Tsipras-Besuch in Berlin Die Rechthaberin

Wenn Alexis Tsipras heute nach Berlin kommt, hat Angela Merkel zwei Möglichkeiten: Sie bekennt sich zu einer Europäischen Union, die mehr ist als eine Ansammlung ökonomischer Kennziffern. Oder sie lässt es bleiben. Dann kann man die EU bald begraben.

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Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras (Mitte) und Kanzlerin Angela Merkel in Brüssel, 19. März 2015:
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Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras (Mitte) und Kanzlerin Angela Merkel in Brüssel, 19. März 2015:


Idiot, hier gilt doch rechts vor links! Und jetzt rast mir der in die Fahrbahn, obwohl ich Vorfahrt habe! Was tun? In die Bremsen treten, widerwillig zwar, um einen Unfall zu vermeiden? Oder doch lieber Gas geben? Schuldig ist doch der andere in seiner alten Schrottkarre. Hätte er mal besser aufgepasst. Und wozu hat man denn die tollen neuen Seitenaufprallschutz-Airbags? Die werden schon halten, da kann nichts passieren.

Angela Merkel, so scheint es, gibt Gas. Sie hat die ökonomische Gesamtlage in Europa analysiert und ihre Politik der eisernen Sparsamkeit als richtig identifiziert. Und jetzt bleibt sie dabei, sich nach deren Regeln zu verhalten, unbeirrbar. "Ich stehe ziemlich allein in der EU. Aber das ist mir egal, ich habe recht", wird die deutsche Kanzlerin im aktuellen SPIEGEL zitiert, und egal wie klein der Kreis war, in dem sie das gesagt hat, egal, in welchem genauen Zusammenhang er gefallen ist (hier ging es um die Rolle des IWF) - es ist ein fataler Satz aus dem Mund einer deutschen Regierungschefin.

Was ist Europa wert, wenn es etwas kosten könnte?

Man muss kein Freund Helmut Kohls sein, um ihn für seine Idee der Stellung Deutschlands in Europa zu bewundern: Ein Land, das in guter Nachbarschaft und stets in engster Abstimmung mit seinen europäischen Partnern agiert, in einen Staatenverbund eingebunden, der so eng und solidarisch miteinander verwoben ist, dass Grenzkontrollen überflüssig werden und Kriege undenkbar.

Kohl hat diese Idee, wie offenbar so einiges in seiner politischen Laufbahn, in erster Linie monetär, mit dem in Deutschland vergleichsweise unbegrenzt zur Verfügung stehenden Bimbes zu verwirklichen versucht: Die Europäische Union war von Anfang an ein vornehmlich ökonomisches Projekt mit einem ideellen Ziel. Über den freien Handel und die gemeinsame Währung sollten seine Bürger zu einer europäischen Identität finden.

Hier liegt die europäische Sollbruchstelle: Was europäische Solidarität den Deutschen wert ist, wenn sie etwas kosten könnte und nicht nur die deutschen Exporte beflügelt, können wir gerade erleben. Wenig ist sie ihnen wert. Die europäische Identität, daran konnte kein Jugendaustausch etwas ändern, ist längst nicht so wichtig wie der Blick aufs eigene Konto. Merkel, mit ihr Wolfgang Schäuble und die traditionell xenophobe CSU haben, flankiert von der "Bild"-Zeitung, im eskalierten Streit mit Griechenland belehrt, gedroht und auftrumpfend das Ausscheiden des klammen Landes aus dem Euro als verschmerzbar umdefiniert.

Der einzige Zusammenhalt: Das Geld

Sie reduzieren damit die Europäische Union auf eine Ansammlung ökonomischer Kennziffern. Was bei Kohl noch Mittel zum Zweck war, scheint bei ihnen der einzige Zusammenhalt zu sein: das Geld. Die Idee, was mit diesem Geld bezahlt werden sollte, ein gemeinsames Europa nämlich, scheint völlig verblasst.

Man kann sich darüber streiten, ob die von Deutschland verordnete Sparpolitik ökonomisch richtig ist oder fatal. Für die Idee einer tatsächlichen europäischen Gemeinschaft ist sie in jedem Falle zersetzend: Das ist keine Gemeinschaft, in der sich Partner beschimpfen, belehren und gängeln.

Wenn heute der griechische Regierungschef Alexis Tsipras nach Berlin kommt, könnte sich Angela Merkel darauf besinnen, dass Europa mehr sein muss als Kredite und Zinsen, damit es überleben kann.

