Besserwisser in der Union Sie haben es immer gesagt - was sagen sie jetzt?

Manche Unionspolitiker warnen seit Jahren vor der Griechenland-Katastrophe. In der eigenen Partei wurden sie als Nörgler abgetan. Schlägt jetzt die Stunde der Besserwisser?

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Wolfgang Bosbach und Klaus-Peter Willsch haben diesen Tag vorhergesagt. Sie sind dafür belächelt worden - und galten irgendwann nur noch als Euro-Nörgler und Dauerkritiker. Im Februar warnte Bosbach noch, die griechische Regierung werde so viele Zugeständnisse machen, wie man in Brüssel machen müsse, um weitere Zahlungen zu erhalten: "Aber in Athen wird man nur das in praktische Politik umsetzen, was man selbst für richtig hält."

Nun droht einzutreten, wovor die beiden CDU-Bundestagsabgeordneten beständig gewarnt haben - das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone. Beide könnten sich jetzt als Rechthaber aufführen. Doch solch eine Stimmung kommt bei Bosbach und Willsch in den Stunden, da die Lage sich in Griechenland stündlich verschlimmert, gar nicht auf. Sagen sie zumindest. Wer will in der aktuellen Lage schon öffentlich als Besserwisser dastehen?

"Für Genugtuung ist angesichts der verschossenen Milliarden kein Platz", so Willsch zu SPIEGEL ONLINE. Willsch gehörte von Beginn an zu den Skeptikern der Hilfsprogramme, bereits vor fünf Jahren, als die Eurozone begann, Athen unter die Arme zu greifen. Der Mann aus Hessen wurde nach und nach immer deutlicher in seinen Aussagen. "Alle Reformzusagen, die die griechische Regierung machen wird, sind nichts anderes als ein großer Bluff", warnte er kürzlich. Vielen in der Fraktion gefielen die offenen Worte nicht, auch wenn viele genauso dachten und denken. Und so gilt der 54-jährige Willsch seit Längerem als eine Art Außenseiter in der Unionsfraktion.

Auch der 63-jährige Bosbach, der in Sachen Griechenland in so viele TV-Talkshows eingeladen wird wie kaum ein anderer Kritiker aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hält sich mit Hohn und Spott über die "Euro-Retter" zurück. Über Kanzlerin Angela Merkel, über die EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker, über Mario Draghi und die Europäische Zentralbank und Christine Lagarde und den Internationalen Währungsfonds. "Die Protagonisten der Rettungspolitik für Griechenland haben es im Moment schwer genug", sagte der Vorsitzende des Innenausschusses zu SPIEGEL ONLINE.

"Keinen Sinn, in den Rückspiegel zu schauen"

Besserwisserei, so Bosbach, nütze jetzt niemandem. Schon gar nicht den Hauptakteuren nach "jahrelangen unzähligen Verhandlungen, viel Mühe, milliardenschweren Rettungspaketen - ohne eine wirklich durchgreifende Verbesserung der Lage Griechenlands".

Mit ihrer kritischen Haltung zur Eurorettung haben sich Bosbach und Willsch in ihrer Fraktion nicht gerade beliebt gemacht. Sich gegen eine vorherrschende Meinungsströmung zu stellen, macht in jeder Partei angreifbar. Auch der eigenen Laufbahn ist es nicht unbedingt förderlich.

Willsch hat den Karriereknick, so sieht er es jedenfalls, am eigenen Leibe erfahren müssen. Eigentlich wollte er nach der Bundestagswahl 2013 weiter im Haushaltsausschuss bleiben, doch er durfte nicht. Das Gremium, dem er seit 2002 angehört hatte und in dem er zuletzt Obmann für seine Fraktion war, musste er verlassen. Er vermutete dahinter die Unions-Fraktionsführung, die den jüngeren Abgeordneten zeigen wollte, was mit Abweichlern geschieht.

Seitdem sitzt er im Wirtschaftsausschuss. Willsch ärgert sich, dass es ihm nicht gelungen ist, früher mehr Unterstützung in der Fraktion für seine Überzeugung zu gewinnen. "Aber besser jetzt als noch später - die Geldverbrennung muss beendet werden", sagte er am Montag.

Schon seit Längerem ist die Kritik am Euro-Rettungsprogramm keine Sache mehr von Willsch und Bosbach allein. Bei der Verlängerung des zweiten Hilfsprogramms für Griechenland gaben im Frühjahr über hundert Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion schriftlich ihre Bedenken zu Protokoll. Der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand, Christian von Stetten, machte kürzlich noch einmal auf SPIEGEL ONLINE deutlich, dass er einem dritten Hilfspaket nicht zustimmen werde.

Auch die Jungen verlieren zunehmend die Geduld mit Athen. Der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung in der Union, Carsten Linnemann, forderte zuletzt eine geordnete Insolvenzordnung in der Eurozone, an deren Ende Sanierung oder Ausscheiden stehen müsse. Der 37-Jährige hält es nun wie Bosbach und Willsch - und spart sich seinen Spott. "Es macht in diesen Tagen keinen Sinn, in den Rückspiegel zu schauen", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete zu SPIEGEL ONLINE. Griechenland habe sich am Wochenende selbst aus dem Spiel katapultiert: "Jetzt", sagt Linnemann, "müssen wir es auch beenden."


Zusammengefasst: Die Griechenland-Skeptiker wurden in der Union mal belächelt, mal ausgegrenzt. Über Jahre warnten Politiker wie Wolfgang Bosbach und Klaus-Peter Willsch vor dem Crash in Athen. Nun, wo der große Knall droht, halten sie sich mit Hohn und Spott allerdings zurück. Als Besserwisser wollen sie nicht dastehen.

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Seite 1
lupidus 30.06.2015
1.
wieso "besserwisser" ? dieser ausdruck ist betont negativ. sollte man die leute, angesichts der aktuelle ereignisse, nicht eher "realisten" nennen ? und wieso wurde nicht auf sie gehört ? war da etwa jemand unrealistisch, illusorisch, mit der rosa brille bekleidet ?
stefanmargraf 30.06.2015
2. Tja, Bosbach nächster Bundeskanzler?
....Merkel muss nun die Konsequenzen ziehen..
delano75 30.06.2015
3. Nicht Besserwisser, sondern Feiglinge
Wolfgang Bosbach und Klaus-Peter Willsch sind keine Besserwisser, sondern Feiglinge. Laut Grundgesetz sind sie nur ihrem Gewissen unterworfen. Demzufolge hätten sie nie für ein Rettungspaket stimmen dürfen. Weil sie aber zu feige sind und die Staatsräson wichtiger nehmen als das Grundgesetz, haben sie zugestimmt. Nun können sie auch einem dritten oder vierten Hilfspaket zustimmen. Das macht keinen Unterschied mehr.
rockwater 30.06.2015
4. Die Mehrheit
hat es schon lange besser gewusst. Der Spiegel gehörte allerdings nicht dazu.
iffelsine 30.06.2015
5. Das gil für alle Parteien !
Die Bosbachs in allen Parteien standen am Pranger als Nestbeschmutzer. Wenn sich diese Bosbachs in einer neuen Partei zusammenfinden, hat Europa eine Chance !
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