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07. Juli 2015, 17:17 Uhr

Deutsche Abgeordnete zu Griechenland

"Abartiger Politikstil. Bin fassungslos!"

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Das Nein der Griechen zum Reformprogramm lässt alle Zurückhaltung vergessen: Im Netz reagieren Abgeordnete des Bundestages mit Wut, Häme und Taktlosigkeiten. Geht's auch eine Nummer kleiner?

Die Sache mit Griechenland ist kompliziert. So kompliziert, dass im Moment niemand sicher sagen kann, wie es nach dem Nein der griechischen Bevölkerung zum Reformprogramm weitergehen wird. So kompliziert, dass heute Abend auf dem x-ten Krisengipfel um eine Lösung gerungen wird.

Doch aus Sicht einiger Bundestagsabgeordneter ist die Lage ganz einfach: Griechenland ist selbst schuld am eigenen Elend, sagen die einen. Endlich haben die Griechen es den Geldgeber-Knechten gezeigt, sagen die anderen. In der Aufregung des Augenblicks ist für Zwischentöne kein Raum - im Netz sprudeln Wut, Häme und Taktlosigkeiten.

Das Referendum scheint einen neuen Mitteilungsdrang provoziert zu haben: Viel Meinung - selten wohl durchdacht. Zurückhaltung gilt für einige Parlamentarier nicht mehr. Eine Auswahl der fiebrigsten Äußerungen der letzten Tage:


Alle Register zog die CSU am Abend des Referendums. Da schäumte Generalsekretär Andreas Scheuer: "Die linken Erpresser und Volksbelüger wie Tsipras können mit ihrer schmutzigen Tour nicht durchkommen." Ironischerweise garnierte er seinen Appell mit dieser Ergänzung: "Wir müssen jetzt besonnen reagieren."


Der 30-jährige CDU-Abgeordnete Kai Whittaker verballhornte auf seiner Website Schäubles berühmtesten Griechenland-Spruch: "Jetzert isch's ganz over", schreibt er da im Heimatdialekt. Für ihn ist klar: "Europa kann die Probleme Griechenlands nicht lösen. Das muss es schon selbst wollen."

Sebastian Steineke, 42-jähriger CDU-Abgeordneter aus Brandenburg, twitterte, er könne die "Aufregung über das Ergebnis nicht verstehen, Reisende soll man nicht aufhalten, oder?"

Die rote Linie ist auch für den CSU-Abgeordneten Volker Ullrich überschritten: "Das 'Oxi - Nein' in Griechenland muss auch unser 'Nein' nach sich ziehen. Griechenland muss sich selbst helfen", schreibt er.

Sein Fraktionskollege, der frühere Seriendarsteller Charles M. Huber (CDU), meint zum Varoufakis-Rücktritt: "Alle für dumm verkauft, nun Rücktritt. Abartiger Politikstil. Bin fassungslos!"

Auch für CSU-Mann Johannes Singhammer, Vizepräsident des Bundestags, werden 140 Zeichen der Situation gerecht: "Warum soll eine Rentnerin aus München mit ihren Steuereuros indirekt dafür haften, dass reiche griechische Reeder zu wenig Steuer zahlen?", twitterte er.

Und die CDU-Politikerin Elisabeth Motschmann, vor ein paar Wochen noch Bremer Spitzenkandidatin, hat ebenfalls genug: "In ein Fass ohne Boden gehören keine weiteren Steuergelder", schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite.

Der Brandenburger CDU-Abgeordnete Jens Koeppen twitterte zum Varoufakis-Rücktritt: "Der erste Brandstifter verlässt den Tatort."



Auch beim Koalitionspartner SPD setzt mancher auf verbales Zündeln. Wie die "Augsburger Allgemeine Zeitung" berichtet, bezeichnete der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Brunner die griechische Regierung bei einem Auftritt als "durchgeknalltes Team, das sein Land in den Abgrund führt". Brunner distanzierte sich nicht von dem Zitat, teilte den Artikel auf seiner Facebook-Seite.

Und die SPD-Abgeordnete Marina Kermer forderte in einem Facebook-Kommentar Solidarität "mit dem Volk, das leidet und für Perspektive Strukturänderungen will!" - nicht jedoch "für Griechen, die mit Taschen voller Geld über alle Berge sind und jene, die meinen den 'großen Max' zu machen und uns LINKEN wollen!"

"Varoufakis tritt zurück, strickt gleichzeitig an seiner Legende und hinterlässt seinem Nachfolger die Trümmer. Verantwortungslos wie immer", schrieb der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs. Auf Facebook fällt ihm zur griechischen Regierung nur ein: "Die spinnen!"

Während die Grünen auffallend zurückhaltend sind, reklamieren die Linken das Nein der Griechen als Erfolg für alle europäischen Linken. Einfache Freude genügt aber nicht, wie ein Website-Eintrag des früheren Parteichefs Klaus Ernst zeigt - es muss gleich wie bei der US-Serie "True Blood" zugehen: "Die Griechen akzeptieren nicht mehr, dass einige Wenige ihre falschen Dogmen durchpeitschen, die den Griechen und anderen das Blut aus den Adern saugen, sie verarmen lässt und für Jahrzehnte handlungsunfähig macht."

Sein Fraktionskollege, der Linken-Abgeordnete Niema Movassat, rief zum Schäuble-Rücktritt auf: "Möglicher Deal: Im Gegenzug zu Varoufakis Rücktritt tritt nun auch Schäuble zurück. Wäre ein klares Zeichen, dass Deutschland Einigung will", twitterte er.


Was sollen Sätze wie diese jetzt bezwecken? Die Situation ist schon beunruhigend genug - und verfahren: Viele Probleme Griechenlands sind hausgemacht, und wenn Varoufakis den Gläubigern "Terrorismus" vorwirft, ist das nicht hilfreich. Aber auch die Geldgeber leisteten sich Fehler. Wer gerade eine Seite für alles verantwortlich macht, wie einige Abgeordnete, macht es sich einfach. Zu einfach.

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