanda auf kongolesisches Gebiet flüchteten. Sie benannten sich mehrfach um, bis im Jahr 2000 schließlich die FDLR entstand.

Das dürre Juristen-Vokabular der Bundesanwaltschaft beschreibt nur unzureichend einen seit Jahren anhaltenden Kriegszustand im Ost-Kongo, der an Grausamkeit jede Phantasie übersteigt. Und die FDLR, davon kann sich jeder vor Ort ein Bild machen, gehört zu den maßgeblichen Verursachern der Gräuel. Allein im vergangenen Jahr sind Hunderttausende Menschen geflohen, kaum irgendwo auf der Welt wird so hemmungslos gemordet, massakriert, vergewaltigt und entführt wie rund um den Kivu-See.

Millionen von Menschen sind seit 1994 im Kongo ums Leben gekommen, der größte Teil im Osten des Landes, und die FDLR gehört zu den Hauptverantwortlichen der Grausamkeiten. Die Uno-Mission im Kongo, Monuc, die es nicht schafft, die Bevölkerung in der Region zu schützen, fing im vergangenen März einen FDLR-Funkspruch ab, in dem es als Ziel ausdrücklich hieß: "die Bevölkerung angreifen, um eine humanitäre Katastrophe zu verursachen".

Tödliche Kommandos aus einem Mannheimer Mehrfamilienhaus

Ignace Murwanashyaka, der am Genozid in Ruanda nicht beteiligt war, hatte bei der Gründung der FDLR im Jahr 2000 zunächst den unscheinbaren Posten eines Vertreters für internationale Beziehungen inne, bevor er sich Ende 2001 zum Präsidenten aufschwang. Er war 1989 mit einem Stipendium nach Deutschland gekommen, studierte in Bonn Wirtschaftswissenschaften, wo er 1998 auch promovierte. Er heiratete eine Deutsche, zog nach Mannheim und erteilte dort aus einem schlichten Mehrfamilienhaus seine Kommandos. Befragungen von übergelaufenen FDLR-Rebellen im Kongo und in Ruanda ergaben seit langem eindeutige Hinweise, dass die zwei wichtigsten Anführer der Gruppierung die Strippen von Deutschland aus ziehen: Ignace Murwanashyaka von Mannheim aus und sein Stellvertreter Straton M. aus Nürtingen.

Präsident Ignace Murwanashyaka reiste seit 2001 immer wieder von Mannheim aus in den Kongo, um seine Einheiten bei Laune zu halten, Befehle zu erteilen und seine Truppe zu strukturieren. Im Jahr 2000 hatte Murwanashyaka in Deutschland Asyl als angeblich politisch Verfolgter beantragt, dem damals vom Bundesamt auch schnell stattgegeben wurde.

Einen ganz engen Draht soll er auch zu FDLR-Militärchef Sylvestre Mudacumura unterhalten haben, der - damals noch im Dienst der ruandischen Armee - Anfang der neunziger Jahre an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg ausgebildet worden sein soll. Noch vor einem Jahr machte Ignace Murwanashyaka, obwohl damals schon unter intensiver Beobachtung deutscher Behörden, aus seinen engen Beziehungen in den Kongo keinen Hehl: "Ich weiß ganz genau was passiert", posaunte er in die Kamera des MDR-Magazins "Fakt". Danach wurde er vorsichtiger, denn die Ermittlungen und Auflagen gegen ihn verdichteten sich.

Der lange Weg zum Haftbefehl

2008 schickte die ruandische Regierung in Kigali einen Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen samt Auslieferungsantrag. Den lehnte das Oberlandesgericht Karlsruhe noch ab. Im vergangenen März dann verurteilte das Amtsgericht Mannheim Murwanashyaka auf Bewährung, weil er mit seinen regelmäßigen Ausflügen in den Kongo vielfach gegen die auferlegten Aufenthaltsbedingungen verstoßen hatte.

Im Mai kam Ruandas Generalstaatsanwalt persönlich nach Bonn, um der deutschen Bundesanwaltschaft seine Beweise für Murwanashyakas mutmaßliche Verbrechen vorzulegen. Die Bundesanwaltschaft hatte bereits 2006 ein Ermittlungsverfahren gegen Murwanashyaka wegen des "Anfangsverdachts wegen Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Demokratischen Republik Kongo" eingeleitet, das Verfahren aber nie mit besonderem Eifer betrieben. Auch nach dem Besuch des Chefanklägers aus Kigali brauchten die deutschen Ermittler noch einmal ein halbes Jahr, um jetzt einen Haftbefehl zu erlassen. Dabei hatten deutsche und internationale Menschenrechtsgruppen wie etwa die Gesellschaft für bedrohte Völker oder Human Rights Watch seit Jahren belastendes Material gegen die mutmaßlichen Strippenzieher des Massenmordens gesammelt.

Zuletzt nahm der Druck auf die deutschen Behörden weiter zu: Kürzlich hatten sich auch die Vereinten Nationen verwundert gezeigt, wie unbehelligt Murwanashyaka von Mannheim aus seine Banden im Kongo dirigieren konnte. Nun endlich haben die Karlsruher Ermittler reagiert: Ein Jahr lang, heißt es in der Mitteilung der Bundesanwaltschaft, hätten die Fahnder den Fall von Ignace Murwanashyaka und Straton M. "mit großem Aufwand" untersucht, bis genügend Beweise gefunden waren, um den "dringenden Tatverdacht zu bejahen". Die beiden sitzen nun in Untersuchungshaft.



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