SPIEGEL ONLINE: Dänemark will Grenzkontrollen wieder einrichten, Mitgliedstaaten hängen finanziell am Tropf. Wie steht es um Europa?
Cohn-Bendit: Es ist eine schwierige Zeit. Aber Jammern nützt nichts. Wenn es schwierig ist, muss man kämpfen.
SPIEGEL ONLINE: Und zwar wie?
Cohn-Bendit: Zum Beispiel, indem man ein paar Konsequenzen zieht. Man kann nicht durch irgendwelche absurden symbolischen Aktionen Gesetze umgehen. Die Dänen müssen sich entscheiden: Machen sie Ernst mit den Grenzkontrollen, müssen sie raus aus dem Schengen-Raum. Dann brauchen sie selbst aber auch wieder Visa, wenn sie durch Europa reisen. Für jeden europäischen Staat eins. Bitte sehr.
SPIEGEL ONLINE: Manche Kritiker sehen die dänischen Grenzkontrollen als Angriff auf den europäischen Geist. Sie auch?
Cohn-Bendit: Es geht nicht um den europäischen Geist. Es geht darum, europäischen Unsinn zu bekämpfen. Man muss Flagge zeigen. Es gibt kein Europa à la carte. Sobald Probleme auftreten, macht jeder, was er will - so funktioniert das nicht. Dann brauchen wir kein Europa. Wenn wir Gesetze haben, müssen sie überall umgesetzt werden.
SPIEGEL ONLINE: Reisefreiheit und Euro - mehr können viele Menschen mit Europa nicht verbinden. Versagen die politischen Institutionen in Brüssel?
Cohn-Bendit: Nein. 30 Jahre nach der französischen Revolution haben die Franzosen von der Republik auch noch nicht viel gemerkt. Es sind komplizierte historische Prozesse. Was viele Menschen nicht merken: Es stünde viel ernster, wenn wir den gemeinsamen Markt und den Euro nicht hätten. Unsere Wirtschaft würde weniger wachsen, unser Gemeinwesen wäre weniger stabil.
SPIEGEL ONLINE: Woher rührt dann die Skepsis, die sich in vielen Ländern gegenüber Brüssel breitmacht?
Cohn-Bendit: Das Positive wird eingesteckt, Schwierigkeiten stoßen auf. Das ist nicht nur in Sachen Europa so. Aber klar ist auch: Wir erleben gerade, dass viele Menschen rückwärtsgewandt sind. Sie sehnen sich nach Vergangenem. Das ist menschlich - aber falsch. Deswegen müssen wir viel erklären und nicht aufgeben, wenn Rechtsextreme irgendwo mal 20 Prozent holen. Das sind noch keine 50 Prozent.
SPIEGEL ONLINE: Ein schwacher Trost, oder?
Cohn-Bendit: Mag sein, aber ich bin nicht ohne Hoffnung. Im Gegenteil. Ich glaube, dass Europa notwendig ist. Ich lasse mich nicht von vergreisten Theorien ins Boxhorn jagen.
SPIEGEL ONLINE: Wie kann die europäische Idee wiederbelebt werden?
Cohn-Bendit: Wir brauchen in den unterschiedlichen Ländern einen Mentalitätswechsel. Die Deutschen sind nicht nationalistisch. Aber sie wollen, dass Europa so tickt wie sie. Die Franzosen sind nicht nationalistisch. Aber sie wollen, dass Europa so tickt wie sie. So kann das nicht weitergehen. Europa muss zusammen anders ticken. Es kann nicht sein, dass die großen Regierungen die kleinen erpressen, sobald etwas nicht in ihrem Sinne läuft. Wir brauchen eine gemeinsame Wirtschaftsregierung. Wir brauchen eine wirksame Kontrolle des Finanzsystems. Das kann man aber nur erreichen, wenn das Bewusstsein entsteht, dass davon alle Staaten profitieren. Nicht nur einzelne.
SPIEGEL ONLINE: Griechenland wird wohl neue Milliardenhilfen benötigen, auch aus Deutschland. Warum ist es gerecht, die Fehler anderer Regierungen auszubügeln?
Cohn-Bendit: Weil wir teilgenommen haben an den Fehlern der dortigen Regierung. Unsere Industrie hat sich in Athen getummelt, und wir haben für Milliarden von Euro Waffen nach Griechenland verkauft.
SPIEGEL ONLINE: Aber ein paar der griechischen Probleme sind ja durchaus hausgemacht.
Cohn-Bendit: Ja. Genauso wie Deutschland ein hausgemachtes Problem mit den wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung hatte. Da stand Europa ohne Wenn und Aber auf deutscher Seite. Das vergisst man manchmal. Die Integration der DDR in den europäischen Wirtschaftsraum ging erstaunlich problemlos. Daran sollten wir denken, wenn wir über Hilfen für Partnerländer reden.
SPIEGEL ONLINE: Was wäre so schlimm daran, wenn einzelne Staaten wie Griechenland aus der Euro-Zone austräten?
Cohn-Bendit: Das Problem wäre, dass die griechischen Schulden in die Höhe schießen würden und das Land sie nicht mehr bezahlen könnte. Das würde die dortigen Banken beschädigen und das ganze europäische System. Griechenland helfen wir nicht nur wegen der Griechen. Griechenland helfen wir vor allem aus Eigeninteresse. Das muss man verstehen.
Das Interview führte Veit Medick
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Europa | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH