S.P.O.N. - Im Zweifel links Wilhelm Zwo statt Bismarck

Unter Angela Merkel sind wir wieder die Deutschen, vor denen man uns immer gewarnt hat: selbstverliebt und selbstgerecht. In der Griechenlandkrise ist für uns klar: Schuld haben immer die anderen.

Eine Kolumne von


Deutschland muss in Europa die Führung übernehmen. Wir sind dafür prädestiniert. Und zwar nicht nur wegen unserer Größe. Sondern - jetzt kommt es - wegen unserer Geschichte! Herfried Münkler, Lieblingspolitologe der deutschen Neocons, hat sich das ausgedacht. Münkler sagt, die ungeheure Schuld, die Deutschland in der Vergangenheit auf sich geladen hat, mache es "verwundbar". Und: "Ein Hegemon, der um seine Verwundbarkeit weiß und sie auf Schritt und Tritt spürt, wird in der Regel auch nicht als Hegemon auftreten."

Die Griechenlandkrise zeigt: Das ist vollkommener Unsinn. In Wahrheit treten die Deutschen längst wieder ganz ungehemmt als Lehr- und Zuchtmeister in Europa auf. Wie lange liegt die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zurück? In so kurzer Zeit haben wir so viel über uns gelernt. Wer geglaubt hat, wir seien inzwischen die Guten, der sollte noch mal nachdenken.

Die verquere Argumentation des Neonationalisten Münkler illustriert, wie findig unsere Deutschmeister ihren machtpolitischen Ehrgeiz quasi-wissenschaftlich rechtfertigen. Dabei missverstehen die Deutschen die Gegenwart - und vergessen ihre eigene Geschichte. Mit Bismarck hat die "Bild"-Zeitung Angela Merkel verglichen. Aber ein Bismarck ist diese Kanzlerin nicht. Passender wäre der Vergleich mit Wilhelm Zwo.

Wehe dem Volk, das eine Regierung wählt, auf der nicht Merkels Segen ruht. Es wollte ja schon einmal ein griechischer Premierminister ein Referendum abhalten, Georgios Papandreou, im Oktober 2011. Es kam dann nicht dazu, Papandreou wurde von den eigenen Leuten um sein Amt gebracht. Aber erst mal waren die Deutschen fuchsteufelswild. Als sie von der Sache Wind bekamen, stoppten sie die Zahlung einer fälligen Tranche - einfach so. Und als sie sich eines Besseren besonnen hatten, formulierte Angela Merkel persönlich die Frage, die dem griechischen Volk vorgelegt werden sollte.

In der Eurokrise agieren wir mit geradezu kaiserlicher Selbstgerechtigkeit. Jeder kennt jetzt Beispiele von deutscher Generosität und Griechenfreundlichkeit. Zum Beispiel die Geschichte von den 35 Milliarden Euro an Investitionshilfen, die die Geldgeber dem Gier-Griechen Tsipras angeboten haben. Stand in der "Welt am Sonntag", unter der Überschrift: "Athens Geldgeber haben sich nichts vorzuwerfen."

Deutschland hat seine öffentlichen Schulden nie zurückgezahlt

Wie man es nimmt: Es handelte sich da keineswegs um ein Entgegenkommen der reichen Gläubiger. Sondern um Geld aus den Strukturfonds der EU. Jeder Mitgliedstaat hat darauf Anspruch - wenn er in der Lage ist, 15 Prozent der Summe selber beizusteuern. Das kann Griechenland vermutlich nicht. Merkel wurde für ein Versprechen gelobt, das erstens keins war und das sich Griechenland zweitens gar nicht leisten konnte.

Egal. Hauptsache, man kann sich die Sache so schönreden wie die "Süddeutsche Zeitung": "Immer wieder hat diese Euro-Gruppe Erleichterungen angeboten, zuletzt die Senkung der Überschusserwartung auf ein Prozent."