Sie könnte dem Griechen signalisieren, dass die Deutschen bereit wären, ihre alte Kriegsschuld anzuerkennen - wenn schon nicht in Form von Reparationszahlungen, die möglicherweise zahlreiche Forderungen anderer Nationen nach sich ziehen würden, so doch in Form einer Stiftung, die etwas tut für das deutsch-griechische Verhältnis.

Sie könnte Wohlwollen und vielleicht sogar Entgegenkommen zeigen, wenn ihr der griechische Regierungschef Zusicherungen für Reformen macht - freilich, ernstgemeinte und substantielle Zusicherungen müssten es schon sein.

Oder aber Angela Merkel beschließt, ihrer bisherigen Linie treu und hart zu bleiben, und Griechenland notfalls aus dem Euro fliegen zu lassen. Vielleicht rettet sie so die Währung über die nächsten Jahre.

"Scheitert der Euro, dann scheitert Europa", hat die Kanzlerin oft gesagt. Aber wer sagt, dass Europa überlebt, wenn sie den Euro so rettet, dass dabei Europäer auf der Strecke bleiben? Angela Merkel könnte darauf bestehen, recht zu haben - und damit Europa ruinieren.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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eskimoser 23.03.2015
1. Es geht doch nur um eines:
Den Euro. Und nie um die EU, die waere Collateral! Und da dies von beiden Parteien, der griechischen, wie der deutschen, so betrachtet wird, ist so nebenbei die EU in die Verhandlungsmasse gerutscht. Und es geht nach wie vor auch nur darum, wie man Griechenland im bereits kaputten Euro haelt, ohne den Zorn der waehler zu Hause auf sich zu ziehen. Es waere alles so viel einfacher, wenn Deutschlands stimmrechyt waere, wie das in der EZB Haette die Finanzindustrie 51%, waere das alles schon laengst und auf Kosten der 'Minderleister' geregelt.
gubben 23.03.2015
2. Wir sollten dem Europäischen Gedanken ehren
Wen man nach Osten schaut stellt man schnell fest das der Europäische Gedanke mehr ist als Ekonomie. Wären wir nicht Europeer sondern deutsche schweden engländer usw hätten wir schon vor 20 Jahren einen grossen Krieg in Europa erlebt. Gruss aus Schweden
stefan.p1 23.03.2015
3. nur eine Meinung
die aber leider wieder zeigt die einige Journalisten mindestens genau so abgehoben sind wie unsere Politiker.Das Griechenland auch mittelfristig nicht konkurenzfähig sein wird, weiß mittlerweile jeder.Sollen wir die Griechen auch die nächsten 10Jahre weiter durchfüttern? Über die Zukunft des Euros kann man ja streiten , aber die hängt nicht mit der Zukunft der EU zusammen.
Miere 23.03.2015
4. am Thema vorbei
Wieso hat nur Merkel zwei Möglichkeiten? Wieso nicht auch Tsipras: Etwas Machbares auf den Tisch legen, oder eben nicht und trotzdem Geld fordern? Europäisches Zusammenwachsen kann nicht heißen, dass alle anderen ewig Geld nach Griechenland schicken müssen. Vorübergehend ja, gerne. Da sind wir ja bei. Aber da muss Tispras mal einen durchführbaren Plan auf den Tisch legen, bei dem mittelfristig ein Ende in Sicht kommt.
patrick_lgb 23.03.2015
5. Realitätsfern
Weder bin ich Wähler von Angela Merkel noch der CSU, und dennoch finde ich diese Analyse reichlich realitätsfern. Ein Land dessen Gesellschaft nicht bereit ist eine normal funktionierende Volkswirtschaft zu installieren, eine Bevölkerung für die das Wort Steuerzahlen ein Fremdwort ist, will nun mittels irgendwelcher angeblicher Naziverbrechen und in Vermengung dessen weitere Milliarden erhalten, wie soll denn so etwas irgendeine Regierung auf der Welt es dem Wahlvolk beibringen? Mit welchem Recht muss man den griechischen Parier den miternähren, und dabei auf Investitionen im eigenen Land verzichten. Die Sparpolitik ist mitnichten ein Allheilmittel, dennoch ist doch wohl jedem klar dass Mann nicht kontinuierlich mehr ausgeben kann als man einnimmt, und zudem nicht tut damit man etwas einnimmt. Solange dies von egal welchem Steuerzahler in der EU gefordert wird gibt es kein einig Europa. Wir haben alle Verpflichtungen und Rechte. Zudem scheint mir das Recht auf Reparationszahlungen in eben diesem Moment als eine schlichte Unverschämtheit, hier wird geschickt versucht Feindschaft zu sähen. Und das hat bestimmt nicht Frau Merkel initiiert, wobei man nicht vergessen darf, dass sie die Kanzlerin aller Deutschen ist!
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