Gysis Rückzug Er musste sein

Gregor Gysi gehört zum politisch Besten, was dem Land nach der Wende zugemutet werden musste. Nun hat er seinen Rückzug vom Amt des Linken-Fraktionschefs angekündigt. Hut ab!

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Gregor Gysi hat viele gute Reden gehalten. Seine Abschiedsrede in Bielefeld gehört zu den sehr guten, er kombinierte Kritik und Selbstkritik: politisch, persönlich, analytisch und emotional. Gysis politischer Weg nach der Wende kannte nur Extreme, die er nun in die Worte "Hass" und "Liebe" kleidete. Bespuckt, gehasst und ausgegrenzt wurde er genauso wie bewundert, überhöht und überfordert. Für seine Abschiedsrede als Fraktionsvorsitzender wird ihm Respekt von allen Seiten bleiben.

Gysi macht ab Herbst Platz an der Fraktionsspitze der Linken und erlöst damit seine Partei. Er macht Schluss und fordert einen neuen Anfang: Nehmt eure Verantwortung endlich an als linke Opposition. Chapeau, kleiner Mann: ganz groß.

Er wird nicht fehlen, weil er nicht wirklich geht. Gysi bleibt Abgeordneter und lässt auch offen, ob er noch mal für den Bundestag kandidiert - auch wenn er in Bielefeld versicherte, das Amt eines Bundesministers interessiere ihn nicht im Geringsten. Zurückgekommen ist er schon häufiger.

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Fraktionschef Gregor Gysi: Nach zehn Jahren ist Schluss
Aber Gysi wird sich sehr genau anschauen, was bis dahin passiert. Ob das zu erwartende Führungsduo aus Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch es schafft, diese immer noch seltsame Partei und Fraktion so zu führen, dass sie ihre Stammklientel nicht verprellen und dennoch politikfähig werden. Identität wahren, aber kompromissfähig in der Sache bleiben - so lautet Gysis Botschaft. Er macht einen Schritt zurück, damit seine Linken endlich zwei vorwärts gehen.

Es ist an der Zeit. Diese Partei, so kompliziert und auch oft verlogen sie daherkommt, ist unverzichtbar. Sie ist ein zwar selbstgerechtes, aber nötiges Korrektiv: Nicht weil sie so kluge Antworten hätte, aber weil sie noch Fragen stellt, die andere gar nicht mal mehr denken, geschweige denn aussprechen. Es gehört zur Schizophrenie dieser Partei, vor allem in ihrem Ostteil, dass sie immer nach Anerkennung eines (politischen)Systems hechelten, das sie in Wahrheit verachteten.

Es gehört zu den unterbewerteten und missachteten großen Verdiensten der ehemaligen PDS, Teile der DDR-Eliten in das politische System der Bundesrepublik integriert zu haben. Und man darf auch behaupten, dass das Problem des Rechtsextremismus ohne die PDS noch größer gewesen wäre. Als neue Linke im Verbund mit der SPD-Abspaltung WASG haben sie auch den Schritt in den Westen geschafft und das Parteiensystem spannender gemacht. All das ist auch ein persönliches Verdienst von Gregor Gysi.

Bei allem, was man über diesen Mann sagen kann (aber manchmal nicht darf): Er gehört politisch zum Besten, was dem Land nach der Wende zugemutet werden musste, um nach dem Kampf der Systeme nicht zu glauben, dass der Kapitalismus die letzte gültige Antwort ist. Und wann erlebt man es schon, dass ein Politiker sich öffentlich unter Tränen bei Freunden und Familie entschuldigt für seine Arbeit: "Ich habe zu selten nein gesagt. Und mich zu wichtig genommen."

Hut ab, Genosse Gysi.



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insgesamt 149 Beiträge
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carlo02 07.06.2015
1. Er
ist ein rhetorisches Genie. Leider für die falsche Sache bzw. Partei. Er kann einem genau erzählen, wie etwas sein müßte, aber dabei dreht er Dinge so zurecht, wie er es braucht.
erik93_de 07.06.2015
2. Tatsachenverdrehung in freundlich klingenden Artikeln...
"immer noch seltsame Partei und Fraktion so zu führen, dass sie ihre Stammklientel nicht verprellen und dennoch politikfähig werden" Es ist die einzige politikfähige Partei; sie hat keinen Krieg unterstützt (im Gegensatz zu RotGrün), keinen sozialen Kahlschlag zu verantworten wie die SPD und postuliert keine Deutsche Hegemonie über Europa wie die CDU ("Es wird wieder Deutsch gesprochen in Europa" - Volker Kauder). Und sie ist auch kein Karrieresprungbrett für Altnazis gewesen. Und da nun die Schere zwischen arm und reich zugegebenermaßen ein immer größer werdendes Problem darstellt, ist die einzige Partei, die eine Reichensteuer will, eben auch die einzige politikfähige Partei. Und da gute Beziehungen zu Russland für Deutschland von vitalem Interesse sind und die etablierten Parteien eher amerikanische Aussenpolitik executieren, ist die Linke sogar die einzige Aussenpolitikfähige Partei.
821943 07.06.2015
3. Ein wunderbarer Kommentar,
der auch allen politischen Kontrahenten Gysis und seiner so wichtigen Partei aus dem Herzen spricht. Deutschland braucht diese Menschen, auch und vor allem, um ihnen zuhören zu müssen und sich an ihnen zu reiben. Ich hoffe, Gysi bleibt noch lange der großen politischen Bühne erhalten!
Baumsäge 07.06.2015
4.
"Diese Partei, so kompliziert und auch oft verlogen sie daherkommt, ist unverzichtbar." Diese Aussage ist grundfalsch. Diese Partei ist absolut verzichtbar, man braucht sie keineswegs. Allerdings ist das Ende der Linken absehbar und das ist gut so. Ich wünschte, man würde sie so achten und behandeln wie die Rechtsextremen, denn sie sind auf gleicher Linie.
forumgehts? 07.06.2015
5. Der
Mann hat sehr gute und zwangsläufig ebenso erfolglose Arbeit geliefert. Wenn er tatsächlich in Ruhestand geht und diesen aushält, so hat er sich das redlich verdient. Alles Gute! Nun bleibt den Linken nur noch die rotgewandete Donna Quichote, die gegen die Merkelschen Winderzeugungsmühlen anrennt. Lasst alle Linken Hoffnungen fahren!
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