Auch richtig. Ein Prozent im Jahr 2015. Aber zwei Prozent im kommenden Jahr. Und drei Prozent im Jahr darauf. Das erwähnt der SZ-Kommentator lieber nicht. Und er stellt sich auch nicht die Frage, wie man einem jungen Griechen erklären soll, dass er noch Jahrzehnte lang für die Schulden seiner Eltern aufkommen muss.

Die Deutschen mussten das übrigens nie. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat daran erinnert: "Deutschland ist wirklich das Vorzeigebeispiel für ein Land, das in der Geschichte nie seine öffentlichen Schulden zurückgezahlt hat. Weder nach dem Ersten noch nach dem Zweiten Weltkrieg."

"Europa wurde auf dem Vergessen der Schulden und dem Investieren in die Zukunft gegründet"

Längst haben Ökonomen, die nicht dem zerstörerischen Austeritätsdogma anhängen, den Weg aus der Krise gezeigt: Die Schulden von Staaten müssen nicht zurückgezahlt werden. Eine Mischung aus Inflation, Sondersteuern auf Privatvermögen und Schuldenschnitten löst das Problem. Piketty: "Europa wurde auf dem Vergessen der Schulden und dem Investieren in die Zukunft gegründet." Und nicht auf Merkels protestantischer Idee der ewigen Buße.

Die Europäische Integration war auch gedacht als Projekt der Einhegung Deutschlands. Und langsam könnte uns dämmern: So abwegig war es damals nicht, vor dem Wiedererwachen eines dunklen deutschen Nationalismus zu warnen. Die europäischen Staaten, die bei der Niederwerfung Griechenlands jetzt mit Merkel gemeinsame Sache machen, könnten das eines Tages bereuen. Was wir heute mit den Griechen machen, kann morgen den Franzosen blühen.

Sebastian Haffner hat geschrieben, es sei das Unheimliche an der deutschen Geschichte, dass das Deutsche Reich "fast von Anfang an seine eigene Zerstörung betrieben zu haben scheint. Mit seiner immer größeren und immer weniger berechenbaren Machtentfaltung schuf es sich die Welt von Feinden, an der es zerbrochen ist."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 450 Beiträge
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Seite 1
breakthedawn 09.07.2015
1. Die Schuld liegt beim Schröder
und bei den Amis, die die Bücher der Griechen frisiert haben und damit ein faules Ei ins EU-Nest gelegt haben. Somit auch wohl kalkuliert, dass es irgendwann gehörig anfängt zu stinken.
Olaf 09.07.2015
2. Nein, Schuld haben immer wir!
Damit wir das nicht vergessen, haben wir extra Leute die uns immer daran erinnern.
roxxor 09.07.2015
3.
wurde nicht zuletzt hier im Spiegel noch geschrieben wie sehr Frau Merkel Herrn Bismarck gleicht und das beide "eiserne Kanzler" waren? Selbstverliebt und besonders selbstgerecht kommen mir ebenfalls die Griechen vor. Ist es den Griechen nicht einen Hauch peinlich, dass sie seit jeher Zahlungsempfänger in der EU sind? seit Jahrzehnten durchgefüttert und null Reformen... Ich kann nicht nur den deutschen Ärger verstehen, viel mehr würde ich mich als Portugiese, Slowene oder Litauer schwarz ärgern.
demoforcrazy 09.07.2015
4. schwach
Selten einen Artikel gelesen der so von einem wunschdenken ausgeht und dann die Fakten solange verbiegt bis man scheinbar Argumente hat. zur erinnerung herr pseudo historiker bismarck hat immer vor dem Balkan gewarnt und sich daraus gehaltengenau das gleiche sollten wir jetzt auch machen überhaupt nichts
moev 09.07.2015
5.
---Zitat--- Als sie von der Sache Wind bekamen, stoppten sie die Zahlung einer fälligen Tranche - einfach so. ---Zitatende--- Und wo ist das Problem? Die Griechen stoppen fällige Rückzahlungen doch auch gerne "einfach so".
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